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„Zwischen Bütt & Politik“: DDR-Fasching als Ventil für Unzufriedene

In der Kabinettausstellung "Zwischen Bütt & Politik: Fasching und Karneval in der DDR" ist im Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt eine Tischkarte vom Erfurter Karneval von 1989 mit handschriftlichen Ergänzungen in einer Vitrine zu sehen.

In der Kabinettausstellung "Zwischen Bütt & Politik: Fasching und Karneval in der DDR" ist im Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt eine Tischkarte vom Erfurter Karneval von 1989 mit handschriftlichen Ergänzungen in einer Vitrine zu sehen.

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DPA

Erfurt -

Eine rot-weiße Bütt von 1958 und Narrenkappen neben Stasi-Akten und DDR-Gesetzblatt: Im Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt dokumentiert seit Mittwoch die Kabinettausstellung „Zwischen Bütt & Politik“, dass Fasching und Karneval in der DDR viel mehr waren als geselliges Zusammensein in Gaststätte, Brigade oder Hochschule. Fotos, Dokumente, Büttenreden und Brigadetagebücher zeigen im Zeitraffer das Auf und Ab der „tollen Tage“ in der DDR bis zu ihrem Ende 1989.

Lebenslustig, voller Satire und provokanter Kritik an Verhältnissen und Regierenden wurde in der Bütt und bei Umzügen angesprochen, was von öffentlicher Seite verschwiegen werden sollte, wie Kuratorin Andrea Steiner-Sohn sagt. „Es kam dabei auf feinste Nuancen an, wie eine Stasi-Akte belegt.“ Andererseits nutzten die DDR-Oberen den Karneval bewusst immer wieder auch als Ventil für Unzufriedene.

Waren in den 1950er Jahren vielerorts in Thüringen und der ganzen DDR Faschingsclubs entstanden, so war es nach dem Bau der Mauer mit großen Umzügen wie in Erfurt zumeist wieder vorbei. Der Faschingsumzug in Wasungen in der Rhön sei die große Ausnahme gewesen, sagte Steiner-Sohn.

Das Aus der Umzüge hatte verschiedene Ursachen. Vor allem aber sollten „unsichere Elemente zurechtgerückt“ werden. Mit der Machtübernahme Honeckers seien die Zügel wieder gelockert worden. Er habe erkannt, dass das Faschingstreiben nicht gestoppt werden könne und versuchte, es zugunsten des Staates zu nutzen.

1989 gab es in der DDR offiziell 1344 Karnevalsclubs - der Name Verein war nicht erlaubt - mit etwa 70 000 Mitgliedern. Sie luden pro Jahr zu etwa 120 000 Veranstaltungen mit 6,5 Millionen Zuschauern ein.

Die Bütt war vor allem in den 1980er Jahren eine Nische für die Opposition. „Wir bekamen keine Vorgaben, wussten aber, wie weit wir gehen konnten“, sagt Helmut Deckert, der in den 1950er Jahren den Fasching in Schloßvippach mit initiiert hat. Die Original-Bütt von 1958, die der Schmied der LPG anfertigte, ist in der Schau zu sehen. Wie schmal der Grat jedoch war, um mit frechen Sprüchen den Unwillen auf sich zu ziehen, belegt die Kopie der Stasi-Akte eines Erfurter Büttenredners.

Ein Zeitdokument der besonderen Art ist auch die unscheinbare Eintrittskarte zu einem Faschingsabend des Katholischen Krankenhauses vom 11. November 1989 - zwei Tage nach Grenzöffnung. Mit Bleistift haben sich darauf Teilnehmer mit Namen und Sprüchen verewigt: „Oktoberrevolution in der DDR!“, „Das Jahrhundertereignis“ und „Trotz offener Grenzen“. (dpa)