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Weltreise: Von Halle nach New York: Auf Motorrädern zum kältesten Ort der Welt

Relikt des Scheiterns: In dem Truck der Marke Kamaz waren die Begleiter von Ewan McGregor und Charlie Boorman unterwegs. Die beiden britischen Schauspieler umrundeten 2004 für das Film-/Buchprojekt „Long Way Round“ die Welt auf Motorrädern. Eine Etappe dabei war die Knochenstraße. Die war aber so schwer, dass einiges an Ausrüstung – unter anderem eben der Kamaz-Geländewagen – zurückgelassen werden musste.

Relikt des Scheiterns: In dem Truck der Marke Kamaz waren die Begleiter von Ewan McGregor und Charlie Boorman unterwegs. Die beiden britischen Schauspieler umrundeten 2004 für das Film-/Buchprojekt „Long Way Round“ die Welt auf Motorrädern. Eine Etappe dabei war die Knochenstraße. Die war aber so schwer, dass einiges an Ausrüstung – unter anderem eben der Kamaz-Geländewagen – zurückgelassen werden musste.

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Leavinghomefunktion.de

Vancouver/Halle (Saale) -

Dass Johannes Fötsch gerade erst aufgestanden ist, hört man ihm gar nicht an. Ein lebendiges „Guten Morgen“ schallt vom anderen Ende er Telefonleitung herüber. In Deutschland ist es 18 Uhr, doch Fötsch befindet sich in einer anderen Zeitzone. Er sitzt 8 000 Kilometer entfernt am Telefon. In Vancouver, kanadische Westküste. Zeitunterschied: minus neun Stunden.

„Heute ist mein freier Tag“, sagt der Künstler aus Halle. „Erst morgen muss ich wieder wie die anderen arbeiten.“ Die anderen? Das sind die vier Motorradfahrer, mit denen er sich auf dem Weg nach New York befindet: Anne Knödler, Elisabeth Oertel, Efy Zeniou und Kaupo Holmberg. Um die US-Metropole zu erreichen, sind sie im September 2014 - damals noch in etwas anderer Besetzung - in Halle aufgebrochen. Ein 30.000 Kilometer langes Abenteuer durch Europa, Asien und Amerika.

Und das auf Ural-Motorrädern, einem russischen Fabrikat mit Seitenwagen. Im Westen sind sie zumeist Liebhaberstücke. In östlichen Gefilden findet man die Dreiräder noch im alltäglichen Einsatz. Und wahrscheinlich nirgendwo werden so intensiv genutzt wie in Kasachstan. In dem zentralasiatischen Land waren die fünf Weltumrunder auch beim letzten Telefongespräch im Mai. Sie wohnten gerade bei einem Motorradclub im kasachischen Norden. Und kurz nach dem Telefonat standen sie dort sogar vor Gericht.

„Gute Mädchen aus Deutschland“

„Anne und Elisabeth wurden von der Migrationspolizei festgenommen, weil ihnen ein Stempel in den Papieren fehlte“, erzählt Fötsch. Er und die anderen hatten den Stempel, der Touristen das freie Bewegen in Kasachstan erlaubt. Nur bei den beiden Frauen wurde er an der Grenze vergessen. Eigentlich eine Lappalie. Doch die Beamten in Kasachstan sahen das anders. „Den beiden drohten bis zu drei Jahre Gefängnis“, erzählt Fötsch.

Doch so schlimm kam es dann nicht. „Uns half, dass wir am Nationalfeiertag bei einer Gedenkveranstaltung teilnahmen und einen Strauß roter Nelken niederlegten.“ Das habe auch der Richter gewusst und bei der Verhandlung gemeint, dass die beiden ja „gute Mädchen aus Deutschland seien“. Er sprach Knödler und Oertel frei und die Reise konnte weiter gehen - und damit auch die Pannen.

