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Mitteldeutsche Zeitung | Serienmörder aus Sachsen-Anhalt: Das Monster von Roßlau
30. January 2016
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Serienmörder aus Sachsen-Anhalt: Das Monster von Roßlau

Gerhard Denkewitz

Im September 1994 wird Gerhard Denkewitz schlafend auf einem Parkplatz in Halle geschnappt. Dass er nicht nur seine Lebensgefährtin ermordet hat, ahnt niemand.

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Das neue Berlin

Am letzten Tag seines traurigen Lebens raucht Gerhard Denkewitz. Er wirkt ruhig, gelassen. Er nimmt am Hofgang teil, atmet die frühherbstliche Luft, die im Oktober 2003 über der Colbitz-Letzlinger Heide liegt. Denkewitz ist lange nicht mehr da draußen gewesen, hinter den Zäunen des Landeskrankenhauses für Forensische Psychiatrie. Er sitzt seit fast einem Jahrzehnt hinter Gittern, für immer weggesperrt als Psychopath. Den Mann hat das nie über die Maßen gestört. Jetzt aber beschließt er, dass es genug gewesen ist. Als er zurück ist in seiner Zelle, hängt er sich auf. Mit einem Schal, den er an die Toilettentür knüpft. Gerhard Denkewitz, 45 Jahre alt, Doppelmörder, wurde nicht als suizidgefährdet eingeschätzt. Er hat anderen geschadet. Immer wieder. Sich selbst? Nie.

Denkewitz, 1958 als sechstes Kind einer Roßlauer Familie geboren, die heute als sozial schwach bezeichnet werden würde, ist mehr als einmal unterschätzt worden. Der Mann mit der fliehenden Stirn, früh schon mit einer nach hinten strebenden Glatze geschlagen, gilt als nicht besonders intelligent. Dennoch schafft er es, mit der Hälfte seiner Morde davonzukommen. Mindestens vier Menschen tötet der angehende Baufacharbeiter, das steht fest. Doch nur zweimal wird er zu Lebzeiten erwischt und abgeurteilt. Obwohl er beim ersten Mal gefasst wird, bekommt er die Gelegenheit, es noch einmal zu tun. Und noch einmal.

Das ist erstaunlich, denn Denkewitz mordet ohne Plan. Er ist brutal, kein Gefühl hemmt ihn. Zum ersten Mal stellt er das selbst mit 18 fest, auf einem Tanzsaal im Anhaltischen. Die 26-jährige Beate Rösler fällt Denkewitz zufällig ins Auge. Der Lehrling ist bis dahin nicht auffällig geworden, Bilder zeigen einen Jugendlichen wie viele. Leicht lockiges, leicht längeres Haar, die Figur kompakt. Denkewitz ist ein kräftiger Kerl, der zupacken kann. Er sieht im Grunde sympathisch aus. Beate Rösler will trotzdem nichts von dem Jungen wissen, den sie wohl für viel zu jung für sich hält. Unter Alkohol nimmt Gerhard Denkewitz solche Zurückweisungen übel. Als Beate Rösler sich auf den Weg nach Hause macht, folgt er ihr. Er spricht sie an, greift nach ihr, wirft sie in den Straßengraben. Und weil er sie nicht gleichzeitig festhalten und vergewaltigen kann, erwürgt er sie erst. Und vergeht sich dann an ihr. Als er fertig ist, lässt er die Leiche liegen und geht nach Hause.

Resozialiserung kaum denkbar

Es ist eine dumpfe, dämliche Tat, die von der Volkspolizei schnell aufgeklärt wird. Gerhard Denkewitz ist 19, als er vom Bezirksgericht Halle wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter Vergewaltigung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Das Gericht ist nach fachärztlichen Gutachten zur Auffassung gelangt, dass eine Resozialisierung kaum denkbar ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Verurteilte bei passender Gelegenheit erneut zuschlägt, werde nie bei Null liegen. Denkewitz zeige ein psychopathisches Verhalten, Mordlust packe ihn, von der er selbst nicht sagen könne, wozu sie ihn treibe.

