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Deutsche Helfer in Mali: Die Ferne, so nah

Uhr | Aktualisiert 24.01.2013 14:24 Uhr

Djenebou ist sieben Jahre alt und bis zur Schließung hat sie das von Thüringern gegründete Kinderzentrum in Goundam besucht. (FOTO: JULIA FRIESE)

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Für die meisten Deutschen ist der Krieg in Westafrika weit weg. Volker Heitland und Marcus Friese aber bangen und hoffen mit Freunden und Verwandten in der Region.
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Erfurt/MZ. 

Mehr als 7 000 Kilometer ist Marcus Friese von dem Land weg, an dem sein Herz hängt. Und doch denkt der Thüringer in diesen Tagen noch mehr als sonst an seine Freunde in Goundam, einem Ort in der Mitte von Mali, dem afrikanischen Staat, in dem seit einigen Tagen französische Armee-Einheiten versuchen, den weiteren Vormarsch islamistischer Rebellen nach Süden zu stoppen.

Friese, 28 Jahre alt und zur Zeit als Entwicklungshelfer im Einsatz in Haiti, leidet, hofft und bangt aus der Entfernung mit den Maliern. Zwei, dreimal die Woche telefoniert er mit Freunden und Bekannten, um aus erster Hand zu hören, was vor sich geht. „Ich bin damals dort hingekommen, als ich mein Praktikum im Afrikanistik-Studium gemacht habe“, erklärt der gebürtige Thüringer. Vier Monate in Goundam reichten dann, eine Liebe fürs Leben zu finden, und das auch noch im doppelten Sinne: „Ich habe meine Frau Kadia dort kennengelernt“, sagt Friese, „und nachdem uns Leute von dort auf die Probleme hingewiesen haben, in denen viele Kinder stecken, haben wir gedacht, da müssen wir helfen.“

Thüringen leidet mit

Im kleinen Örtchen Ponitz südlich von Altenburg gründete Marcus Friese zusammen mit seiner Schwester Julia und anderen Gleichgesinnten den Verein Mali Bakoydio - nach einem Begriff aus der nordmalischen Sprache Songhai. „Zu deutsch heißt es ,die Freunde Malis’“, erklärt Marcus Friese. Binnen weniger Monate hatten sie genug Geld gesammelt, das Projekt „Kinderzentrum“ in Goundam umzusetzen. „Es gibt viele Waisen und traumatisierte Kinder in Mali“, sagt Friese, „denen wollen wir helfen, indem wir ihnen Betreuung geben“. Im Dezember 2011 wurden die ersten Kinder aufgenommen, im Januar vor einem Jahr kam eine Regierungsdelegation zur Eröffnung. Und schon im Mai musste der Unterricht wieder ausgesetzt werden.

Der Krieg war bis Goundam vorgedrungen. „Alle Schulen machten zu, weil die Angst umging, dass die Islamisten Kinder als Geiseln nehmen.“ Europa und die Welt nahmen damals nicht Notiz vom Albtraum, der über die afrikanische Vorzeigedemokratie gekommen war. „Alle Bitten der Malier um Hilfe verhallten“, beschreibt Marcus Friese, „dabei brach im Norden des Landes die gesamte Verwaltung zusammen.“ Die islamistischen Eroberer kümmerten sich einfach um nichts. „Die sind gekommen, in die Häuser eingedrungen, haben mitgenommen, was wertvoll war, und danach hat die nichts mehr interessiert.“ Im Oktober versuchten Schuldirektoren im besetzten Teil des Landes, das neue Schuljahr trotzdem ganz normal zu starten. „Aber dann gab es Streit mit den neuen Machthabern und nach einer Woche schlossen die Schulen sicherheitshalber doch wieder.“

