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Wohngemeinschaft in Berlin: Jüdin heißt Syrer willkommen

WG-Leben in Neukölln: Rebecca de Vries beherbergt Abdullah Sa in ihrem Gästezimmer.

WG-Leben in Neukölln: Rebecca de Vries beherbergt Abdullah Sa in ihrem Gästezimmer.

Foto:

Jan Schapira

Berlin -

Elegant sieht es nicht aus, wie sich Abdullah Sa* über das Eis bewegt. Statt mit seinen Schlittschuhen zu gleiten, stolpert er voran. Die Jugendlichen im Stadion Neukölln drehen Pirouetten und jagen hintereinander her; Sa lässt es lieber langsam angehen. Sa und die Eisbahn, man muss sich nicht besonders anstrengen, um darin ein Symbol zu sehen.

Seit einigen Wochen ist er in Berlin. Seine Heimat Syrien hat er vor über zwei Jahren verlassen. Der 24-Jährige ist vor Krieg und Zerstörung geflohen. Und jetzt befindet er sich in Deutschland auf dem glatten Eis und weiß noch nicht ganz genau, wie man sich hier bewegen muss, um nicht hinzufallen. Glücklicherweise hält eine junge Frau seinen Arm: Rebecca de Vries kennt Sa seit seiner Ankunft in Berlin. Seitdem wohnen sie zusammen in einer Wohngemeinschaft.

Debatte über Antisemitismus

Wer die Debatte der letzten Wochen über Antisemitismus unter Geflüchteten verfolgt hat, dem müssen de Vries und Sa wie ein ganz und gar ungewöhnliches Paar vorkommen. Er ist Muslim aus Syrien, sie Jüdin aus Deutschland. Als Angela Merkel vor Kurzem den Abraham-Geiger-Preis entgegennahm, sagte die Bundeskanzlerin gegenüber Vertretern der jüdischen Gemeinde, sie nehme deren Furcht vor Antisemitismus sehr ernst - dies gälte auch im Hinblick auf Geflüchtete, die aus Ländern kommen, „in denen Antisemitismus und Hass auf Israel Teil des öffentlichen Lebens sind und von Kindesbeinen an vermittelt werden“.

Damit reagierte Merkel auf Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit seiner Äußerung, dass viele der derzeit in Deutschland Ankommenden „Kulturen entstammen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind“, hat er eine Debatte angestoßen. Ihre Leitfrage lautet wohl: Kommt mit den Geflüchteten aus dem Nahen Osten mehr Antisemitismus nach Deutschland?

Die Wohnung, die sich Rebecca de Vries und Abdullah Sa teilen, liegt in Berlin-Neukölln. Von der Küche aus schaut man in einen ruhigen Hinterhof. Nur mit einem Rucksack auf dem Rücken kam Sa hier an. Von Istanbul aus hat er den ganzen Weg zurückgelegt. An die Küste bei Izmir ist er gefahren, hat in einem Schlauchboot das Meer nach Griechenland überquert, dann kamen Mazedonien, Serbien, Kroatien, Österreich, endlich Deutschland. Auf seinem Smartphone zeigt Sa Selfies von der Reise, auf einem trägt er eine Schwimmweste, sein Lächeln sieht ängstlich aus. Er hat es aufgenommen kurz vor seiner Fahrt über das Mittelmeer. „Das war der schlimmste Moment in meinem Leben“, sagt Sa. „Es war, als wenn man sich darauf vorbereitet, zu sterben.“

Trotz aller Angst, der 24-Jährige bestieg mit Dutzenden anderen Menschen das Schlauchboot - und setzte nach Europa über. Im Jahr 2013 war er mit seinen Eltern und Geschwistern aus Damaskus geflohen; einst war es ihnen gut gegangen in Syrien, sie hatten zwei Wohnungen, Arbeit, Einkommen. Das war vor dem Bürgerkrieg.

Wer ist hier Jude?

In Istanbul hatte er die letzten zwei Jahre verbracht, als syrischer Flüchtling ohne legalen Aufenthaltstitel. So wie Sa es beschreibt, war die gefährliche Reise über das Meer nicht wirklich eine freiwillige Entscheidung. In Istanbul sah er dann jedoch für sich keine Zukunft. Er arbeitete lediglich als schlecht bezahlter Verkäufer auf dem Gewürzbasar. Geld hatte er kaum, nur Träume; sein in Damaskus angefangenes Studium als Englisch-Übersetzer wollte er fortsetzen, sich eine lebenswerte Existenz aufbauen. Die vielen Touristen, die über den Istanbuler Gewürzbasar schlenderten, müssen auf Sa gewirkt haben wie ein Versprechen.

Dass er heute in der Küche in Neukölln sitzt, hat er einem Zufall zu verdanken. Während seiner Arbeit auf dem Gewürzbasar interessierte sich eine Freundin von Rebecca de Vries für seine Ware. Aus dem Verkaufsgespräch entwickelte sich später eine Freundschaft. Als sich Sa dann auf den Weg nach Europa machte, bat die gemeinsame Freundin de Vries inständig, ihm bei seiner Ankunft in Deutschland zu helfen. In ihrer Wohnung hatte de Vries ein kleines Zimmer frei. Dass die 32-Jährige Jüdin ist, erfuhr Sa nach einigen Tagen. Er schaute auf eine an die Wand gepinnte Postkarte in der Küche. Auf Arabisch stand darauf geschrieben: „Jude“. „Wer ist hier Jude?“, fragte Sa.

De Vries ist aktiv in Salam-Schalom, einer Neuköllner Initiative von Muslimen und Juden gegen Rassismus und Antisemitismus. Die arabische Postkarte war Teil einer Aktion für das Miteinander der beiden Minderheiten, die, wie de Vries sagt, in der Öffentlichkeit oft als „natürliche Feinde“ dargestellt werden. Dass sie Sa das Gästezimmer gegeben hat, liegt aber nicht nur an de Vries’ Weltoffenheit. Geflüchteten zu helfen, begreift sie als Gebot aufgrund ihrer Familiengeschichte. Alle ihre Großeltern sind Holocaust-Überlebende.

Welche Rolle der Antisemitismus in Syrien spielt und wie Sa. damit umgeht, erfahren Sie auf Seite 2.

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