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Serie von Sexualstraftaten in Magdeburg: Ein Angeklagter legt spätes Geständnis ab

Einer der beiden Angeklagten (19, M.) vor Gericht

Dem jüngeren Angeklagten werden die Handfesseln abgenommen.

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Löwe

Magdeburg -

Den Gerichtssaal betreten sie mit tief gesenktem Kopf, auf der Anklagebank verbergen Alimohammad H. und Abedin D. ihre Gesichter hinter einem Ordner und einer Kapuze vor den Kameras. 31 und 19 Jahre alt sind die beiden Männer aus Afghanistan, die im Oktober 2015 in Magdeburg mit einer Serie von Sexualstraftaten - einer Vergewaltigung und mehreren versuchten Vergewaltigungen - für Aufsehen gesorgt haben sollen. Zumindest einer von ihnen sorgt zum Prozessauftakt am Magdeburger Landgericht für eine Überraschung: Nach monatelangem Schweigen gesteht der Ältere, Alimohammad H., alles.

Doppelt Opfer

Da wäre, wie die Staatsanwältin vorträgt, zunächst die Vergewaltigung einer 24-jährigen Frau am 4. Oktober auf einem Magdeburger Friedhof. Das Opfer habe sich zunächst von H. losreißen können, ist dann laut Anklage aber von ihm eingeholt, zu Boden gestoßen, an ein Gebüsch gezerrt und vergewaltigt worden. Besonders dramatisch: Nur wenig später sei die Frau vom anderen, dem 19-jährigen Angeklagten in der Nähe erneut überfallen worden - sein Vergewaltigungsversuch scheiterte laut Anklage an der Gegenwehr des Opfers.

Dem 31-Jährigen werden darüber hinaus drei weitere sexuell motivierte Überfälle am 21., 25. und 30. Oktober zur Last gelegt. In einem Fall wurde das Opfer mit einem Messer bedroht, bei der letzten Tat hat der Mann laut Anklage einer 19-Jährigen mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen, ihr in die Rippen getreten und ihr wegen ihrer Hilfeschreie zwei Finger in den Mund gesteckt. Die Frau habe Todesangst verspürt und sei bewusstlos geworden, aufgrund ihrer Verletzungen mehrere Wochen lang krankgeschrieben gewesen.

In zwei dieser Fälle konnten sich die Opfer losreißen und flüchten, im letzten Fall ließ der Täter von der Frau ab, als eine Zeugin aufmerksam wurde. Der 31-Jährige war in jener Nacht noch in Tatortnähe verhaftet worden, der zweite Angeklagte wenige Wochen später. Beide haben zur Zeit der Taten in einer Magdeburger Asylbewerberunterkunft gelebt, sitzen seit ihrer Festnahme in Untersuchungshaft.

Er habe das Verwerfliche seiner Taten mittlerweile eingesehen, es tue im Leid, lässt der ältere Angeklagte zum Prozessauftakt über seinen Anwalt Ulrich Köhler erklären. „Ich möchte mich bei den vier Frauen entschuldigen.“ H. ist laut der Erklärung zwar in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen. Er hat nie eine Schule besucht, kann weder lesen noch schreiben. Zwischenzeitlich hat er in Dubai gelebt, sich dann aber zur Flucht nach Europa entschieden, als er nach Afghanistan zurück sollte. In Deutschland ist er seit Mai 2015. Zu seinem Geständnis beigetragen hat offenbar auch ein langes Gespräch, zu dem Mitte März ein Mitglied der islamischen Gemeinde Magdeburg mit dem Anwalt ins Gefängnis gefahren war. Außerdem: „Die Taten sind nicht wegzudiskutieren. Die Beweise sind erdrückend“, so Köhler. Bereits vor Monaten hatte die Staatsanwaltschaft erklärt, es gebe DNA-Spuren.

Unklar ist noch, ob die beiden Überfälle auf das erste Opfer im Zusammenhang stehen. Als Alimohammad H. gefragt wird, ob er seinen Mitangeklagten kennt, verneint er. Und der 19-Jährige schweigt bislang. Die junge Frau soll am Mittwoch im Gericht aussagen. Ob die anderen Opfer nach dem Geständnis des Hauptangeklagten noch gehört werden, ist offen.

Gerüchte und Hetze

Die Serie von Überfällen hatte in Magdeburg nicht nur für Beunruhigung gesorgt, sondern auch zu etlichen Gerüchten und ausländerfeindlicher Hetze geführt. Angeblich sollte ein Opfer etwa gestorben sein - tatsächlich lebt es, ist allerdings aus Magdeburg wieder weggezogen. Als kurz nach dem letzten Überfall eine Gruppe Syrer von 30 Vermummten überfallen wurde, vermuteten Beobachter einen direkten Zusammenhang mit Gewaltfantasien, die sich aufgrund der Sexualstraftat im Netz hochgeschaukelt hatten. Wenig später wurden Büros von Politikern attackiert, die Anzeige wegen diverser Facebook-Postings erstattet hatten.