Seitdem steht auch das Kinderzentrum leer. Kinder wie die siebenjährige Djenebou, Tochter einer alleinstehenden Mutter, die das Schulgeld für ihre Tochter nie aufbringen konnte, bleiben wieder ohne regelmäßigen Unterricht. Aus Frieses Sicht Opfer einer zu lange zu zögerlichen Haltung der Weltgemeinschaft. „Im Norden marschierten die Islamisten vor, im Süden gab es einen Putsch und das Ausland signalisierte bloß, ab Herbst 2013 helfen zu wollen.“

Auch Volker Heitland hat das mit großer Unruhe beobachtet. Der Unternehmer, geboren in der Nähe von Rudolstadt und nach seinem Umzug ins niedersächsische Celle als Gründer und Chef eines Kosmetikunternehmens erfolgreich, dient nebenher seit Jahren als Malis Konsul für die Länder Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Eigentlich kein kräftezehrender Job für den Rückkehrer, der mit seiner Firma inzwischen auch wieder in Thüringen produziert. In diesen Tagen aber ist alles anders. „70 Prozent meiner Zeit kümmere ich mich um Mali“, sagt der studierte Chemiker. Beunruhigte Malier wollen Auskunft, abenteuerlustige Deutsche fragen nach der Sicherheit von Reisen. Für Heitland, der zu seinem Konsul-Posten kam, als seine Firma vor vielen Jahren Tests mit Düngemitteln für Wüstengegenden durchführte, an denen Mali großes Interesse hatte, findet neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit kaum noch Zeit für anderes.

So schlimm war es noch nie, sagt der 71-Jährige, der das Land anders kennt. Mali war immer erfolgreich, demokratisch, das Musterbeispiel einer afrikanischen Bürgergesellschaft. „Aber es war vielleicht naiv zu glauben, dass die westliche Art der Demokratie ein Allheilmittel gegen Armut und Korruption ist.“

Allzu schnell sei alles zusammengebrochen, „obwohl das in unserem Sinne ja was ganz Schönes war.“ Leider aber habe sich gezeigt, dass die Stammesstrukturen im Land tiefer verankert seien als die Idee von Wahlen und Gewaltenteilung. „Dazu kommt, dass der arabisch geprägte Norden Malis so viel anders ist als der Süden.“

Dort liegt Kati, die Partnerstadt Erfurts, wo Heitland sein Konsulat unterhält. „Ausgerechnet aus Kati kamen die Putschisten, die vor einem Jahr die gewählte Regierung gestürzt haben.“

Für Marcus Friese eine Verzweiflungstat mit schlimmen Folgen. „Damit war die Stabilität weg und sehr viele Ausländer aus dem Iran, aus Pakistan und Algerien sind in den Norden gekommen, weil es da keine Regierungsgewalt mehr gab.“ Die in Deutschland vielbemühte Darstellung, es handele sich um einen Aufstand von Tuareg-Rebellen, der von Islamisten unterstützt werde, hält Friese für falsch. „Es gibt Tuareg, die mitmachen, ebenso sind Tuareg unter den hunderttausenden von Flüchtlingen.“

Hoffnung auf die Franzosen

Nicht Schwarz und nicht Weiß, sondern Grau sei die richtige Farbe, die Situation im Land zu zeichnen, denkt auch Volker Heitland. „Der Süden ist sicher“, sagt er, „und die Mehrheit der Menschen ist froh, dass die Franzosen da sind, weil man hofft, dass sie diese Sicherheit erhalten.“

Dennoch habe der deutsche Botschafter in Bamako inzwischen die sogenannte Krisenvorsorgeliste herumgehen lassen, in die sich alle deutschen Staatsbürger einschreiben müssen. „Damit man im Ernstfall weiß, wer rausgebracht werden muss.“ Im Moment deute nichts darauf hin, dass die Gefahr akut wird, auch der Luftverkehr laufe ganz normal. „Aber nachts sollte man als Weißer besser nicht auf die Straße gehen, denn insgeheim eingesickerte Islamisten könnten es auf Geiseln abgesehen haben.“

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