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Essen & Trinken: Brandenburger ist Vater der Pappteller

Uhr | Aktualisiert 26.07.2010 08:48 Uhr
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100-jährige Pappteller

Rund 100 Jahre alt sind die geprägten Pappteller, die auf aktuellen Produkten im Papiertellerwerk (PVL)in Luckenwalde auf der aktuellen Produktion liegen. (FOTO: DPA)

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Eine Currywurst mit Besteck von edlem Porzellan zu verspeisen - undenkbar. Auch Pizza oder ein Grillsteak schmeckt im Freien vom Pappteller am besten. Wenn es ihn nicht schon gäbe, müsste er erfunden werden. Doch wer war's?
Luckenwalde/dpa. 

Der Buchbinder Hermann Henschel (1843-1918) aus dem brandenburgischen Luckenwalde nahe Berlin schätzte Hygiene. Wenn Marktfrauen Fisch, Käse oder Fleisch lässig in Zeitungspapier verpackten, mochte er das gar nicht. Druckerschwärze an Lebensmitteln - dem Fachmann verging schnell der Appetit. Eine ärztliche Abhandlung über die nicht hygienische Verpackung von Lebensmitteln stachelte den 23-Jährigen an, für Abhilfe zu sorgen. Seine Erfindung ist aus dem Alltag kaum noch wegzudenken, sein Name aber geriet in Vergessenheit.

Luckenwalde war bislang eher bekannt für seinen anderen berühmten Sohn: Der Studentenführer Rudi Dutschke verbrachte zu DDR-Zeiten hier seine Kindheit. An ihn erinnert im Museum sein bunter, handgestrickter Ringelpullover.

Vor 140 Jahren gelang Henschel mit dem Pappteller eine aus heutiger Sicht fast simple Erfindung. Der Leiter des Luckenwalder Heimatmuseums, Roman Schmidt, freut sich über die Stücke in seinem Haus. Neben einigen Papptellern gibt es mittlerweile auch ein Ölgemälde, das den umtriebigen Unternehmer im Alter von etwa 50 Jahren zeigt. Vor einigen Jahren übergab seine Urenkelin das Bildnis aus Familienbesitz.

«Über Henschel war bis dato nur wenig bekannt», meint Schmidt. Nun kann auch eine Urkunde zur Silberhochzeit des Firmengründers betrachtet werden. Mit ihren Unterschriften haben viele Mitarbeiter dem Chef des Unternehmens damals gratuliert. Die originalen Patente des visionären Geschäftsmannes liegen dem Museum laut Schmidt leider nicht vor. «Im Patentamt sind sie aber gesehen worden.»

Henschel nutzte für erste Versuche ein damals neuartiges Papiermaterial, dass sich wie ein Teller formen ließ. Mit aus der Buchbinderei bekannten Maschinen prägte er Muster ein. «Doch zunächst blieb dem Erfinder der Erfolg versagt», erzählt Schmidt. Als er später mit extra hergestellten Maschinen eine Massenproduktion starten konnte, griffen Berliner Geschäftsleute zu. Der Siegeszug des Papptellers begann.

Der Luckenwalder hat auch Pikiertöpfe aus Pappe erfunden. Für Gartenliebhaber sind sie unerlässlich für die Anzucht von Pflanzen. Als einer der ersten bedruckte Henschel außerdem Bierdeckel mit Werbebotschaften.

Bundesweit stellen der Fachvereinigung Hartpapierwaren und Rundgefäße (FHR) mit Sitz in Frankfurt/Main zufolge vier Firmen Pappteller her. Geschätzt sind es etwa drei bis vier Milliarden Stück im Jahr. Der Umsatz liegt den Angaben zufolge bei etwa 40 bis 45 Millionen Euro. Der deutsche Markt wird vor allem mit den Produkten der einheimischen Firmen beliefert. Angesichts der im Centbereich liegenden Ausgaben für die Pappteller rentierten sich hohe Transport- und Frachtkosten aus Asien nicht, wie es hieß.

140 Jahre nach Henschels Erfindung werden in Luckenwalde noch Pappteller produziert. 32 Mitarbeiter der PVL Papierverarbeitung Luckenwalde stellen heute nach Unternehmensangaben zwischen 15 und 25 Millionen Stück im Monat her - dazu kommen wie schon zu DDR-Zeiten Weihnachtsteller. An den Erfinder erinnern hier noch einige gut 100 Jahre alte Stücke und eine Handpresse, mit der dem Papier die richtige Form gegeben wurde.

Öffnungszeiten Museum: Montag geschlossen, Dienstag, Mittwoch, Freitag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 10.00 bis 14.00 Uhr, Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr

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