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Amoklauf in Newtown: In die Trauer mischt sich Hoffnung

Uhr | Aktualisiert 21.12.2012 13:02 Uhr
Am Mittwoch fand in Newtown die erste Sportveranstaltung nach dem Amoklauf der vergangenen Woche statt. (FOTO: DAPD) 
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Der Schock ist noch da - auch eine Woche nach dem Blutbad von Newtown. Das Massaker hat die USA aufgerüttelt. Präsident Obama will Schritte gegen die Waffengewalt. „Es würde vor allem den Angehörigen helfen, wenn jetzt wirklich in Washington etwas passiert“, sagt eine Trauernde in Newtown.
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Washington/dapd. 

Daniel Honan nennt es eine „week from hell“ - eine höllische, schreckliche Woche. Honan ist Direktor des einzigen Bestattungsinstituts in Newtown im US-Staat Connecticut. Die meisten der 20 Kinder, die ein Amokläufer am Freitag vergangener Woche in einer Grundschule der Stadt erschossen hat, werden unter seiner Obhut zu Grabe getragen, einige der Kleinen sind es schon. „Ich muss meinen Job verrichten“, sagt Honan dem Sender CNN. „Aber es bricht einem das Herz.“

Das Weihnachtswochenende steht vor der Tür, aber Newtown und ganz Connecticut begehen an diesem Freitag einen Tag der Trauer, Glocken werden läuten, in Schweigeminuten der Opfer gedacht. Das Schulmassaker mit insgesamt 27 Toten ist auch nach einer Woche für die Einwohner und viele andere weit über die Stadt hinaus unfassbar, unbegreiflich. Die Trauerzüge mit den Särgen der Opfer, die jetzt zum täglichen Bild in Newtown und benachbarten Orten geworden sind, machen das Grauen immer wieder lebendig.

Aber es gibt auch eine andere Seite. In der Woche seit dem Blutbad ist Newtown sozusagen in eine beispiellose Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft eingehüllt worden, wie es Einwohner immer wieder beschreiben.

Nicht nur, dass zu den Beerdigungen auch viele Bürger anreisen, die keines der Opfer kannten und keinerlei Verbindung zur Sandy-Hook-Schule haben, in der Adam Lanza hunderte Schüsse abgab. „Ich will nur am Straßenrand stehen, beten, wenn der Leichenwagen vorbeikommt, mein Mitgefühl zeigen“, sagt eine Frau, die zur Beisetzung von Lehrerin Vicki Soto aus New Hampshire gekommen ist.

Eine Organisation ist auf den Straßen mit sogenannten „Trosthunden“ im Einsatz, Vierbeinern zum Streicheln - das kann vor allem Kindern in dieser Zeit Wärme vermitteln, sagt einer der Hundeführer. Das Rote Kreuz verteilt bei einer Trauerfeier im benachbarten Danbury Mickey Mäuse aus Stoff an die Kleinen, Rosen an die Großen. Spenden über Spenden helfen den Trauernden bei den Beerdigungskosten. Mehr als zwei Millionen Menschen haben mittlerweile eine Beileidskarte im Internet unterzeichnet.

Das alles, so sagen Freunde der Toten immer wieder im US-Fernsehen, hilft. Aber wichtiger, so betonen sie, sei es, dass Lehren aus dem schrecklichen Ereignis gezogen würden. „Es darf nicht alles so weitergehen wie zuvor, wenn wir wieder aus den Schlagzeilen verschwunden sind - so, wie es in der Vergangenheit nach solchen Massakern war“, sagt eine Mutter mit einem Kleinkind an der Hand dem Sender MSNBC.

Ihr Wunsch könnte erfüllt werden. Eine Woche nach dem Amoklauf mit einem Sturmgewehr sieht es danach aus, als habe der Tod von so vielen kleinen Kindern und sechs Erwachsenen die Nation wachgerüttelt.

Nachdem die laschen Waffengesetze in den USA jahrelang - trotz einer Serie von Blutbädern - ein Tabu waren, ist jetzt laut Umfragen eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung dafür, sie zu ändern. Präsident Barack Obama will handeln, eine Kommission soll Vorschläge zur Eindämmung der Waffengewalt ausarbeiten.

Und es soll nicht „irgendeine Washingtoner Kommission“ sein, sagt Obama, kein Gremium, das viel und lange redet, deren Vorschläge dann am Ende irgendwo in einer Schublade verstauben. Diesmal sollen es Pläne sein, „die ich ohne Verzögerung auf den Weg bringen werde“, verspricht der Präsident.

Von einem „Game Changer“ sprechen Senatoren, die bisher ohne Wenn und Aber dagegen waren, die Waffengesetze anzutasten, auch ein Verbot von Sturmgewehren in privater Hand als inakzeptablen Eingriff in ihre Rechte ablehnten. Ein „Game Changer“, ein Ereignis, dass die Dinge geändert hat - solche Worte ermutigen Trauernde wie Marla Thompson. Sie ist gekommen, um Abschied von Dawn Hochsprung zu nehmen, der Schulrektorin, die zu den Toten von Newtown gehört.

Hochsprung war vor ihrer Beisetzung am Donnerstag im Bestattungsinstitut der Stadt aufgebahrt, so viele Menschen wollten ihr Respekt erweisen, dass sich die Warteschlangen über zwei Straßenblöcke hinweg erstreckten. „Es würde vor allem den Angehörigen helfen, wenn jetzt wirklich in Washington etwas passiert“, sagt Thompson bei CNN.

Was den 20-jährige Lanza zum Massenmord bewog, ist auch eine Woche danach ein Rätsel - und könnte es für immer bleiben, da sich der Täter nach dem Amoklauf selbst erschossen hat. Honan bereitet derweil die nächste Bestattung vor - „a week from hell“.

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