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Sitte-Galerie: Absage für Nolte wird zur Debatte über Kunstfreiheit

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Schöne Frauen mit großen Schwertern im dunklen Wald: Uwe Nolte sieht sich selbst als Romantiker, ein Rechter sei er nie gewesen. (FOTO: NOLTE)

Merseburg/Halle (Saale)/MZ. -

Der kleine Mann mit dem Scheitel hat viele Freunde in der Region. "Maßlose Dummheit, Ignoranz und Willkür" machen die für die Absage einer Ausstellung des aus Merseburg stammenden Grafikers und Fotografen Uwe Nolte in der Willi-Sitte-Galerie seiner Heimatstadt verantwortlich. "Galerioten" seien da wohl am Werk, die auf "billigste Diffamierung" hereinfielen und damit einen "weltoffenen Künstler" in "eine Ecke mit Revanchisten, Neonazis und Ewiggestrigen" stellten, wie der hallesche Unternehmer Alexander Polzin im Internetforum der MZ schimpft.

Doch Uwe Nolte hat eben auch etliche Gegner, wie er selbst am besten weiß. Schon vor sechs Jahren hatte eine Protestwelle im Internet ein geplantes Konzert seiner Band Orplid in der Saalestadt verhindert. Auch vor vier Jahren schwappten vor einem weiteren geplanten Auftritt noch einmal Ausläufer der Auseinandersetzung durch die Saalestadt. Und nun waren sie pünktlich wieder da: Vier Tage vor der Eröffnung einer Ausstellung, die der 43-Jährige gemeinsam mit seiner Frau, der aus dem russischen Samara stammenden Architektin und Grafikerin Kristina Zieber, in der Sitte-Galerie in Merseburg zeigen wollte. Da es sich bei Nolte um einen Künstler handele, der "seit vielen Jahren wohlwollend von neonazistischen Publikationen umworben wird und diese Klientel auch mit seinen Bandprojekten bediente, ist es uns nicht möglich, die Ausstellung zu präsentieren", hieß es in einer schriftlichen Begründung der Galerie.

Ein Schock. "Meine Eltern saßen nach der Absage zu Hause, weinten und trauten sich nicht mehr auf die Straße", beschreibt Uwe Nolte, der seine Bilder inzwischen nebenan in der von der Stiftung Aufarbeitung unterstützten Galerie Ben zi Bena ausstellt. Die Entscheidung der Sitte-Galerie sei ihm in einem "längeren Monolog" von Michael Finger, Vorsitzender des Fördervereins der Sitte Galerie, verkündet worden, sagt er. Zu den Gründen habe er nur erfahren, dass es eine E-Mail mit einer "Zusammenstellung verschiedener Informationen" über ihn und seine angebliche Nähe zur Neonaziszene gebe. Man habe ihm dieses Nolte-Dossier weder ausgehändigt noch gezeigt. Ebensowenig könne man ihm sagen, von wem es stamme.



Die Rekonstruktion der Ereignisse gestaltet sich aber nicht nur deshalb schwierig. Jürgen Weißbach etwa, stellvertretender Vorsitzender des Sitte-Kuratoriums, hat das Dossier nie gesehen. Nur gehört hat er, dass Nolte "in der Neonaziszene unterwegs gewesen" sei. "Das passt dann natürlich nicht zur Sitte-Galerie", sagt der frühere Chef des DGB in Sachsen-Anhalt. Namensgeber Sitte sei schließlich aus der Wehrmacht zu italienischen Partisanen desertiert und habe dort am Befreiungskampf teilgenommen. "Bei aller Kunstfreiheit", sagt Weißbach, "aber das ist miteinander nicht vereinbar."

Was das eigentlich ist, weiß der Grünen-Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel, der die Aktivitäten Uwe Noltes seit Jahren verfolgt und in der Vergangenheit immer wieder gegen Auftritte des Hallensers protestierte. Er sei "von verschiedenen Seiten" auf die anstehende Ausstellung aufmerksam gemacht worden, sagt Striegel, und er habe dann den Verein Miteinander zurate gezogen. Dort sei sein Verdacht bestätigt worden: "Nolte ist unstrittig in der Neonaziszene aktiv", sagt Striegel. Wer genau die Sitte-Galerie alarmiert habe, wisse er nicht mehr: "Klar ist ja, dass einer wie Nolte dort nicht hinpasst".

