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Wetter: Meteorologen und Mediziner warnen vor anhaltender Schwüle

Uhr | Aktualisiert 05.07.2012 11:19 Uhr
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Sonne

Viel Sonne plus hohe Luftfeuchtigkeit ergeben ein Klima, das nicht alle vertragen. Am Donnerstag steigt die gefühlte Temperatur in Halle auf 34 Grad Celsius. (FOTO: MZ)

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Diese Schwüle, warum gerade jetzt? Alle stöhnen - und hoffen auf frischen Wind. Ja, das Wetter nervt im Moment. Wie sehr, das weiß in Deutschland am besten der deutsche Klima-Michel.
Halle (Saale)/MZ. 

So nennen die Experten vom Deutschen Wetterdienst (DWD) ihr gemeinsam mit Medizinern entwickeltes Ideal-Modell. Es gibt Auskunft über die gefühlte Temperatur: eine klare Zahlenangabe, die mehr aussagt als Schwüle - ein schwammiges Wort. In die computergestützte Berechnung in der Offenbacher Wetter-Zentrale fließt eine Vielzahl von Daten ein. Neben dem täglichen Temperaturverlauf spielen Windgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit eine wichtige Rolle.

Klar, der Klima-Michel leidet bei der jetzigen Schwüle mehr als sonst. Leiden bedeutet aber nicht gleich Lebensgefahr, so Wetter-Experte Andreas Friedrich. Der angenommene Durchschnittsdeutsche verträgt nämlich einiges. Das sind die Angaben zur Person: Der Klima-Michel ist männlich, 35 Jahre alt, 1,75 Meter groß, 75 Kilogramm schwer. Und was auch in den Steckbrief gehört: Der Mann ist alles andere als dumm. Weil sich dieser Michel gern behaglich fühlt, wechselt er die Kleidung entsprechend des Wetters. Im Moment verzichtet er auf Jacke und Mütze. Ihm genügen Jeans und luftiges Hemd zum lockeren Auftritt. Auch wenn sich das nicht gravierend auf das Ergebnis auswirkt, der Wärmehaushalt wird wie im wahren Leben schon ein wenig entlastet. "Und das ist immer eine Wohltat."

Kein Wunder, denn die bei Schwüle hohe Luftfeuchtigkeit behindert den Wärmeaustausch zwischen Mensch und Umgebung. Extrem werde diese Belastung, so Friedrich, wenn die gefühlte Temperatur die 37-Grad-Marke erreicht: Auf der Haut liegt dann ständig ein Schweißfilm, den viele als unangenehm empfinden. Spätestens nun müsse sich auch der Klima-Michel etwas einfallen lassen. "Ein Ventilator erweist sich unter diesen Umständen fast als Gottesgeschenk." Denn der Luftzug wedelt den Schweiß von der Haut. Groß ist die Wärmebelastung aber bereits ab einer gefühlten Temperatur von 31 Grad Celsius. Ab diesem Wert kann das Wetter für Menschen, die auch sonst gesundheitliche Probleme haben, erhebliche Risiken bergen.

Akkord-Arbeit im Körper

Wie das Wetter wechselt, das erfährt Andreas Klement von der Universitätsklinik in Halle zuerst von seinen Patienten. Vor allem ältere Menschen suchen den Arzt jetzt häufiger auf. Und das sei richtig so. Schon ein kurzer Check könne schließlich Aufschluss geben, wie belastbar der Betreffende ist. Natürlich reagiere jeder Mensch anders, doch niemand müsse bei diesem Wetter in der Mittagshitze seine Kirschen pflücken. Jogger könnten gesundheitlichen Problemen aus den Weg gehen, wenn sie in den noch kühlen Morgenstunden starten. Und wer am Arbeitsplatz nicht auf ausreichende Lüftung achte, brauche sich über Leistungsabfall am frühen Nachmittag nicht zu wundern.

Klement bringt es so auf den Punkt: "Der Organismus leistet, wenn es schwül ist, regelrecht Akkord-Arbeit." Denn der Stoffwechsel funktioniere nur reibungslos, wenn im Körperinneren 37,4 Grad herrschen. Ansonsten kommen laut Klement jene Enzyme, die sämtliche Abläufe mit steuern, nicht voll zur Wirkung. So könne unter anderem ein Defizit an Sauerstoff entstehen. Die Folgen: schweres Kopfweh, schmerzhafte Schwellungen, Schwindelgefühle und Übelkeit - bis hin zum Kreislaufkollaps.

Wetterwechsel machen aber nicht automatisch krank, so der Arzt. Normalerweise sorge ein "Thermostat"

im Kopf für den Ausgleich zwischen Wärmeaufnahme und Abgabe.

Überhitzung droht

Die Belastbarkeit ist nicht unbegrenzt. Deshalb rät der Experte vor allem, viel zu trinken. Das klinge banal, sei aber eine Grundbedingung. "1,5 Liter am Tag ist die Untergrenze, sonst klappt es mit dem Schwitzen nicht." Und erst starkes Schwitzen verschaffe dem heiß laufenden Kreislauf die erforderliche Abkühlung. Übrigens ein Deo, das den Achselschweiß mindert, ist nicht schlimm. Schließlich schwitze der Mensch überall, wo die Natur ihn mit Haaren ausgestattet habe. "Hingegen warne ich vor Medikamenten gegen das Schwitzen," so Klement. Damit werde eine wichtige Schutzreaktion ausgeschaltet. Es drohe Überhitzung.

Worauf muss sich der Klima-Michel demnächst in Sachsen-Anhalt einstellen? Neuesten Berechnungen zufolge erreicht die Stadt Halle heute den Spitzenwert des gesamten Landes: eine gefühlte Temperatur von 34 Grad Celsius. Das liegt drei Grad über dem gestrigen Höchstwert, festgestellt für Bernburg. Wie sich das Wetter dann am morgigen Freitag entwickelt und wie es weitergeht, ist indes noch unklar. Wetterdienst-Experte Friedrich: "Der Wechsel ist das einzig Beständige an der jetzigen Großwetterlage."

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