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Streit unter Schlichtern: Mediatoren fühlen sich im Stich gelassen

Uhr | Aktualisiert 25.11.2012 21:28 Uhr

Der Vorsitzende des Landesverbandes Mediation, Jens Alicke, hat Angela Kolb (SPD) aufgefordert, sich für Standards bei der Mediatorenausbildung einzusetzen. (ARCHIVFOTO: DAPD)

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Ausgerechnet zwischen Sachsen-Anhalts professionellen Streitschlichtern gibt es Streit: Der Vorsitzende des Landesverbandes Mediation wirft der Politik mangelnde Unterstützung der Arbeit der freien Mediatoren und eine Bevorzugung hauptamtlicher Richter vor.
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Magdeburg/MZ. 

Ausgerechnet zwischen Sachsen-Anhalts professionellen Streitschlichtern gibt es Streit: Der Vorsitzende des Landesverbandes Mediation, Jens Alicke, wirft der Politik mangelnde Unterstützung der Arbeit der freien Mediatoren und eine Bevorzugung hauptamtlicher Richter vor, die ebenfalls Streitschlichtungsverfahren anbieten. Die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Mediatoren und fehlende Standards für deren Ausbildung hätten zur Folge, dass "Sachsen-Anhalt noch immer ein Entwicklungsland bei der Mediation ist, andere Bundesländer sind da schon viel weiter".

Streitwert bis 4 000 Euro

Grundsätzlich sollen Zivilrechtsverfahren bis zu einem Streitwert von 4 000 Euro außerhalb des Gerichtssaals gelöst werden. Ziel ist es, so die Gerichte zu entlasten und den Streitparteien kostengünstige Kompromisse zu ermöglichen. Alicke hat nun Justizministerin Angela Kolb (SPD) aufgefordert, sich für Standards bei der Mediatorenausbildung einzusetzen. Zudem solle sich die Ministerin dafür stark machen, "dass zwischen den Richtermediatoren und den freien Mediatoren Mauern abgebaut werden". Hinter dieser Forderung stehen freilich auch wirtschaftliche Interessen: Mediator kann sich bislang jeder nennen - und für seine Leistungen auch Geld verlangen. Alickes Verband will den Wildwuchs auf dem Markt kanalisieren und fordert daher für Mediatoren eine 270-stündige Grundausbildung sowie ständige Weiterbildungen.

Doch auch Richter, die als Mediatoren tätig sind, sind freien Streitschlichtern wie Rechtsanwälten, Sozialtherapeuten oder Psychologen als Konkurrenten ein Dorn im Auge: Vor allem Rechtsanwälte nutzen die Mediation als zusätzliches Standbein. Das ist finanziell durchaus lukrativ, weil immer mehr Rechtsschutzversicherungen auch Mediationsverfahren zahlen.

Grundsätzlich können Betroffene zwischen einem Richter und einem freien Mediator wählen. Zwar ist die Streitschlichtung mit Hilfe freier Mediatoren meist nur halb so teuer wie ein Verfahren mit einem Rechtsanwalt vor Gericht. Problematisch - und teurer - wird es aber, wenn eine Mediation mit einem freien Mediator scheitert. Dann trifft man sich ohnehin vor Gericht - und zahlt. Wird eine Mediation von einem Richter durchgeführt, wird das Hauptsacheverfahren für die Zeit der Mediation jedoch ausgesetzt und diese kostet dann keine zusätzlichen Gebühren. "Viele Bürger gehen daher lieber gleich vor Gericht, weil ihnen ein Urteil mehr Wert ist als der Kompromiss bei einem Mediator", beklagt auch Justizministerin Kolb.

Die Zahlen bestätigen Alickes Eindruck, dass freie Mediatoren oft den Kürzeren ziehen: Der Landesverband hat nach eigenen Angaben seit 2007 rund 500 Verfahren durchgeführt; bei den Richtern waren es zwischen 2006 und 2011 indes 1 700. Die Erfolgsquote ist jedoch bei beiden Gruppen gleich: Im Schnitt kann jedes zweite Verfahren mit einer gütlichen Einigung beendet werden. Das bedeutet, dass den Zivilgerichten im Land seit 2006 rund 1 100 Verfahren erspart geblieben sind.

Standards vom Bund

Aus diesem Grund will die Ministerin die Mediation noch bekannter machen und auf den Landesverband der Mediatoren zugehen. "Wir müssen uns nicht gegenseitig Konkurrenz machen." Auch die Einführung von Standards sei zu begrüßen. "Wenn wir mehr Mediation wollen, dann hat der Bürger auch Anspruch auf gut ausgebildete Mediatoren." Es sei aber Sache des Bundes, für solche Standards zu sorgen, sagte Kolb.

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