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Streit um die Emil-Abderhalden-Straße in Halle: Der Schweizer Patient

Johannes Varwick (links) und der Mediziner Dietmar Gläßer

Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick (links) und der Mediziner Dietmar Gläßer sind uneins über die Rolle Emil Abderhaldens.

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Thomas Meinicke

Halle (Saale)/MZ -

Ein Witz geht um in den halleschen Kneipen, und er könnte fast ernst gemeint sein. Warum nicht die Emil-Abderhalden-Straße wirklich umbenennen, heißt es da. Der Name liege doch auf der Hand: „Ehemalige Abderhalden-Straße“ könne der Straßenzug am derzeit im Bau befindlichen neuen Campus der Geisteswissenschaften der Uni dann künftig heißen.

Eine Lösung ganz im Geist des Philosophen-Königs Salomon: Die einen dürften ihren Abderhalden behalten. Die anderen aber wären ihn endlich los, den Namen des ehemaligen Chefs der internationalen Wissenschaftlerakademie Leopoldina, der aus der Schweiz nach Halle kam, hier mehr als 30 Jahre forschte und lehrte und nun 60 Jahre nach seiner Ehrung mit einem Straßennamen für Streit und Hader an der Alma Mater, im Stadtrat und unter Bürgerinnen und Bürgern sorgt.

Schuld daran ist der Politikwissenschaftler Johannes Varwick, seit März Professor an der Martin-Luther-Uni (MLU). Gemeinsam mit Kollegen startete der gebürtige Aschaffenburger Ende Oktober eine Initiative zur Umbenennung der einzigen Abderhalden-Straße der Welt. Der Namensgeber sei eine „sehr fragwürdige historische Person“, so die Initiatoren, die während der Diskussion um die künftigen Namen von Hörsälen auf dem neuen Campus über Abderhalden stolperten. Johannes Varwick ist sicher: Eine Straße vor der Uni-Haustür, die einen „eugenischen Rassisten der ersten Stunde“ ehre, „finden viele Kolleginnen und Kollegen sehr unglücklich“.

Ein untaugliches Vorbild

Abderhalden tauge in keiner Weise zum Vorbild, sagt Varwick. Der Biochemiker sei ein Fälscher wissenschaftlicher Daten gewesen, er habe Zwangssterilisationen befürwortet, den KZ-Arzt Josef Mengele zu Menschenversuchen inspiriert und jüdische Leopoldina-Mitglieder wie den Physiker Albert Einstein ausgeschlossen. Eine weitere detaillierte historische Auseinandersetzung mit der Rolle Abderhaldens brauche es gar nicht. „Es ist unstrittig, dass der Name nicht als Benennung einer Straße taugt.“

Ein Urteil, gefällt ohne Prozess, aber unter großem Beifall. Parteien schlossen sich der Forderung umgehend an, auch Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand zeigte sich schnell offen für die Forderung. Es geht um den Ruf der Stadt, um den Ruf der Universität, um das Image des Standortes Halle in der Welt, das leiden würde oder zumindest könnte. Dagegen steht der Ruf des vor 63 Jahren verstorbenen Mannes aus dem schweizerischen Oberuzwil, der seit der Umbenennung eines nach ihm benannten Gebäudes der Berliner Humboldt-Uni ohnehin angekratzt ist.

Eine leichte Entscheidung für den Stadtrat, der Anfang Dezember über die Namensänderung befinden soll. Dietmar Gläßer allerdings ist ganz anderer Ansicht. Der Mediziner, nach der Wende selbst Prorektor an der MLU, arbeitete als junger Forscher mit Horst Hanson, dem früheren Oberassistenten von Emil Abderhalden. Jetzt sieht er einen Hauch von Hexenjagd durch die Straßen ziehen. „Das Abderhalden-Bild, das Hanson mir vermittelt hat“, sagt der 82-jährige, selbst seit 1974 Mitglied der Leopoldina, „ist völlig anders als das, das jetzt gemalt wird.“ Viele der Vorwürfe, die Abderhalden gemacht würden, entbehrten jeder Grundlage - so etwa, wenn ihm unterstellt werde, er habe als Gründer des „Bundes zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft“ die Rassetheorie der Nazis vertreten. Zweck des Bundes sei ein ganz anderer gewesen. „Er unterhielt ein Säuglingsheim, in dem Neugeborene aus unehelichen Beziehungen aufgenommen wurden“, beschreibt Gläßer. Abderhalden habe seine „Windelburg“ gegen Angriffe von rechts verteidigen müssen und dabei eng mit dem linken Internisten Theodor Brugsch und dem jüdischstämmigen Kinderarzt Wilhelm Hertz zusammengearbeitet. „Noch 1940 bedankte er sich öffentlich für deren Hilfe, obwohl beide ihre Stellen an der Uni da schon verloren hatten.“

Brugsch, der Halle Mitte der 30er Jahre verließ, „nachdem ich den Eindruck gewonnen hatte, dass nicht nur eine ganze Stadt den Nacken beugte, sondern auch die Professoren sich willig und widerspruchslos dem Nazismus fügten“, wie er schrieb, habe nach dem Krieg versucht, Abderhalden zu einer Rückkehr nach Halle zu bewegen. Für Gläßer ein Beleg dafür, dass Zeitgenossen Abderhalden anders einschätzten als dies heute der Fall sei. „Es reicht nicht, sich aus einer Biografie ein bisschen was herauszusuchen, um den ganzen Menschen zu bewerten.“

Für Johannes Varwick ist das allerdings kein Argument. Die problematischen Aspekte der Figur überwögen die positiven Momente, glaubt er. Und vor allem schade der Name der Uni. „Als ich einem Freund meine neue Adresse geschickt habe, hat der sofort gefragt, wo ich da hingeraten sei.“ Hier habe es wohl keine Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben, hieß es.

Henrik Eberle widerspricht da entschieden. Der Historiker, der vor elf Jahren eine großangelegte Untersuchung zur MLU zwischen 1933 und 1945 vorgelegt hatte, hält Emil Abderhalden keineswegs für einen Rassisten und Naziverbrecher. „So ein Urteil ist einfach Blödsinn“, sagt Eberle. Abderhalden sei in vielem sogar das genaue Gegenteil von dem gewesen, was ihm derzeit vorgeworfen werde. „Er war ein Menschenfreund, er wollte die Welt verbessern.“ Dass er dazu Mittel wie die Eugenik befürwortete, sei aus der Zeit heraus erklärbar. „Das galt damals unter Wissenschaftlern weltweit als hoffähig.“ Jedoch habe Abderhalden auch hier wie ein Humanist gehandelt: „Er lehnte es kategorisch ab, Menschen zu töten und ihn in einem Atemzug mit Mengele zu nennen, ist geradezu absurd.“

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