Vorlesen

Tollwitz: Diabetiker-Begleithund überwacht Zuckerwerte

Uhr | Aktualisiert 02.11.2012 21:17 Uhr

Zahlreiche Spender haben es Maries Eltern ermöglicht, den trainierten Diabetiker-Begleithund zu kaufen. (FOTO: MARCO JUNGHANS)

Von
Dank einer großen Spendenbereitschaft konnte die Familie der an Diabetes erkrankten Marie aus Tollwitz einen speziellen Warnhund kaufen. Der Mischling wacht über ihre Zuckerwerte.
Drucken per Mail
Tollwitz/MZ. 

Müde liegt die anderthalb Jahre alte Mila zusammengerollt in einer Ecke des Flurs. Als sich die Tür öffnet, hebt der pechschwarze Labrador-Mischling gemächlich den Kopf, um den Besuch zu beschnuppern. "Für Mila ist alles noch ein wenig anstrengend", erklärt Christine Schwertner die Zurückhaltung des Hundes, der selbst im Ruhezustand arbeitet und so rund um die Uhr für Schwertners Tochter im Einsatz ist.

Als speziell ausgebildeter Begleithund für Diabetiker ist Mila nämlich kein normales Haustier - durch ihre ständige Wachsamkeit kann sie zur Lebensretterin auf vier Pfoten werden. Denn dank seiner Spürnase schlägt der Hund schon bei einer leichten Unterzuckerung Alarm und weist seinen Besitzer darauf hin, dass dieser schnellstens Insulin braucht. Seit einigen Tagen wacht Mila nun über die zehnjährige Marie aus Tollwitz bei Bad Dürrenberg (Saalekreis), deren Blutzuckerwerte völlig verrückt spielen.


>br>Nachdem das Schicksal der Kleinen bekannt wurde, rollte eine Welle des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft durch die Region. Mit Unterstützung der Mitteldeutschen Zeitung spendeten daraufhin viele Menschen der Familie Geld, um ihr den Kauf des 20 000 Euro teuren Hundes zu ermöglichen. Da die Anschaffung eines solchen Tieres nicht zum Leistungskatalog der Krankenkasse gehört, war die Familie auf fremde Hilfe angewiesen.

Bis heute kamen durch die Spenden rund 14 000 Euro zusammen. Weil ein Hallenser der Familie zudem ein zinsloses Darlehen zusagte, konnte sie nun das Tier aus seinem Ausbildungszentrum bei Graz in Österreich abholen.

Familie lernte, Signale zu deuten

Dort angekommen, musste sich die Familie jedoch selbst erstmal einem Training unterziehen. "Wir haben von der Pflege eines Hundes bis zum speziellen Verhalten der Begleithunde alles gelernt", schildert Christine Schwertner den Unterricht, der sich zum Teil über zehn Stunden täglich erstreckte. Im Fokus stand bei dem zehntägigen Lehrgang auch, die Warnsignale des Hundes richtig zu deuten.

In Maries Fall muss die Familie mehrmals täglich auf seine Hinweise reagieren. Denn seit drei Jahren schwanken die Werte trotz einer Insulinpumpe noch immer. Bei gesunden Kindern liegen die Werte laut Deutscher Diabetes-Gesellschaft zwischen 3,3 und 5,5 Millimol pro Liter - bei Marie lagen die Extreme bei 1,7 und über 30.

"Jetzt zeigt er wieder an", sagt Maries Mutter, als sich Mila vor das Mädchen setzt und mit den Pfoten auf seinen Armen trommelt. Erst als Marie zu ihrer Notfalltasche greift, um mit einem Messgerät die Werte zu überprüfen, beruhigt sich der Vierbeiner wieder. "Fehlanzeige", atmet die Mutter auf, wenn auch ein wenig enttäuscht. "Mila lernt noch - in den nächsten Wochen wird sie sich erst genau auf Marie einstellen und richtig liegen", hofft Schwertner.

Dennoch sind das Mädchen und der Hund bereits ein gutes Team. "Wenn sie richtig anzeigt, dann bekommt Mila eine Belohnung", erzählt Marie ganz selbstbewusst. Das noch vor wenigen Wochen apathisch wirkende Kind ist kaum wiederzuerkennen, lacht und erzählt: "Aber wenn es nicht stimmt, schicke ich sie auf ihren Platz und ignoriere sie", sagt die Zehnjährige und wirft einen schelmischen Blick auf ihren vierbeinigen Begleiter, der ihr schon wieder zu Füßen liegt. Von Welpenbeinen an wurde die feine Nase des Mischlings mit Stoffproben darauf trainiert, sowohl eine Unter- als auch Überzuckerung zu erkennen.

"Vor Überzuckerung warnen ist eine extra Begabung, da macht sie noch viele Fehler", erzählt die Mutter. Sechs bis acht Wochen bleiben Mila jetzt noch Zeit, die Fehler abzustellen. Denn erst nach der dann bestandenen Prüfung erhält sie das Zertifikat für ausgebildete Begleithunde. Allerdings nimmt der Vierbeiner den Eltern schon jetzt viele Sorgen. "Auf die Anzeige einer Unterzuckerung können wir uns verlassen, sie kann mit Hilfe von Seilen Türen öffnen und mit der Nase eine Klingel anstupsen, falls mal etwas sein sollte", zählt die Mutter die Talente des neuen Familienmitglieds auf.

Auch den Notfalltest - einen simulierten Zuckerschock - bestand der Hund. "Mila gab Pfötchen, sprang auf mich drauf", erinnert sich Marie. Als das Kind noch immer nicht reagierte, rannte der Hund schließlich zu den Eltern. Diese wollen Mila zu Beginn aber nicht gleich überfordern. "Der Hund braucht seine Ruhephasen, er ist tagsüber rund um die Uhr wachsam und muss jetzt auch nachts mit aufstehen", erklärt Schwertner. Denn alle zwei Stunden wechseln sich die Eltern nach wie vor ab, schleichen an Maries Bett, um deren Blutzuckerwerte zu überprüfen. Damit diese Aufgabe der Hund übernehmen kann, wird er von den Schwertners jetzt darauf trainiert, nachts von allein aufzuwachen. Als Begleithund darf der Vierbeiner auch Supermärkte, Geschäfte und die Schule betreten. "Marie soll aber keine so große Sonderstellung erhalten, deshalb wollen wir Mila erstmal nicht mit in die Schule schicken", sagt Christine Schwertner.

Psychologische Betreuung wichtig

Trotz des Hundes bemüht sich die Mutter weiter um eine enge psychologische Betreuung des Mädchens, dem die Erkrankung bislang erheblich zu schaffen machte. Die Wartezeiten sind aber lang.

Die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen macht die Eltern noch heute sprachlos. "Uns fehlen einfach die Worte", sagt Schwertner. Zu einigen Spendern habe die Familie auch persönlichen Kontakt aufbauen können. "Einer Mutter eines ebenfalls an Diabetes erkrankten Kindes habe ich selbst erst Mut gemacht", erzählt sie.

Dabei dachte Schwertner wohl an Marie, die nun beginnt, ihr verloren geglaubtes Lachen und die Unbeschwertheit wiederzufinden.

Auch interessant