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Mitteldeutsche Zeitung | Musik analysiert: Sind erfolgreiche Popsongs vorhersehbar?
09. January 2016
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Musik analysiert: Sind erfolgreiche Popsongs vorhersehbar?

Zu Pharrell Williams Hit „Happy“ tanzte die ganze Welt, am liebsten vor einer Kamera wie hier Studenten, die ihren Film später zum Videoportal Youtube luden.

Zu Pharrell Williams Hit „Happy“ tanzte die ganze Welt, am liebsten vor einer Kamera wie hier Studenten, die ihren Film später zum Videoportal Youtube luden.

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Youtube/Screenshot MZ

Die Liebe und das Leben, das Leiden und Herz, sie sind die Standardthemen jedes guten Popsongs. Auch in der aktuellen Hitparade findet sich unter den beliebtesten Liedern nicht einmal der Anflug eines anderen Themas. Von Adele über Matt Simons und Glasperlenspiel bis Zara Larsson treffen dieselben Gedanken auf dieselben Akkorde und bewährten Harmoniebögen. Ein bisschen Endzeitstimmung weht aus den Songzeilen, wenn Larsson singt, sie lebe jeden Tag wie den letzten. Und Adele, derzeit die Königin der Musikwelt, assistiert, es fühle sich an, als ob die Zeit zu Ende gehe.

Im Einklang mit der Gesellschaft

Musik aus dunklen Zeiten, die im Fall der Schwedin Larsson zwar fröhlich und bei der Britin Adele eher melancholisch klingt. Die aber inhaltlich beispielhaft für eine Entdeckung stehen können, die amerikanische Forscher vor einiger Zeit im „Journal of Advertising Research“ veröffentlicht haben. Danach verschieben sich Schwerpunkte erfolgreicher Musik mit der Stimmungslage einer Gesellschaft. Waren es 1989 Kaomas „Lambada“ und Phil Collins’ „Another Day in Paradise“, auf denen die Deutschen in die Einheit schunkelten, boten Castingbands wie Bro’sis und No Angels mit „I believe“ und „There Must Be an Angel“ nach den Terroranschlägen von 2001 Trost und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In der Finanzkrise 2008 sangen die Söhne Mannheims „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ und die Dresdner Band Polarkreis 18 fühlte sich so „Allein Allein“.

Vorhersehbare Hits

Eine Struktur, die sich nach der Analyse des Teams von Marketingprofessor David Henard von der University of North Carolina in den Top-Ten-Hits über 50 Jahre hinweg immer wieder findet. Henard hatte alle Songs aufgelistet, die zwischen Januar 1960 und Dezember 2009 jemals Platz 1 im Musikbranchenblatt „Billboard“ erreicht hatten. Danach wurden die knapp eintausend Stücke, die den Geist ihrer jeweiligen Zeit widerspiegeln, sowohl in musikalischer als auch in inhaltlicher Hinsicht analysiert.

Mit eindeutigem Ergebnis. „Unsere Arbeit zeigt, dass es ein begrenztes Feld von weithin anerkannten Motiven gibt, die an den Kern menschlicher Erfahrungen reichen und bei einer großen und vielfältigen Gruppe von Konsumenten Anklang finden“, erklärt David Henard.

Diese Erkenntnis stimmt überein mit Forschungsergebnissen, die Wissenschaftler der Universität von Bristol vorgelegt hatten. Dazu hatten die Forscher typische Hits analysiert und aus den Ergebnissen einen selbstlernenden Algorithmus gebaut. Der wirkt hinter der Internetseite scoreahit.com und schafft es mit verblüffender Zuverlässigkeit, potenzielle Hits vorherzusagen.

Wiederkehrende Motive

Die hohe Trefferquote kommt zustande, weil die Bestandteile und erfolgversprechenden Akkordwechsel gleich sind. Dass es nicht immer klappt, liegt aber eben daran, dass Tonart, Tempo, Akkordstruktur und Gesang nicht allein sind, sondern auf Texte treffen, die den Inhalt prägen, selbst für die Hörer, die einen englischen Text vielleicht nicht einmal verstehen. Genau diese Songtexte haben Henard und sein Team mit Hilfe einer Software nach gemeinsamen oder sich wiederholenden Motiven durchsucht, um herauszufinden, wie eng der Zusammenhang der Inhalte von Hits mit der politischen und gefühlstechnischen Großwetterlage einer Nation ist.

Ob mit der Software ein bestimmtes Muster herausgefunden wurde, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Und tatsächlich tauchten zwölf Themen konstant immer wieder auf: Verlust und Verlangen, Trennung und Schmerz, Verzweiflung, Verwirrung und Ermattung, Nostalgie und Realitätsflucht, aber auch Bestreben, Inspiration und Rebellion. „Diese Motive spiegeln sehr viel mehr das Emotionale als das Rationale“, so Henard.

Musikwissenschaftler widerspricht

Aus diesem Grund wohl lässt sich aus den Pop-Hits auch herauslesen, wie sich die Gefühlslage der US-Gesellschaft mit der Zeit wandelte. Zwar waren alle zwölf Motive in den fünf Jahrzehnten durchgehend ein Thema – allerdings änderte sich die Gewichtung. „Rebellion“ etwa, in den 60ern und 70ern das Top-Thema in Rock und Pop, schaffte es im Jahrzehnt darauf nicht mal unter die ersten zehn. Auch „Nostalgie“ und „Schmerz“, besonders beliebt in den 60er Jahren, verschwanden und machten in den 80ern Gesängen über „Verlust“ Platz. Nach der Jahrtausendwende übernahmen dann „Verzweiflung“ und „Inspiration“, aber auch der „Schmerz“ war wieder da.

Kultureller Effekt nach dem 11. September

Der Forscher Henard vermutet hier einen Zusammenhang mit den kulturellen Effekten der Anschläge des 11. September. Deren spätere Nachwirkung waren Blödel-Hits Marke „Ein Stern“ und „Du hast den schönsten Arsch der Welt“, musikalisch noch übersichtlicher, inhaltlich aber der passende Ausdruck einer Zeit, in der der erste Schock über den „Krieg gegen den Terror“ überwunden war und die Menschen wieder etwas fröhlicher in die Welt schauten.

Lässt sich also ein Hit programmieren? Kann eine ausgeklügelte Software in Verbindung mit einem Programm zur Auswertung gefragter Nachrichtenthemen Welterfolge schreiben? Der Musikwissenschaftler Mick Grierson widerspricht nach umfangreichen Untersuchungen zahlreicher Welthits. Ihm zufolge sind es nicht nur ohrwurmverdächtige Melodien und konsensfähige Gefühlsinhalte, die Musikstücke zu Hits machen. Viel wichtiger sei Originalität. „Es gibt kein Rezept für erfolgreiche Songs, außer, dass man seinen Song so neu, einzigartig und aufregend wie möglich machen sollte.“ (mz)

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