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Mitteldeutsche Zeitung | Uni Halle: Initiative gegen Abderhalden will protestieren
11. March 2015
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Uni Halle: Initiative gegen Abderhalden will protestieren

J. Varwick

J. Varwick

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UNI Halle

Halle (Saale) -

„Wir werden das nicht akzeptieren“, sagt Johannes Varwick, Professor für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle - und ab August ansässig im neuen Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrum (GSZ) der Uni. Dessen Adresse lautet Emil-Abderhalden-Straße und darin liegt das Problem.

Unterstützer in allen Fakultäten

Varwick und 44 weitere Professoren sowie Mitarbeiter diverser Fakultäten der Universität Halle, am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) und am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie setzen sich dafür ein, dass die Stadt Halle die Straße umbenennt. „Der Stadtrat hat es immer wieder vertagt, da geht einfach nichts voran“, sagt Varwick.

„Abderhalden ist niemand, mit dem man sich schmücken kann und völlig ungeeignet für einen Straßennamen“, bezieht Varwick klar Position, vor allem als Adresse für ein Zentrum, in dem „wissenschaftliche Redlichkeit, wissenschaftliche Verantwortung und das Einstehen für Humanität zu Hause sind“. Es gebe Kollegen, die sich schämen würden, an einer solchen Adresse zu arbeiten.

Demo gegen den Straßennamen

Deshalb wolle man bei der Umzugsfeier des GSZ gegen den Straßennamen demonstrieren. Die Humboldt-Universität in Berlin hatte bereits 2010 ein nach Abderhalden benanntes Gebäude umbenannt. Des Weiteren soll den halleschen Stadträten die Thematik in Briefen noch einmal dargelegt werden.

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg müssten andere Signale gesetzt werden, sagt Varwick, auch mit Blick darauf, dass sich die Leopoldina bisher nicht zu Abderhalden positioniert habe und weder für noch gegen eine Umbenennung der Straße eine Empfehlung abgeben wolle.

Fehleinschätzung zu Abderhalden

Eine unabhängige Historikerkommission sei damit beschäftigt, die Geschichte der Akademie aufzuarbeiten, vor allem zu Zeiten der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR, heißt es in einem Schreiben, das der MZ vorliegt. Ein Teil befasse sich auch mit der Rolle Abderhaldens. Aus Krankheitsgründen verzögert sich die Studie jedoch seit Monaten.

Auch gibt es die Gegenseite, die sich ganz klar gegen eine Straßenumbenennung positioniert: Mehr als 30 Wissenschaftler, Künstler, Historiker und Bürgerrechtler, die gegen die Verurteilung Abderhaldens sind und die Auffassung Varwicks und seiner Mitstreiter nicht teilen. Stattdessen sprechen sie von einem Zerrbild, das Abderhaldens Verdienste nicht würdige.

Kein Anhänger des Nazi-Regimes

Zwar streitet die Gegenbewegung nicht ab, dass der frühere Leopoldina-Präsident ein Anhänger der eugenischen Forschung gewesen sei, aber er sei kein Rassentheorie-Verfechter und auch kein Anhänger des Nazi-Regimes gewesen. Die Wissenschaftler forderten stattdessen auf, das die Befürworter der Straßenumbenennung ihre Unterschrift überdenken sollen. (mz)