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Mitteldeutsche Zeitung | Neues Album von Lubomyr Melnyk: Hände werden zu Wasser
16. January 2016
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Neues Album von Lubomyr Melnyk: Hände werden zu Wasser

Der schnellste Pianist der Welt: Lubomyr Melnyk

Der schnellste Pianist der Welt: Lubomyr Melnyk

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Fabio Lugaro

Wenn Lubomyr Melnyk auf John von Düffel träfe, gäbe es reichlich Gesprächsstoff. Ähnlich wie der aus der Ukraine stammende und in Kanada lebende Pianist, ist auch der deutsche Schriftsteller fasziniert vom Wasser, insbesondere von Bächen und Flüssen, Seen und Meeren. Düffels Erzählungen zeugen von dieser Vorliebe. Auch Melnyk hat ein Herz für Flüsse und Ströme und widmet ihnen sein aktuelles, beim Londoner Label Erased Tapes Records erschienenes Album „Rivers and Streams“.

Auch auf diesem pflegt Melnyk jene Spielweise, die er „Continuous Music“ nennt und mit Wasser vergleicht: fließend und immer verbunden. Je weiter er seine Technik verfeinerte und je mehr Noten flossen, desto mehr fühlte er sich dem Wasser verbunden. „Ich habe gemerkt, wie sich meine Hände, meine Arme und alles in ihnen, von normalen Muskeln in Wasser verwandelten“, sagt der Künstler, dessen Klavierkompositionen sich im Spannungsfeld von Klassik, Minimal Music und Jazz bewegen.

Seine Spielweise befähigt Melnyk (67) auch, auf dem Tasteninstrument so schnell zu agieren wie kein anderer Virtuose der Gegenwart. Er gilt als schnellster Pianist der Welt, da er in der Lage ist, 19,5 Noten pro Sekunde zu spielen. Das ist mehr, als das menschliche Ohr überhaupt wahrnehmen kann.

Sechs Lieder, sechs Facetten

Nach dem Erased-Tapes-Debüt „Corollaries“ von 2013 folgte ein Jahr später die EP „Evertina“. Die Stücke „Evertina“ und „Awaiting“ wurden auf einem alten Klavier im Haus eines Freundes in New York im Herbst 2012 aufgenommen. „Butterfly“ wiederum entstand, nachdem er einigen Kindern in einer Kölner Hotel-Lobby ein Stück vorspielte. Es wurde dann auf einem leicht ramponierten Flügel irgendwo in der Schweiz aufgenommen: mit geschlossenem Deckel, um den Effekt zu dämpfen.

#image Sechs Tracks sind auf „Rivers and Streams“ vereint. Beim Eröffnungsstück „Parasol“ werden wir in 13 Minuten Ohrenzeugen, wie sich ein Springquell zum Fluss sich weitet, an Geschwindigkeit rasant zu- und wieder abnimmt. Hier bekommt man sofort eine Ahnung von Melnyks „Continuous Music“. Eher in sich gekehrt, ist das impressionistische „The Pool of Memories“ (Das Becken der Erinnerungen), ehe mit „Sunshimmers“ und „Ripples in a Water Scene“ zwei, mit sechs und sieben Minuten für Melnyks Verhältnisse eher kurze Instrumentals folgen. Beide Stücke hat er mit Jamie Perera komponiert, der ihn auch auf der Gitarre begleitet. „Sonnenschimmer“ bewegt sich kristallklar und ruhig, „Kräuselungen in einem Gewässer“ hingegen formt Wellen aus Melancholie. Gleich zwei episch lange Stücke sind dem zweitlängsten Fluss der Erde gewidmet: „The Amazon: The Highlands“ und „The Amazon: The Lowlands“. Eine exotische Note bekommt das Fließen von Melnyks Tönen hier durch das vogelgleiche Tönen der koreanischen Flöte, die Hyelim Kim spielt.

Mit „Rivers and Streams“ ist Lubomyr Melnyk abermals ein großartiges Studiowerk gelungen, in dem einfach alles aufs Wunderbarste fließt, strömt und mäandert!