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Es ist die Weltgeschichte, die den Mörder rettet. Erst verkürzen die DDR-Behörden seine Haftzeit auf 15 Jahre. Gerhard Denkewitz, der im Gefängnis den Schulabschluss der 10. Klasse geschafft hat, darf hoffen, Ende 1991 auf freien Fuß zu kommen. Mit dem Zusammenbruch der DDR aber lächelt ihm das Glück noch ein wenig breiter zu: Durch eine Amnestie zur Wendezeit endet Denkewitz’ Haftstrafe bereits am 31. Mai 1990.

Der Mörder ist ein freier Mann, und er fügt sich, so zumindest scheint es, komplikationslos in die neue gesamtdeutsche Wirklichkeit. Denkewitz hält sich meist mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, zeitweise pendelt er als Gerüstbauer nach Oberhausen. Sein Hauptwohnsitz aber ist Wolfen. Hierher zieht auch Zsuszanna Breitbarth zu ihm, eine Frau Mitte 40, die Denkewitz in Wittenberg kennengelernt hat. Wie ihr neuer Lebensgefährte ist die gebürtige Ungarin ein Mensch ohne Ansprüche. Sie hat sich sogar daran gewöhnt, von Gerhard Denkewitz bei jeder Gelegenheit überfallen und mit Gewalt zum Sex gezwungen zu werden.

Eine fast 20.000 Kilometer lange Reise

„Fickfrosch“ nennt Denkewitz die kleine pummelige Frau, die er so oft so hart anpackt, wie er will. Sie wimmert und jammert dann, das macht ihm Spaß. Bis zu jenem 24. August 1994, als Zsuszanna nach einem seiner üblichen Überfälle vom Tisch rutscht, auf die Kante eines Stuhles fällt und plötzlich tot ist. Gerhard Denkewitz nutzt die Gelegenheit und missbraucht die Tote. Zwei Tage campiert er noch neben der Leiche, dann quetscht er sie in den Kofferraum ihres Autos. Er selbst flüchtet mit einem gemieteten Nissan, den er immer mal wieder mit falschen Kennzeichen tarnen wird.

Es wird eine fast 20.000 Kilometer lange Reise, die Gerhard Denkewitz in den folgenden drei Wochen quer durch Deutschland führt. Am 8. September ist der Doppelmörder auf der B 87 nahe Torgau unterwegs, wo Evelin Hoffmann ihre anderthalbjährige Tochter Sandy gerade in der Obhut ihrer 17-jährigen Cousine Antje Köhler auf einem Parkplatz vor einem bekannten Pilzgebiet zurücklässt. Als Evelin Hoffmann vom Pilzesuchen wiederkommt, sind die beiden Mädchen spurlos verschwunden. Und ihr Auto steht ein Stück weit entfernt quer auf einem Waldweg.

Was folgt, ist eine der größten Suchaktionen der deutschen Kriminalgeschichte, eine Fahndung, bei der in den folgenden neun Jahren alle Register gezogen werden. Während Gerhard Denkewitz bereits am 19. September auf einem Parkplatz in Halle geschnappt wird, als er gerade ein Nickerchen macht, durchkämmt die Sonderkommission „Wald“ unter operativer Leitung von Kriminalhauptkommissar Hartmut Zerche die Wälder um Torgau. Ein dunkelroter Nissan mit Naumburger Kennzeichen gerät nach Zeugenhinweisen ins Visier. Und ein Kapitalverbrechen wird immer wahrscheinlicher, als Kriminaltechniker feststellen, dass jemand alle Fingerabdrücke säuberlich aus Evelin Hoffmanns Auto gewischt hat.

Aber es gibt keine Hinweise, keine heiße Spur. Eine „Spontantat“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft: Der Täter nutzt eine sich ihm bietende Gelegenheit, doch es gibt keine persönlichen Beziehungen zwischen ihm und den Opfern. Ende September findet ein Spaziergänger die Leichen von Sandy und Antje in einem Waldstück bei Sprötze im niedersächsischen Landkreis Harburg. Antje ist nackt bis auf einen Nylonstrumpf. Die kleine Sandy hat der Mörder mit dem Bändchen ihrer Babymütze erdrosselt.

