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Mitteldeutsche Zeitung | Verschollene Akten: Stasi auf Ufo-Jagd
30. April 2013
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Verschollene Akten: Stasi auf Ufo-Jagd

Das Ministerium für Staatssicherheit hat keine Ufo-Fotos hinterlassen, der US-Geheimdienst CIA aber fand im Archiv dieses schöne Exemplar.

Das Ministerium für Staatssicherheit hat keine Ufo-Fotos hinterlassen, der US-Geheimdienst CIA aber fand im Archiv dieses schöne Exemplar.

Foto:

CIA

Halle/MZ -

Das Objekt kommt aus Richtung Süden, schwebt in einer unbestimmten Höhe und fliegt auf einem Feuerschweif über die Stadt. Alle fünf Zeugen haben das genauso gesehen, an diesem 3. Februar 1985 zwischen 23.40 und 23.50 Uhr - von vier verschiedenen Orten im Stadtgebiet aus. Und diese Zeugen sind nicht irgendwelche Betrunkenen, sondern in dienstlicher Angelegenheit unterwegs: Unabhängig voneinander machen fünf Streifenbeamte der Volkspolizei ihren Vorgesetzten Meldung von dem Unerhörten. Ein Ufo über Halle! Erst bewegt es sich nach Norden. Dann zerplatzt es hinter einem Objekt der sowjetischen Bruderstreitkräfte in Halle-Wörmlitz.

Das Ministerium für Staatssicherheit, so zeigen es Akten der Behörde, die jetzt in den Archiven entdeckt wurden, war alarmiert. Über die Bezirksbehörde geht die Meldung mit der Nummer 181/85 direkt an Minister Erich Mielke, seine Stellvertreter und Markus Wolf von der Auslandsaufklärung.

Keine Trümmerteile entdeckt

Ratlosigkeit spricht aus den knappen Aufzeichnungen des diensthabenden Majors Herbert Jeschke. Mitarbeiter der für die „Aufklärung politischer Untergrundtätigkeit“ zuständigen Hauptabteilung IX des MfS hätten, abgesehen von der eigentlichen Beobachtung, unterschiedliche Beschreibungen aufgenommen. So habe ein Polizist eine „reine Lichterscheinung“ wahrgenommen, ein anderer etwas „Zigarrenähnliches“ gesehen, ein Dritter dagegen einen „länglichen viereckigen Körper“, schreibt der MfS-Offizier.

Sofort eingeleitete Überprüfungen bei Instituten der Uni in Halle, „die Himmelsbeobachtungen durchführen“, so Jeschke, „ergaben keine Hinweise zur Klärung der Erscheinung“. Auch Untersuchungen an der Absturzstelle halfen nicht weiter: „Es konnten keine Trümmerteile entdeckt werden“. Wie noch jedes Mal, wenn das MfS auszog, Außerirdische zu jagen.

Das aber war, gemessen an den Verhältnissen etwa in den USA, nach Aktenlage selten genug. 1983 hatte es eine Ufo-Sichtung eines unbekannten Flugkörpers durch Angehörige der DDR-Grenztruppen bei Groß Glienicke gegeben. Doch schon wenig später wurde der Vorgang mit dem handschriftlichen Vermerk „hat sich nicht bestätigt“ ins Archiv gebracht. Auch der Fall des 16-jährigen Norbert Haase, der im Winter 1962 Schlittschuh auf dem Stadtsee von Stendal lief, als ein Ufo ihn entführte, stellte sich als Hirngespinst heraus. Ebenso wie ein Bericht des aus der Rhön in den Westen geflüchteten Oskar Linke, der bei ersten Vernehmungen angab, auf einer Waldlichtung in der Nähe seines Heimatortes Gleimershausen eine riesige Flug-Pfanne parken gesehen zu haben.

