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Schweiz: Einziger Stern ist der Gast

24.09.2009 19:03 Uhr | Aktualisiert 24.09.2009 19:31 Uhr
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Null-Stern-Hotel

In der fensterlosen Nische steht nur das Bett für den Gast. (FOTO: NULL-STERN-HOTEL)

Von THOMAS SCHMID
Wie viele Sterne braucht der Mensch, um in der Fremde gut zu schlafen? Zwei Schweizer Konzeptkünstler haben die Antwort gefunden.
Halle/MZ. 

Die Zwillinge Frank und Patrik Ricklin haben in diesem Sommer das weltweit erste Null-Stern-Hotel eröffnet. Es steht in Teufen, einem kleinen Dorf im Kanton Appenzell, der sonst vor allem wegen seines Käses berühmt ist. Ein "first class single"-Bett kostet umgerechnet 16,50 Euro.

Das Hotel ist ausgesprochen sauber, hat jedoch keine Bar, kein Telefon und keinen Fernseher im Zimmer. Denn es hat überhaupt keine Zimmer und auch keine Fenster. Es ist ein Atombunker, den die Schweizer Armee entbehren kann - jedenfalls in Friedenszeiten. Im Fall eines Krieges oder einer schweren Katastrophe müssen die Gäste innerhalb von 24 Stunden verschwinden. Darauf weist sie das Hotelpersonal explizit hin. Es besteht aus vier Personen: die beiden Künstler, der Hospitality Manager Daniel Charbonnier, der auf eine zwölfjährige Erfahrung im internationalen Hotel Business zurückblicken kann, sowie dessen Ehefrau.

Das Motto des Null-Stern-Hotels - der Titel ist inzwischen patentgeschützt - steht am Eingang und auf der Rechnung: The only star is you - der einzige Stern sind Sie. Derart geschmeichelt, fällt dem Gast der Verzicht auf Komfort leicht.

Die Toiletten werden gemeinschaftlich genützt, und da den durchschnittlich fünf bis sechs Gästen nur zwei Duschen zur Verfügung stehen, entscheidet ein Zufallsrad, wer zuerst an der Reihe ist. Die Duschenden sind durch keinerlei Zwischenwand voneinander getrennt. Und nur ein Plastikvorhang verhindert, dass das Wasser auf den Tisch der Rezeption spritzt. Es ist eng im Bunkerhotel. Einzelzimmer gibt es im Null-Stern-Hotel nicht. Es gibt nur Nischen, die etwas Intimität schaffen. Dort schläft man z. B. in einem 120 Jahre alten Biedermeierbett, das ein Dorfbewohner gespendet hat. Und dass es keine Fenster gibt, hat auch seinen Vorteil: Kein Straßenlärm stört den Schlaf. Im übrigen liefert den Gästen ein Videogerät über eine Kamera Bilder von draußen. So erfahren sie, ob es Tag oder Nacht ist, ob die Sonne scheint oder ob es regnet.

"Das Null-Stern-Hotel ist eine Antwort auf den Luxus- und Größenwahn unserer Zeit", sagt Frank Ricklin in dozierendem Ton und fügt dann kokett hinzu: "Die Null steht für Freiheit. Wer Sterne anbietet, muss gemäß dem eidgenössischen Hotelreglement auch Anforderungen erfüllen, davon haben wir uns befreit." Für den prestigeträchtigen Worldwide Hospitality Award 2009, der im November in Paris vergeben wird, ist die spartanische Pension gleich zwei Mal nominiert: in den Kategorien "Best Novelty Hotel of the Year" und "Best Innovative Concept in Limited Service Hotels". Ein an der Eingangswand angeschlagenes Statut erklärt dem Gast die Philosophie der einzigartigen Herberge.

"Das Hotel versteht sich nicht als kommerzielles Projekt, sondern als "gesellschaftliche Innovation, als leise Kritik an der Schweizer Sicherheitspolitik, die sich Tausende leer stehender Bunker leistet". Im Artikel 28 heißt es: "Der Gast ist eingeladen, die kahlen Betonwände wegzudenken." Und der Artikel 19 verspricht jedem Gast einen leisen Weck- und Kaffeeservice. Und tatsächlich erscheint am Morgen zur gewünschten Zeit ein Butler in weißen Handschuhen und schwarzer Fliege und bringt den dampfenden Kaffee an die Bettkante. The only star is you!

Wem null Sterne nicht reichen, dem bietet La Claustra eine Alternative. Der Name des Hotels bedeutet zu deutsch: das Kloster. In La Claustra herrscht tatsächlich klösterliche Stille. Das Domizil liegt 300 Meter unterhalb des Gotthard-Passes, der die deutsche und die italienische Schweiz verbindet. Durch einen 200 Meter langen Tunnel gelangt man in die Artilleriefestung, die tief verborgen im Berg liegt, bis 1995 militärisch genutzt wurde und an die 300 Soldaten beherbergte. Die 4 000 Quadratmeter große Luxusherberge kostet pro Nacht zehnmal mehr als im Null-Stern-Hotel.