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Es ist grausam. Doch Hartmut Zerche und seine Männer schöpfen Hoffnung, als an einem Kleidungsstück von Antje eine winzige Anhaftung männlicher DNA entdeckt wird. „Am Klebeband an einem Eimer neben der Fundstelle fand sich zudem ein Teilfingerabdruck“, sagt der Chef der SoKo „Wald“. Zerche muss allerdings bald einsehen, dass die neuen Hinweise nicht weiterhelfen. „Für einen Spurenabgleich braucht es Vergleichsmaterial.“ Das aber gibt es nicht.

Größter DNA-Massentest

Als alle anderen Möglichkeiten ausermittelt sind, beginnt deshalb der bis dahin größte DNA-Massentest der Geschichte. 15.000 Männer werden zur Probenabgabe gebeten. Monat für Monat jagt der Dresdner Gerichtsmediziner Peter Dobrowolski, der einst in Halle studiert hat, nach der einen Übereinstimmung unter sechs Milliarden Möglichkeiten. Immer wieder fehlt sie, auch bei den Proben aus dem BKA-Zentralregister, in dem einschlägig vorbestrafte Täter erfasst sind. Besser: sein müssten. Denn Gerhard Denkewitz’ DNA-Probe fehlt hier. Warum? Im zuständigen Ministerium in Magdeburg wird es später heißen, 1994 sei es nicht üblich gewesen, Täter wie ihn in einer Gen-Datenbank zu erfassen.

Zerche schickt also seine Leute nach Uchtspringe. Es ist jetzt Oktober 2003, Sandy und Antje, die beiden letzten Opfer des Monsters von Roßlau, sind seit fast zehn Jahren tot. Der Mörder empfängt die Kriminalbeamten. Weigert sich aber, eine DNA-Probe abzugeben. Denkewitz darf das, auch für ihn ist die Abgabe freiwillig. Doch sein Fingerabdruck überführt ihn - und er ahnt nun, dass es vorüber ist. Noch ehe die Beamten aus Torgau zum zweiten Mal anreisen, um seine DNA per richterlicher Verfügung zu sichern und ihm den Doppelmord von Torgau nachzuweisen, flieht der 45-Jährige in den Freitod.

Für Hartmut Zerche bis heute ein Grund für Grübeleien. Denkewitz sei ein Psychopath gewesen, unfähig zur Steuerung seines Tuns, glaubt er, weshalb man nicht wissen könne, warum er sich am Ende selbst richtete. Reue? Angst? Scham? Er hätte, sagt Zerche, nichts zu befürchten gehabt - „er war weggesperrt und wäre es geblieben“. Der Ermittler sagt: „Wir hätten jedenfalls noch viele Fragen an ihn gehabt.“ Im Keller des Landeskrankenhauses finden sich unter Denkewitz’ Besitztümern zahlreiche Gegenstände, „die wir nicht zuordnen konnten“. Vielleicht, der Gedanke lässt Zerche nicht los, gehören sie ja zu anderen, bis heute unentdeckten Opfern des Roßlauers? „Er ist in den paar Wochen seiner Flucht so weit gefahren, er kann überall zugeschlagen haben.“

Erst recht in den Jahren davor, als Gerhard Denkewitz noch in Wolfen wohnte, ein Bürger von unauffälliger Lebensart. Damals, Anfang der 90er Jahre, wurden ausgerechnet zwischen Wolfen und Potsdam in kurzer Zeit vier junge Frauen ermordet und ihre Körper im Wald verscharrt. Hat Gerhard Denkewitz auch Beate Landgraf, Diana Bloch, Silvana Otzipka und Sabine Dommaschk auf dem Gewissen? Hartmut Zerche weiß, dass Angehörige nie aufhören, nach Gewissheit zu suchen. Gewissheit, die er selbst auch gern haben würde. „Wenn noch Asservate dieser Fälle da sind, dann wäre es immer noch möglich, sie mit der DNA von Denkewitz abzugleichen.“ (mz)

Die ganze Geschichte: Klaus Keck, Des Mörders Barthaar, Das Neue Berlin; 224 S., 12,99 Euro

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