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Nationalparkgebiet Harz: Auf Rangertour im Winterland um den Brocken

Herbert Papies,

Herbert Papies, 59, ist eigentlich gelernter Koch. Nach einer Ausbildung zum Forstfacharbeiter und zum Natur- und Landschaftspfleger arbeitet er seit 19 Jahren im Nationalpark Harz.

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Andreas Stedtler

Der Traum vom Winter ist leuchtend weiß. Mit viel Schnee, der glitzert wie Millionen Brillanten und unter den Füßen quietscht, als reibe man Styropor-Platten aneinander. Er ist klirrend kalt, aber durch die Sonne und die trockene Luft zwickt die Kälte nur ein bisschen in der Nase. Im blendenden Weiß des Traumes ist der Himmel dunkelblau, so blau, wie er nur im Winter sein kann. Jetzt aber ist der Traum Wirklichkeit geworden. Willkommen in Schierke.

Ich steige aus dem Auto - und bin in den Alpen. Zumindest dem Klima nach. An der Rangerstation an der Brockenstraße sind minus 13 Grad Celsius. Von hier ist es nicht weit bis zum Brocken. Am Boden von Norddeutschlands höchstem Berg herrschen, wie Göttinger Forscher herausfanden, dieselben klimatischen Bedingungen wie in den Alpen, im Altaigebirge, in den Anden oder auf dem Kilimandscharo - dort allerdings in viel größeren Höhen. Ab 1 100 Metern gibt es auf dem Brocken keine Bäume mehr. Der Berg macht auf Hochgebirge. „Wer auf den Brocken will, sollte unbedingt Winter einplanen. Auch im Sommer“, sagt Herbert Papies. „Da kann es immer kalt werden.“

„Die Natur, die frische Luft!“

Papies ist Nationalpark-Ranger und war zum Beispiel dabei, als die Leiche eines Mannes gefunden wurde, der sich in der Nähe des Brockens in hüfthohem Schnee verirrt hatte und dann an Unterkühlung starb. „Dieser Berg wird oft unterschätzt - von der Anstrengung her und vom Klima.“

Dass wir uns heute auf dem Weg zum Brocken verlaufen, ist ausgeschlossen. Wir gehen mit dem Eckerlochstieg einen der meistgenutzten Aufstiege, der außerdem noch bestens ausgeschildert ist. Papies, 59 Jahre alt mit Walross-Schnauzer, ist einer von 40 Rangern im Nationalpark Harz. „Wir sind hier draußen unterwegs - machen Gebietskontrollen, aber was viel wichtiger ist: Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Papies - und zeigt gleich, was das bedeutet.

Auf dem schmalen Pfad, der sich zwischen gefällten Borkenkäferbäumen durch tiefen, pudrigen Schnee nach oben mäandert, treffen wir auf Christine und Michael Harder, beide Mitte 50, aus der Nähe von Hamburg. „Wir machen öfter Urlaub hier, aber solch einen Winter zu dieser Zeit, das haben wir noch nie erlebt. Es ist fantastisch“, schwärmen sie. „Die Natur, die frische Luft!“ Aber dann gebe es leider diese kaputten Bäume, die der Borkenkäfer auf dem Gewissen hat.

Papies kennt das Thema, das im Harz ganze Kommunen entzweit: Wie stark darf der Mensch im Nationalpark eingreifen, wenn der Borkenkäfer Hektar für Hektar Wald tötet? „Schauen Sie unter die kaputten Bäume“, sagt Papies. „Da kommt neues Leben.“ Überall sieht man es: Seit Hunderten Jahren hat der Harz sein Gesicht nicht so sehr verändert wie gerade jetzt. Tausende und Abertausende Fichten gehen am Borkenkäfer zugrunde. An ihre Stelle treten Pioniergehölze - und vom Nationalpark gepflanzte Buchen. Auf dem Eckerlochstieg stapfen wir zunächst durch eigentliche Laubmischwald-Standorte, derzeit noch überwiegend mit gepflanzten Fichten bewachsen. „Seit der Ausweisung des Nationalparks entstehen aus diesen Wirtschaftswäldern wieder naturnahe Bergmischwälder“, heißt es in einer Broschüre.

Etwas höher geht es dann in den „submontanen Nadelwald“. Hier stehen auch noch so genannte autochthone Fichten - Fichten, die es hier schon immer gab und die nicht gepflanzt worden sind. Man erkennt sie daran, dass sie die Äste herunterhängen lassen und dadurch unter der Schneelast ganz schlank sind. Die Harders müssen leider auf ein Erinnerungsfoto von der Wintertraumlandschaft verzichten: Beide Akkus ihrer kleinen Canon-Kamera haben wegen der frostigen Temperaturen aufgegeben.

Wieso man den Anstieg zum Brocken keinesfalls unterschätzen sollte, erfahren Sie auf Seite 2.

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