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Amoklauf in Winnenden: Bewährungsstrafe für Vater des Amokläufers

Uhr | Aktualisiert 21.04.2013 18:58 Uhr
Die Richter am Landgericht Stuttgart (l-r) Andreas Müller, Ulrich Polachowski (Vorsitzender) und Sybille Wuttke stehen in einem Gerichtssaal des Landgerichts in Stuttgart (Baden-Württemberg) vor der Urteilsverkündung im Revisionsprozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen an der Richterbank. (FOTO: DPA) 
Im zweiten Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden hat das Landgericht Stuttgart die Bewährungsstrafe für den 54-Jährigen leicht abgemildert und ihn zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
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Stuttgart/AFP. 

Das Gericht sprach den Angeklagten am Freitag unter anderem der fahrlässigen Tötung schuldig, weil er die Waffe nicht weggesperrt hatte, mit der sein Sohn vor knapp vier Jahren 15 Menschen und sich selbst getötet hatte.

Der 17-jährige Tim K. war am 11. März 2009 mit der Pistole seines Vaters in seine ehemalige Schule im baden-württembergischen Winnenden gestürmt und hatte dort neun Jugendliche und drei Lehrerinnen erschossen. Auf seiner Flucht tötete drei weitere Menschen, bevor er die Pistole gegen sich selbst richtete.

Im Februar 2011 verurteilte das Landgericht Stuttgart den Vaterzu einer Strafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Wegen eines Verfahrensfehlers hob der Bundesgerichtshof das Urteil jedoch wieder auf. Seit Mitte November musste sich deshalb das Landgericht ein zweites Mal mit der Frage nach der Schuld des 54-Jährigen am Amoklauf seines Sohnes zu befassen. Neben fahrlässiger Tötung verurteilte die Kammer den Vater am Freitag auch wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässigem Überlassen einer Waffe.

Das Gericht sei zu der Überzeugung gekommen, „dass es nicht zum Amoklauf gekommen wäre, wenn Sie die Waffe und die Munition ordnungsgemäß verschlossen hätten“, sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski an den Angeklagten gerichtet. Dieser hatte seine Sportpistole statt im Waffentresor unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Zudem war es seinem Sohn gelungen, unbemerkt an insgesamt 285 Schuss Munition zu gelangen. Der Vater sei mit den „waffenrechtlichen Anforderungen schlampig umgegangen“, sagte der Richter.

Tim K. sei „psychisch krank“ gewesen, sagte Polachowski weiter, „aber nicht so, dass die Krankheit dazu geführt hätte, dass er nicht wusste, was er tat“. Sein Vater wiederum habe zwar von den Problemen seines Sohnes gewusst, dessen Amoklauf habe der Vater aber nicht voraussehen können. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Sie keine Kenntnis von den Tötungsphantasien hatten“, sagte der Richter.

Mit der Bewährungstrafe von einem Jahr und sechs Monaten blieb die Kammer hinter der Forderung der Anklage zurück. Diese hatte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten gefordert. Rechtsanwalt Jens Rabe, der einige der Opfer und Hinterbliebenen des Amoklaufs vertrat, zeigte sich dennoch zufrieden mit dem Urteil. Die Richter hätten „eine glasklare Urteilsbegründung“ geliefert, sagte Rabe am Rande des Prozesses.

Binnen sieben Tagen kann der Vater gegen das Urteil erneut Revision einlegen. Polachowski riet ihm dazu, einen solchen Weg gut zu überdenken. Wiederholt hätten Richter nun befunden, dass sich der Angeklagte schuldig gemacht habe. Er solle die Chance nutzen, dies zu akzeptieren. „Das haben Sie jetzt selber in der Hand“, sagte der Richter. Ob der Angeklagte dem Rat des Richters folge oder ob er erneut in Revision gehe, sei noch unklar, sagte dessen Verteidiger Hans Steffan, der sich in seinem Plädoyer vergeblich für eine Straffreiheit ausgesprochen hatte. „Wir werden das in der kommenden Woche prüfen.“

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