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Mitteldeutsche Zeitung | Streit um die Emil-Abderhalden-Straße in Halle: Der Schweizer Patient
21. November 2013
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Streit um die Emil-Abderhalden-Straße in Halle: Der Schweizer Patient

Johannes Varwick (links) und der Mediziner Dietmar Gläßer

Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick (links) und der Mediziner Dietmar Gläßer sind uneins über die Rolle Emil Abderhaldens.

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Thomas Meinicke

Ein Witz geht um in den halleschen Kneipen, und er könnte fast ernst gemeint sein. Warum nicht die Emil-Abderhalden-Straße wirklich umbenennen, heißt es da. Der Name liege doch auf der Hand: „Ehemalige Abderhalden-Straße“ könne der Straßenzug am derzeit im Bau befindlichen neuen Campus der Geisteswissenschaften der Uni dann künftig heißen.

Eine Lösung ganz im Geist des Philosophen-Königs Salomon: Die einen dürften ihren Abderhalden behalten. Die anderen aber wären ihn endlich los, den Namen des ehemaligen Chefs der internationalen Wissenschaftlerakademie Leopoldina, der aus der Schweiz nach Halle kam, hier mehr als 30 Jahre forschte und lehrte und nun 60 Jahre nach seiner Ehrung mit einem Straßennamen für Streit und Hader an der Alma Mater, im Stadtrat und unter Bürgerinnen und Bürgern sorgt.

Schuld daran ist der Politikwissenschaftler Johannes Varwick, seit März Professor an der Martin-Luther-Uni (MLU). Gemeinsam mit Kollegen startete der gebürtige Aschaffenburger Ende Oktober eine Initiative zur Umbenennung der einzigen Abderhalden-Straße der Welt. Der Namensgeber sei eine „sehr fragwürdige historische Person“, so die Initiatoren, die während der Diskussion um die künftigen Namen von Hörsälen auf dem neuen Campus über Abderhalden stolperten. Johannes Varwick ist sicher: Eine Straße vor der Uni-Haustür, die einen „eugenischen Rassisten der ersten Stunde“ ehre, „finden viele Kolleginnen und Kollegen sehr unglücklich“.

Ein untaugliches Vorbild

Abderhalden tauge in keiner Weise zum Vorbild, sagt Varwick. Der Biochemiker sei ein Fälscher wissenschaftlicher Daten gewesen, er habe Zwangssterilisationen befürwortet, den KZ-Arzt Josef Mengele zu Menschenversuchen inspiriert und jüdische Leopoldina-Mitglieder wie den Physiker Albert Einstein ausgeschlossen. Eine weitere detaillierte historische Auseinandersetzung mit der Rolle Abderhaldens brauche es gar nicht. „Es ist unstrittig, dass der Name nicht als Benennung einer Straße taugt.“

Ein Urteil, gefällt ohne Prozess, aber unter großem Beifall. Parteien schlossen sich der Forderung umgehend an, auch Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand zeigte sich schnell offen für die Forderung. Es geht um den Ruf der Stadt, um den Ruf der Universität, um das Image des Standortes Halle in der Welt, das leiden würde oder zumindest könnte. Dagegen steht der Ruf des vor 63 Jahren verstorbenen Mannes aus dem schweizerischen Oberuzwil, der seit der Umbenennung eines nach ihm benannten Gebäudes der Berliner Humboldt-Uni ohnehin angekratzt ist.

Eine leichte Entscheidung für den Stadtrat, der Anfang Dezember über die Namensänderung befinden soll. Dietmar Gläßer allerdings ist ganz anderer Ansicht. Der Mediziner, nach der Wende selbst Prorektor an der MLU, arbeitete als junger Forscher mit Horst Hanson, dem früheren Oberassistenten von Emil Abderhalden. Jetzt sieht er einen Hauch von Hexenjagd durch die Straßen ziehen. „Das Abderhalden-Bild, das Hanson mir vermittelt hat“, sagt der 82-jährige, selbst seit 1974 Mitglied der Leopoldina, „ist völlig anders als das, das jetzt gemalt wird.“ Viele der Vorwürfe, die Abderhalden gemacht würden, entbehrten jeder Grundlage - so etwa, wenn ihm unterstellt werde, er habe als Gründer des „Bundes zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft“ die Rassetheorie der Nazis vertreten. Zweck des Bundes sei ein ganz anderer gewesen. „Er unterhielt ein Säuglingsheim, in dem Neugeborene aus unehelichen Beziehungen aufgenommen wurden“, beschreibt Gläßer. Abderhalden habe seine „Windelburg“ gegen Angriffe von rechts verteidigen müssen und dabei eng mit dem linken Internisten Theodor Brugsch und dem jüdischstämmigen Kinderarzt Wilhelm Hertz zusammengearbeitet. „Noch 1940 bedankte er sich öffentlich für deren Hilfe, obwohl beide ihre Stellen an der Uni da schon verloren hatten.“

Brugsch, der Halle Mitte der 30er Jahre verließ, „nachdem ich den Eindruck gewonnen hatte, dass nicht nur eine ganze Stadt den Nacken beugte, sondern auch die Professoren sich willig und widerspruchslos dem Nazismus fügten“, wie er schrieb, habe nach dem Krieg versucht, Abderhalden zu einer Rückkehr nach Halle zu bewegen. Für Gläßer ein Beleg dafür, dass Zeitgenossen Abderhalden anders einschätzten als dies heute der Fall sei. „Es reicht nicht, sich aus einer Biografie ein bisschen was herauszusuchen, um den ganzen Menschen zu bewerten.“

Für Johannes Varwick ist das allerdings kein Argument. Die problematischen Aspekte der Figur überwögen die positiven Momente, glaubt er. Und vor allem schade der Name der Uni. „Als ich einem Freund meine neue Adresse geschickt habe, hat der sofort gefragt, wo ich da hingeraten sei.“ Hier habe es wohl keine Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben, hieß es.