Hier war die CIA höchst interessiert, wie der Bericht Nr. 00-W-23682 vom 23.08.1952 zeigt, der heute in den Ufo-Archiven der US-Behörden nachzulesen ist. Wie die CIA führten auch der US-Geheimdienst NSA, das Pentagon und das FBI Akten über vermeintliche Sichtungen Außerirdischer - tausende Dokumente zeigen heute, wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg von einer wahren Ufo-Hysterie erfasst wurden. Im „Projekt Blue Book“ erfasste allein die US-Air-Force 12 618 Ufo-Sichtungen.

Soviel Aufregung machte nicht einmal vor den europäischen Partnern halt. 1978 verabschiedete die Uno ihre Resolution 33/426, die die Mitgliedsstaaten dazu aufforderte, „geeignete Schritte zur Untersuchung außerirdischen Lebens einschließlich unidentifizierter fliegender Objekte“ zu unternehmen. In Frankreich sammelte eine „Studiengruppe für nicht identifizierte Weltraumphänomene“ immerhin 59 nicht-klärbare Phänomene. Und in Großbritannien fertigte der „Ufo-Desk“ des Verteidigungsministeriums sogar tausende sogenannter X-Files.

Stasi nicht am Übersinnlichen interessiert

Die Staatssicherheit hingegen war am Übersinnlichen nicht sonderlich interessiert. In seltsamer lagerübergreifender Übereinkunft mit den bundesdeutschen Diensten, die nie Anstalten machten, Ufo-Akten anzulegen, beschränkte sich das MfS auf Untersuchungen in den wenigen Fällen, in denen glaubwürdige Zeugen vermeintlich wirklich beunruhigende Kunde brachten. Vor Aliens hatte die Staatssicherheit dabei stets weniger Furcht als vor dem Klassenfeind. Unbekannte Flugobjekte in der Nähe von militärischen Einrichtungen deuteten nach Stasi-Lesart nicht auf Besucher von Mars oder Venus, sondern allenfalls auf ein besonders raffiniertes Täuschungsmanöver des „Gegners“. Spezielle Ufo-Akten, wie sie nach Überzeugung des nach eigenen Angaben selbst einmal von Aliens entführten Ufologen Georg Spoettle nach dem Mauerfall aus der MfS-Zentrale zum BND nach Pullach gebracht wurden, gab es der Stasiunterlagenbehörde zufolge in den MfS-Beständen nicht.

Dafür aber Unterlagen über die Ufo-Unterlagen der Bruderländer im Osten. Denen trauten Mielkes Männer durchaus zu, geheime Experimente mit Ufos und Parapsychologie durchzuführen. Aufgeschreckt durch das Buch „Psi“, in dem zwei Amerikaner über Psychokinese und bionische Wunderwaffen in der Sowjetunion und Bulgarien berichteten, ließ das MfS Anfang der 70er einen Experten ein Gutachten über „Farbsehen mit der Haut“, Rutengängerei und Telepathie anfertigen.

Der namenlose Spezialist kommt in dem Gutachten nach ausführlicher Untersuchung „der zur Verfügung gestellten Literatur“ zur Überzeugung, „dass sich Wissenschaftler beider Weltsysteme gegenwärtig ernsthaft mit der Erforschung und Freisetzung von Kräften im Menschen“ befassen. Zwar stehe das Forschungsgebiet noch ganz am Anfang, doch Stimmen im Westen, die hier Hokuspokus und Okkultismus sähen, irrten.

„Die Erforschung der höheren Nerventätigkeit steht am Anfang eines ungeheueren Aufschwungs.“ Praktische Konsequenzen „auf dem geheimdienstlichen Sektor“ stünden zwar „noch nicht unmittelbar in Aussicht“. Doch erschien es dem Experten durchaus sinnvoll, „Publikationen zur Problematik weiter auszuwerten“.

Im Fall des Ufos von Halle ein guter Rat: Auf der Suche nach einer Erklärung für das Lichträtsel am Himmel über der Saalestadt durchforstet das MfS auch Zeitungen aus der Bundesrepublik. Und stößt dabei auf Berichte über „gelbglühende Feuerbälle“ und „gleißende Kugeln mit blaugrünem Schweif“. Sorgfältig heften die Fahnder Ausschnitte der Artikel ab. Und schließen die Akte.