Eine Ansicht, die Torsten Hahnel vom Verein Miteinander teilt, obwohl er im Unterschied zu Striegel in Nolte keinen Nazi sieht. In dem neunseitigen Nolte-Dossier für die Sitte-Galerie, das neben Facebook-Fotos und Besprechungen aus rechten Zeitungen auch Pressemitteilungen von Sebastian Striegel zitiert, wird dem Musiker und Maler zwar vorgeworfen, bei seinem pathetischen Neofolk handele es sich um rechtsextreme Musik. Nolte selbst aber sei kein Rechtsextremer, sondern ein "Rechter, der in seiner Kunst mit faschistischer Ästhetik spielt", relativiert Hahnel.

Der Hallenser weiß, wovon und von wem er spricht. Anfang der 90er Jahre waren der Rechtsextremismusexperte und der vorgebliche Rechte noch zusammen auf den Straßen der Saalestadt unterwegs. Beide kommen aus der DDR-Punk- und Metalszene, beide rebellierten auf ihre Weise gegen die Verhältnisse im Arbeiter- und Bauernstaat und wurden nach dem Mauerfall zu Zielscheiben einer über Nacht aus dem Boden schießenden Neonazi-Übermacht, die in Halle zeitweise einen ganzen Straßenzug besetzt hielt. Uwe Nolte wurde damals von Nazis zusammengeschlagen, gemeinsam schlug man zurück. Der Bruch kam, beschreibt Nolte, als er vom Kleinkrieg genug gehabt habe und sich entschloss, nicht gegen eine stadtbekannte Führungsfigur der Rechtsextremen auszusagen. "Ich wandte mich der Kunst zu", versichert er, "und bekam gesagt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns."

Seitdem hat der Lyriker und Maler großformatiger Bilder mit schönen Frauen, Schwertern und dunklen Wäldern in Russland und Thüringen ausgestellt und in Portugal, Spanien und Sachsen Konzerte gegeben. Proteste gab es allerdings immer dann, wenn Nolte nach Hause kam, um zu singen oder auszustellen. "Und vorgeworfen wird mir immer dasselbe alte Zeug."

Dazu zählen der Verkauf von CDs seiner Band vor Jahren durch rechte Firmen, Konzerte mit Gruppen, die wegen ihrer Nähe zu rechten Kreisen kritisiert werden und die Beteiligung an einer CD zu Ehren von Leni Riefenstahl. Auch Noltes nie gekündigte Bekanntschaft zu früheren rechten Anführern der Region spielt eine Rolle.

Doch es gibt in Noltes Kunst nichts richtig Angreifbares, nichts Handfestes, keine verbotenen Symbole, keine rechtsradikalen Texte. Nolte sei eine streitbare Person und einige seiner Werke müssten kritisch gesehen werden, sagt Jürgen Kasek, Sprecher der Grünen in Leipzig, der sich mit Noltes Kunst beschäftigt hat. Eine Auseinandersetzung sei nötig, aber die sei eben "nicht durch eine Tabuisierung zu leisten". Torsten Hahnel dagegen sieht ein "eindeutiges Gesamtbild, auch wenn die inkriminierten Vorfälle fünf, zehn oder gar 15 Jahre zurücklägen. "Das zieht sich wie ein roter Faden durch."

Den Eindruck, es könne sich hier weniger um eine Auseinandersetzung um einen gefährlichen rechtslastigen Künstler als um eine persönliche Fehde handeln, weist Hahnel zurück. Er habe ein Stück gemeinsamer Geschichte mit Uwe Nolte, räumt er ein. Dies beeinträchtige sein Urteil jedoch keinesfalls. "Uwe Nolte lässt sich von einer bestimmten Szene hofieren, er ist Teil einer Rechten, die versucht, eine bestimmte Symbolik wertfrei zu nutzen." Dass Nolte behaupte, Politik interessiere ihn nicht und es sei ihm auch gleichgültig, welches Publikum sich für seine Kunst begeistere, halte er für unglaubwürdig. "Er ist nicht so unbedarft, dass er nicht weiß, was er tut."

Nolte müsse sich distanzieren, fordert Torsten Hahnel. Sebastian Striegel hat sogar schon gehört, Nolte habe sich distanziert. Der dementiert das. Es gebe nichts, was er klarstellen müsse, sagt er. Wer ihn kenne, wisse, dass "ich nicht rechts bin und nie rechts war". Anderslautende Unterstellungen von anonymen Internetschreibern "ertrage ich mit masochistischem Gleichmut schon viele Jahre", wenn es auch diesmal besonders schwer gewesen sei. "Ich dachte, die Sitte-Galerie ist der richtige Ort, um in meine Heimatstadt zurückzukehren", sagt er. Die Absage habe ihn kalt erwischt. Erst der Zuspruch vieler Freunde und das Angebot der Ben-Zi-Bena-Galerie, dorthin zu wechseln, habe ihn aufatmen lassen. "Jetzt bin ich froh, dass sich jeder selbst ein Bild machen kann."