Henrik Eberle widerspricht da entschieden. Der Historiker, der vor elf Jahren eine großangelegte Untersuchung zur MLU zwischen 1933 und 1945 vorgelegt hatte, hält Emil Abderhalden keineswegs für einen Rassisten und Naziverbrecher. „So ein Urteil ist einfach Blödsinn“, sagt Eberle. Abderhalden sei in vielem sogar das genaue Gegenteil von dem gewesen, was ihm derzeit vorgeworfen werde. „Er war ein Menschenfreund, er wollte die Welt verbessern.“ Dass er dazu Mittel wie die Eugenik befürwortete, sei aus der Zeit heraus erklärbar. „Das galt damals unter Wissenschaftlern weltweit als hoffähig.“ Jedoch habe Abderhalden auch hier wie ein Humanist gehandelt: „Er lehnte es kategorisch ab, Menschen zu töten und ihn in einem Atemzug mit Mengele zu nennen, ist geradezu absurd.“

Auch Rüdiger vom Bruch, emeritierter Professor für Geschichte an der Humboldt-Uni in Berlin und von der Leopoldina beauftragt, deren Geschichte zu erforschen, würde Emil Abderhalden wohl keinen Verbrecher nennen. Aber wenn er sagt, eine „direkte Verbindung Abderhaldens zu Menschenversuchen der Nationalsozialisten“ sei nicht belegbar, klingt der Freispruch fast wie eine Bezichtigung. Obwohl sich Abderhalden doch, wie Eberle bestätigt, zeitlebens in Reden wie Schriften als Gegner von Menschenversuchen zeigte. Doch längst hat sich die Diskussion von den Details gelöst und sich in Sphären begeben, in denen es auf Fakten kaum noch ankommt. Wo Johannes Varwick Abderhalden vorwirft, dass er einst Albert Einstein wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leopoldina geworfen habe, verweist Gläßer empört darauf, dass es Abderhalden gewesen sei, der Jahre zuvor Einsteins Aufnahme befürwortet hatte. Wo die Kritiker beklagen, dass Abderhalden seinen Straßennamen 1946 bekommen habe, korrigieren seine Verteidiger: Es war der 9. März 1953, als die SED anwies, die bis dahin nach Kaiser Wilhelm benannte Straße „aus Anlass des 76. Geburtstages des verdienten Lehrers und Forschers“ neu auszuschildern.

Eine seltene Ehre für ein „Mitglied des Establishment des NS-Regimes“, wie Johannes Varwick Abderhalden nennt. Doch die SED, die die Entnazifizierung der Gesellschaft wie eine Fahne vor sich hertrug, schien mit Abderhalden kein Problem gehabt zu haben.

Anders Johannes Varwick. „Abderhalden hat die Ideologie vertreten, er hat das nie kritisch reflektiert, er hat Schuld auf sich geladen“, sagt der 45-Jährige. Aus seiner Sicht dürfe man nun nicht nach Entschuldigungen und Verdiensten suchen, um den Straßennamen trotz dieser Verfehlungen beibehalten zu können. „Man kann einen Altnazi nicht würdigen, Punkt.“

Aber wenn er gar kein Nazi war, wie Dietmar Gläßer glaubt? Der Hallenser sieht den Lehrer seines Lehrers als umtriebigen Macher, der im Ersten Weltkrieg Kleingartenanlagen gegen den grassierenden Hunger gründet, tausende tuberkulöse Kinder zur Erholung in die Schweiz schickt und 1922 eine Altershilfe gründet, die Spenden an mittellose Hallenser verteilt, bis sie 1933 von den Nazis geschlossen wird. Dass der Kämpfer gegen Alkohol und Nikotin in Hitler anfangs einen Gleichgesinnten gesehen habe, zeuge eher von Naivität als von einer Nazi-Gesinnung. „Er war auch in der Sowjetunion, um sich anzuschauen, wie man den Alkoholismus dort bekämpft.“

Der entsetzte Professor

Henrik Eberle springt ihm hier bei. Einerseits habe Emil Abderhalden immer versucht, für sich selbst die besten Bedingungen herauszuholen und er sei bereit gewesen, dazu Kompromisse zu schließen. Andererseits sei er entsetzt gewesen, als er bemerkte, dass die Gestapo ihn überwachte. Dass er jüdische Leopoldina-Mitglieder ausgeschlossen habe, ohne zu protestieren, wie Johannes Varwick Abderhalden vorwirft, erklärt Eberle dennoch nicht mit Angst um sich selbst, sondern mit Sorge um die ehrwürdige Akademie. „Die Bedrohung, die wir heute nicht mehr verstehen, hieß ja nicht, die Juden auszuschließen oder den Posten zu verlieren, sondern die Juden ausschließen oder die Leopoldina wird geschlossen.“

Emil Abderhalden habe sich für die Akademie entschieden, sagt Henrik Eberle, „wir aber akzeptieren heute nicht, dass jemand damals nicht in den Widerstand gegangen ist“. Den Streit um des Wissenschaftlers Namen hält der Historiker so für unnötig, aber auch für einfach zu beenden: „Die Straße ist lang, man kann sie teilen und nur die Hälfte umbenennen, an der der Campus liegt.“ Eine wie im Witz geteilte Wahrheit: Die einen dürften Abderhalden behalten. Die anderen wären ihn endlich los.

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