Acht Motoren gingen schon zu Bruch

Mittlerweile ist nämlich kaum noch ein Teil an den Ural-Maschinen original. Allein acht Motoren und drei Seitenwagen gingen zu Bruch. „Wir haben schon jedes Teil mindestens einmal getauscht“, meint Fötsch. Zum ihrem Glück ist Ersatz oft nicht teuer. „Ein komplettes Motorrad bekamen wir unterwegs schon für unter 100 Euro.“

Auf Kasachstan folgte das Altai-Gebirge in Russland. Alpines Gelände und Vorbereitungsterrain für die Mongolei. Von dort hörten die Globetrotter viele Horrorszenarien. „Keine Straßen und Ersatzteile, kaum Tankstellen, Flüsse ohne Brücken – das wurde uns alles erzählt“, sagt Fötsch. Und auch, dass viele Reisende dort aufgeben würden. „Zum Glück trafen wir kurz zuvor noch einen Rallye-Fahrer, der die Mongolei schon durchquert hatte und uns Karten und wichtige Tipps geben konnte.“

Ende Juni starteten sie in das Riesenreich. „500 Meter nach der Grenze hörte der Asphalt auf und die Wüste begann.“ Ab da gab es hunderte Kilometer lang nur noch sandige und baumlose Weite. „Die Wege dort haben eine Wellenstruktur“, erklärt Fötsch. „Das ist, als würde man auf einem Waschbrett fahren.“ Außerdem wirbelte jedes Motorrad hinter sich eine Sandwolke auf, die die Orientierung erschwerte. „Oft verloren wir uns und brauchten Stunden, bis wir wieder beisammen waren.“

Doch aufgeben, wie zuvor prophezeit, mussten sie nicht. Dafür rückte aber die Beringstraße in immer weitere Ferne. Zu jenem gut 80 Kilometer breiten Stück Wasser, das Russland von Alaska trennt, wollten sie eigentlich fahren. Doch der sibirische Winter wäre schneller gewesen. „Uns wurde klar, dass die Zeit nicht reicht“, sagt Fötsch.

Die Straße der Knochen

Dafür fassten sie ein anderes Abenteuer ins Auge: die „Road of Bones“, zu Deutsch: „Straße der Knochen“. Sie führt in den Norden. Ihren Namen hat sie bekommen, weil beim Bau der Trasse hunderttausende Gulag-Häftlinge starben. Schätzungen gehen davon aus, dass für vier Meter Straße ein Mensch sein Leben ließ.

Die Ural-Piloten nahmen den alten Abschnitt der Piste. 300 Kilometer lang und kaum noch befahren. Auf dem Weg liegt auch Oimjakon, der kälteste bewohnte Ort der Erde. -67,8 Grad Celsius wurden dort gemessen. „Schaffen wollten wir den Weg in vier Tagen“, meint Fötsch. Es sollte länger dauern.

Das lag weniger an den Temperaturen. Im Sommer ist es angenehm warm. Doch die Straße ist für Motorräder eher ungeeignet. „Matsch, Moore, Schlammpisten, knietiefe Pfützen und Flüsse ohne Brücken“, so fasst Fötsch die Road of Bones zusammen. „Wir haben uns mit Seilwinden durch Dreck und Flüsse gezogen und mit gefällten Bäumen kleine Brücken gebaut.“ Das kostete Zeit.

Ende Mai wieder Sibirien

Nach zehn Tagen gingen ihnen 40 Kilometer vor der nächsten Ortschaft Essen und Benzin aus. „Erst sind wir mit nur zwei Motorrädern weiter und die letzten fünf Kilometer dann sogar zu Fuß“, erzählt Fötsch. Vollkommen ausgehungert schafften sie es in den nächsten Ort. Dort bekamen sie Essen und Benzin. „Und ein Einheimischer hat uns sogar am nächsten Tag mit seinem großen Truck zu den Motorrädern gefahren.“

Nachdem sie ihre Dreiräder wieder befreit hatten, fuhren sie in die russische Pazifikstadt Magadan, dem Endpunkt der Sommerreise. Die Motorräder wurden in Schiffe verladen und ins Winterlager nach Vancouver geschickt. Sie selber flogen am 1. September über Wladiwostok, Seoul und San Francisco in die kanadische Metropole. Sibirien hatten sie damit hinter sich gelassen. Jedoch nicht für immer. „In diesem Sommer wollen wir zurück“, sagt Fötsch. Dann soll die Beringstraße in Angriff genommen werden.

In Vancouver bereiten sie sich derzeit auf diesem Trip vor. Sie suchen nach neuen Sponsoren und Partnern. Und sie arbeiten viel: als Zimmermänner oder als Managerin in einem Feinkostladen. Ende Mai wollen sie nach Sibirien starten. Von dort geht es weiter nach Alaska und durch die USA nach New York. Am Plan, die Atlantikküste in diesem Jahr zu erreichen, hat sich nichts geändert. (mz)