Vorlesen

Porträt: Ehud Barak: Gefeierter Soldat, ungeliebter Politiker

Uhr | Aktualisiert 26.11.2012 13:47 Uhr
Drucken per Mail
Von
Im Laufe seiner langen Karriere hat Ehud Barak viele Rollen gespielt. In seiner spektakulärsten schlüpfte er in die Kleider einer Frau.
Jerusalem/Berlin/RTR. 

Bei der Jagd auf die Hintermänner des Olympia-Attentats von München verkleideten sich Barak und ein weiteres Mitglied einer Spezialeinheit 1973 in Beirut als Liebespaar, um an den Wachen vorbei unauffällig zu den Wohnungen dreier Top-Offizieller der Palästinenser-Organisation PFLP zu gelangen, die Israel als die Hintermänner des Massakers im Vorjahr ausgemacht hatte. „Er war klein und hatte ein Babyface, so beschlossen wir, dass er meine Frau spielen sollte“, erinnert sich Israels berühmtester Kommando-Soldat, Muki Betzer, an den Anschlag, den die drei Palästinenserführer nicht überleben sollten.

Barak brachte der später Hollywood-gemäß verfilmte Einsatz, wie viele weitere geheime Operationen, geradezu Legendenstatus als Soldat. Bis heute ist der 70-Jährige als Elite-Kämpfer in allen politischen Lagern unumstritten - kein anderer Israeli wurde so hoch dekoriert, wie er. Als Politiker jedoch ist der Kibbutz-Sprössling in seiner jahrzehntelangen Karriere zu einer der umstrittensten und in Teilen der Bevölkerung wegen ungezählter radikaler Kehrtwendungen geradezu verachteten Persönlichkeit geworden.

Dauerrivalität mit Netanjahu

Seine politische Laufbahn begann Barak 1995, als er vom Posten des Generalstabschefs auf den Stuhl des Innenministers wechselte. Nach der Ermordung von Ministerpräsident Jitzhak Rabin stieg er unter dem neuen Regierungschef Schimon Peres zum Außenminister auf. Und schon damals war es ein konservativer Politiker, der sich zum Dauerrivalen entwickeln sollte, der seiner Karriere einen herben Dämpfer verpasste: Benjamin Netanjahu gewann nur ein halbes Jahr später vorgezogene Wahlen gegen Peres und sorgte vorübergehend für das Aus Baraks. Die Stunde der Revanche schlug im Mai 1999, als der zwischenzeitlich zum Chef der traditionsreichen Arbeitspartei aufgestiegene Barak Netanjahu bei Wahlen klar besiegte und zum Regierungschef aufstieg.

Baraks Pragmatismus - Gegner sagen Beliebigkeit - spiegelt sich nicht zuletzt im bis heute beispiellos breiten Bündnis, das er damals schmiedete. Es reichte von der links-säkularen Meretz-Partei bis hin zu den Nationalreligiösen.

Mit Baraks Namen verbunden bleiben wird auch sein weitreichendes Friedensangebot an die Palästinenser bei den Camp-David-Verhandlungen im Sommer 2000. Weil das Abkommen schließlich an den bis heute ungelösten Kernfragen des israelisch-palästinensischen Konflikts scheiterte - der Status Jerusalems, die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten und das Rückkehrrecht für Palästinenser - bleibt ungewiss, ob Barak ein Friedensabkommen mit derartigen Zugeständnissen innerhalb der israelischen Bevölkerung hätte durchsetzen können. Vielen in Israel gilt es bis heute als der größte Fehler von Palästinenserführer Jassir Arafat, in Camp David nicht zugegriffen zu haben. Auch Barak trug lange schwer daran, um ein Haar Weltgeschichte geschrieben zu haben.

Politik nicht als Leidenschaft

Wenige Monate später wurde Barak abgewählt und der konservative Ariel Scharon übernahm die Regierung. Seit 2007 ist Barak Verteidigungsminister, derzeit dient er unter seinem Dauerrivalen Benjamin Netanjahu. In der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm galten die beiden als eingespieltes Tandem, das mit massiven Drohungen eines israelischen Alleingangs gegen den Iran die internationale Gemeinschaft zu schmerzhaften Sanktionen gegen die islamistische Führung in Teheran getrieben hat. Allerdings unterschied sich der Amerika-Freund Barak in diesem Konflikt in einem wesentlichen Punkt stets von Netanjahu: Rüde Kritik an den USA vermied Barak stets, weshalb er auch in Zeiten größter diplomatischer Verstimmungen ein gern gesehener Gast in Washington war.

Barak, der im vergangenen Jahr die von ihm einst geführte Arbeitspartei verließ, konnte mit seiner Neugründung „Azmaut“ (Unabhängigkeit) nie recht bei den Wählern landen. Umfragen sahen es zuletzt als fraglich an, ob die Partei überhaupt den Wiedereinzug in die Knesset bei der anstehenden Wahl im Januar schaffen würde. Ob dies die Entscheidung Baraks für die Beendigung seiner Karriere beschleunigt hat, steht dahin. Er selbst sagte bei der Ankündigung seines Abgangs am Montag: „Ich habe mein politisches Leben ausgeschöpft, das nie eine Leidenschaft für mich war.“