Vorlesen

Festtage: Telefonseelsorger helfen bei Weihnachtsstress

Uhr | Aktualisiert 21.12.2012 13:45 Uhr

Für viele Menschen sind die besinnlichen Weihnachtstage eine schwierige Zeit. (FOTO: DPA)

Von
Viele Menschen spüren an den Feiertagen nur die Einsamkeit, die sie schon das ganze Jahr über quält. Dann laufen bei der Ökumenischen Telefonseelsorge die Hörer heiß.
Drucken per Mail
Dresden/dapd. 

Plätzchenduft liegt in der Luft. Aus dem Radio tönen die Weihnachtsklassiker. Es soll ein Fest der Liebe sein, bei dem sich alle nahekommen. Doch viele Menschen spüren an den Feiertagen nur die Einsamkeit, die sie schon das ganze Jahr über quält. Dann laufen bei der Ökumenischen Telefonseelsorge die Hörer heiß. „Wir sitzen hier rund um die Uhr und die Tage sind gut gefüllt“, sagt Eckart König. Seit über 20 Jahren leitet er die Dienststelle in Dresden und weiß was zu tun ist, wenn das Fest einmal nicht so verläuft wie erwartet.

Dann kommen die Telefonseelsorger zum Einsatz. 70 sind es in Dresden, rund 420 in ganz Sachsen. „Die Leute brauchen jemanden, der sie anhört, der Zeit für sie hat“, erklärt König. Umso wichtiger sei dies an Weihnachten, wenn mehrere Kontakt- und Beratungsstellen geschlossen hätten. „Viele Menschen fühlen sich dann allein gelassen und fallen in ein Loch“, weiß der 60-Jährige, „vor allem Frauen und Männer mittleren Alters und Ältere.“ Noch gut erinnert er sich an die Gespräche, als er vor 25 Jahren als Seelsorger anfing und selbst am Sorgentelefon saß. Die Probleme zum Fest haben sich seither kaum geändert.

Schenkdruck, Familienstreit und Einsamkeit

Eine Frau mit einer ruhigen Stimme wartet in der Dienststelle darauf, dass das Telefon klingelt. Dass Menschen bei ihr anrufen und über ihre Nöte sprechen, über ihre zerrüttete Familie, die selbst an den Festtagen nicht zusammenfindet. Über Geldnot und die Angst, die Wünsche der Kinder nicht erfüllen zu können. Oder über die Selbstzweifel, die in der besinnlichen Zeit übel aufstoßen. Sie will Anrufern Mut machen, die ein Fest der Enttäuschung erleben, weil ihre Erwartungen unerfüllt blieben. Bis zu 20 Stunden investiert sie im Monat in das Ehrenamt. „Ich habe gespürt, dass ich gewisse Fähigkeiten in mir habe - Zuhören, für andere da sein und Anteilnahme“, sagt sie.

Um Weihnachten arbeiten zu müssen, macht der Seelsorgerin nichts aus. Jedes Jahr versuche sie, zwischen den Feiertagen und Neujahr Dienst zu leisten. Unterstützung hat sie, wie sie sagt: „Ich habe Rückhalt in der Familie und daher fühle ich mich gestärkt.“ Der Zuspruch tut gut, denn die Probleme Anderer belasten. „Die persönlichen Lebensgeschichten können manchmal eine ziemliche Härte bekommen“, räumt die Seelsorgerin ein. Was einige Menschen ertragen müssten, bewege sie sehr.

Umso wichtiger ist, dass die Seelsorger gut geschult sind - richtig helfen können, aber auch selbst Hilfe bekommen. Bevor sie zum ersten Mal Anrufe entgegennehmen, haben sie eine einjährige Ausbildung hinter sich. Einen Abend pro Woche lernen sie zuzuhören und Verständnis zu zeigen. Psychologisch geschulte Fachkräfte, sogenannte Supervisoren, helfen anschließend, mit den Belastungen des Jobs klarzukommen. Schwierige Probleme werden in Gruppen aufgearbeitet. „Das ist für alle ein sehr wertvoller Schatz, das hilft auch in der Persönlichkeitsentwicklung“, ist die Seelsorgerin überzeugt.

Telefonseelsorge als Türöffner

Anklang findet die Telefonseelsorge der Kirchen auch bei Psychologie-Professor Jürgen Hoyer. „Bei der Telefonseelsorge geht es um sofortige Hilfe, da wüsste ich nicht, wie das besser gehen könnte als telefonisch“, lobt der Leiter einer Institutsambulanz der Technischen Universität Dresden. Eine gelungene Telefonseelsorge könne vielleicht auch die Angst vor einer eindringlicheren Psychotherapie nehmen. Außerdem wirke sie deeskalierend, wenn in der Familie „lange schwelende Konflikte eine Dringlichkeit und Schärfe kriegen, die dann möglicherweise nach Weihnachten schon wieder vorbei ist.“

Die Seelsorgerin mit der ruhigen Stimme hofft selbst auf ein friedliches Fest. „Ich feiere im großen Familien- und Freundeskreis, das ist sehr bunt“, sagt sie. Neulich habe aber auch ihre Familie über Probleme gesprochen: „Wir schauen neu, was ist uns wichtig ist und versuchen recht ehrlich damit umzugehen - und dann ist es besonders schön, wenn uns das auch gelingt.“