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Thomas Mücke im MZ-Interview: Wie können Eltern Gefahren erkennen?

Screenshot eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren.

Screenshot eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren.

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dpa/Archiv

Halle (Saale) -

Sangerhausen, München - Mädchen ziehen in den Heiligen Krieg. Viele Eltern sind besorgt angesichts der jüngsten Fälle. Thomas Mücke ist Pädagoge beim Berliner Verein „Violence Prevention Network“, der Familien berät. Alexander Schierholz sprach mit ihm.

Herr Mücke, woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind sich möglicherweise radikalisiert und in die Islamisten-Szene abdriftet?

Mücke: Wenn Lebensgewohnheiten sich ändern, wenn das Kind Kontakte zu seinen Freunden abbricht, wenn es nur noch schwarz-weiß denkt, wenn es sich in auffälliger Weise mit dem Islam beschäftigt oder erzählt, dass Muslime alle benachteiligt werden, dann sollten Eltern hellhörig werden. Aufpassen sollte man auch, wenn Kinder nach Reisen in die Region suchen.

Wie sollten Eltern dann reagieren?

Mücke: Wenn sie ein ungutes Gefühl haben, sollten sie sich Hilfe holen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterhält eine Beratungsstelle Radikalisierung. Dort bekommt man Berater vor Ort vermittelt.

So ein Anruf dürfte für manche Eltern eine hohe Hürde sein. Wie ist es mit Reden mit dem Kind?

Mücke: Auf jeden Fall. Man darf die Kommunikation nie abreißen lassen. Man muss aber wissen, wie man das richtig macht. Man muss den Kindern vermitteln, dass man sie und ihre Sorgen ernst nimmt. Sie müssen spüren, dass ihre Eltern sich für sie interessieren und sich selbst Sorgen machen. Also die Hand ausstrecken statt auf Konfrontation zu gehen. Das Kind darf nicht das Gefühl bekommen, dass es als Person abgelehnt wird. Auch für den richtigen Umgang miteinander können die Berater Tipps geben. Deshalb sollten Eltern nicht zu lange warten, ehe sie zum Hörer greifen. Wir haben auch Fälle, in denen Familien sich erst gemeldet haben, als ihre Kinder schon in Syrien waren. Dann ist es nahezu unmöglich, an sie heranzukommen.

In der Pubertät verändert sich das Verhalten von Kindern. Wie kann man unterscheiden, ob es sich um pubertäre Probleme handelt oder ob da mehr dahintersteckt?

Mücke: Das ist extrem schwierig. Man kann ja nicht alle Pubertierenden unter Generalverdacht stellen. Aber Tatsache ist: Die islamistische Szene nutzt es aus, dass junge Menschen auf der Suche nach Orientierung und nach ihrer Identität sind. Wenn man sich unsicher ist, was mit seinem Kind los ist, hilft es auch, sich mal umzuhören: Wie verhalten sich andere Kinder in dem Alter?

Bisher war vor allem von jungen Männern mit Migrationshintergrund aus Westdeutschland die Rede, die in den Dschihad ziehen. Nun sind es Mädchen ohne Migrationshintergrund aus der ostdeutschen Provinz. Man dachte immer, im Osten könnte das gar nicht passieren.

Mücke: Das ist ein Trugschluss. Wir haben es hier nicht ausschließlich mit einem Migrantenproblem zu tun, sondern mit einem Jugendproblem. In Ostdeutschland gibt es dafür leider wenig Problembewusstsein, einfach weil dort vergleichsweise wenige Migranten leben. Deshalb fehlt es auch an Präventionskonzepten.

Sachsen-Anhalt hat nach dem Fall in Sangerhausen angekündigt, die Präventionsarbeit auszubauen.

Mücke: Das kommt spät, aber es ist genau die richtige Reaktion. Die Gefahr ist groß, dass Extremisten sich bei ihrer Rekrutierung gerade auf die Gegenden konzentrieren, wo das Problem nicht als solches wahrgenommen wird. Wir haben auch in Ostdeutschland mehr Fälle als öffentlich bekannt sind. Da muss man gegenhalten.

Beratungsstelle: 0911/943 4343, beratung@bamf.bund.de. (mz)