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Schließungskonzept: Rebellion gegen Sachsens Schulpolitik

Uhr | Aktualisiert 25.11.2012 20:29 Uhr

In der fünften Klasse der Mittelschule von Seifhennersdorf findet der Unterricht seit September in der Regie der Eltern statt. (FOTO: DAPD)

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Mehr als 1000 Schulen sind in Sachsen geschlossen worden. In Seifhennersdorf haben die Eltern ihre Schule besetzt und unterrichten auf eigene Faust.
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Seifhennersdorf/MZ. 

Nachher kommt noch die Polizei aus Dresden, daher hat Andreas Herbig nicht viel Zeit an diesem Morgen. Irgendjemand hat die Protestplakate vor der Mittelschule angezündet, jetzt muss ermittelt werden. "Auch das noch", sagt Herbig. "Als hätten wir hier nicht schon genug Ärger."

Seifhennersdorf ist ein kleines Städtchen bei Dresden mit 4000 Einwohnern. Es gibt die berühmte Pianomanufaktur Bechstein, das Karasek-Museum, ein Eisenbahnmuseum, ein Puppenmuseum, ein Gymnasium, eine Grundschule, drei Kitas und - noch - die Mittelschule, eine prächtige Villa aus der Gründerzeit mit modernem Anbau, vor der Andreas Herbig steht.

Herbig ist 50 Jahre alt, ein freundlicher und widerborstiger Mann. Er hat zwei Kinder, Willy und Sophie. Beide gehen auf die Mittelschule, der 16-jährige Willy in den legalen Teil, die zehnjährige Sophie in den illegalen Teil. Die Schule soll nämlich geschlossen werden, zu wenig Kinder, sagt das Kultusministerium. "Blanker Unsinn", sagt Vater Herbig. Dann schimpft er los, über den "Sparwahnsinn" der Dresdner Landesregierung, über die Schulbürokraten, über Verleumdungen und Einschüchterungsversuche gegen Eltern, über das Kultusministerium, das sich die Wirklichkeit zurechtbiege, bis sie in ihre Schulschließungskonzepte passe.

Die Spirale nach unten

Was sich da im ostsächsischen Grenzwinkel seit bald einem Vierteljahr abspielt, ist die Geschichte einer kleinen Rebellion. Sie handelt von Verhältnissen, die langsam und leise außer Kontrolle geraten, von einer Gegend, die ausblutet, von einer Landesregierung, die Politik als kaltes Zahlenwerk begreift, seit Jahren eisern spart und von den Sachsen erwartet, dass sie das alles widerspruchslos ertragen. Ein Teufelskreis: Eine Gegend verliert Einwohner, das Land entzieht entsprechend Geld. Noch mehr Leute gehen, noch mehr Kürzungen. Am Ende gibt es keine Schulen und Kitas mehr, die Post ist weg, der Polizeiposten, der Einkaufsladen, der Arzt, es fehlen Feuerwehrleute, der Sportverein ist tot, die Häuser und Grundstücke verlieren an Wert.

Bislang haben die Sachsen das alles erduldet, in Seifhennersdorf tun sie es seit Anfang September nicht mehr. Die Eltern haben einen Teil der Schule besetzt, man organisiert Unterricht für die 17 Fünftklässler, die noch übriggeblieben sind. Man will die Schule halten, um jeden Preis.

Im vergangenen März, als die Anmeldungen für fünfte Klassen gezählt wurden, waren es 41 Kinder für die Mittelschule. Alles schien klar zu sein. Es gab den Satz der Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos), es gebe wohl keine Probleme. Darauf haben sich die Eltern verlassen. Im Sommer, als die konkrete Planung anstand, waren es nur noch 38. Drei Kinder waren auf ein Gymnasium gegangen. Die Mindestzahl ist 40. Jetzt hieß es, es reiche nicht für neue Eingangsklassen. Da gingen die Eltern auf die Barrikaden.

So etwas hat es in Sachsen noch nicht gegeben - obwohl seit 1990 mehr als 1 000 Schulen geschlossen wurden. Es ist wie in weiten Teilen Ost- und mittlerweile auch einigen Gegenden Westdeutschlands. Das Elend nennt sich spröde demografischer Wandel. 1990 hatte Sachsen 4,9 Millionen Einwohner, 2020 werden es 3,8 Millionen sein. Seit 1990 hat sich die Zahl der Schüler halbiert. Die Abwanderung Richtung Bayern und Baden-Württemberg hält an. Eine ganze Elterngeneration fehlt.

Das Land hat kaum andere Möglichkeiten, als diszipliniert mit den Transfers aus dem Westen umzugehen. Bis 2020 werden die Zuweisungen Richtung Osten aus dem Solidarpakt II abgeschmolzen. Politik im Osten ist seit Jahren nichts anderes als Schrumpfungsmanagement. Davon sind in Sachsen Städte wie Dresden ausgenommen, es trifft vor allem das Land, die Grenzregionen nach Polen und Tschechien.

Es trifft Karin Berndt, die Bürgermeisterin von Seifhennersdorf. Die 55-jährige Politikerin ist die Anführerin des Widerstands. Sie sieht ihre Gegend vor die Hunde gehen. Seit zehn Jahren ist sie parteilose Bürgermeisterin, seit zehn Jahren, erzählt sie, gibt es nur Abbau, Rückbau, Einsparungen, Streichungen, Schließungen.

Und nun der Schulstreit. "Ich habe die Faxen dicke", sagt Berndt. Sie zählt auf: 20 Prozent Arbeitslose, Jugendliche, die von zu Hause nichts anderes als Hartz IV kennen, kein Geld im Stadthaushalt, dafür immer mehr Aufgaben, die das Land nach unten abgebe. "Daseinsvorsorge ist mehr als Bockwurst, Bier und RTL2."

"Wir müssen uns um die jungen Leute kümmern. Sonst kriegen wir am Ende Komasäufer und Neonazis", sagt die Bürgermeisterin. Rechtsextremisten haben versucht, den Schulstreit für sich zu nutzen. Die NPD ist auf die Rebellen zugegangen. Neonazis standen vor der Schule, wollten CDs verteilen, Aufkleber verschenken. "So etwas lassen wir nicht zu. Mit denen wollen wir nichts zu schaffen haben", betont Berndt.

Aber wie das so ist, wenn Dinge völlig verfahren sind und beide Seiten nicht mehr miteinander reden können: In Dresden gewann man den Eindruck, die Rebellen würden mit Rechten gemeinsame Sache machen. Als 200 Seifhennersdorfer vor dem Kultusministerium demonstrierten, ließ sich kein Mensch aus der Behörde bei den empörten Leuten blicken.

Bußgelder gegen die Eltern

Stattdessen wurde gegen die Eltern 600 Euro Bußgeld verhängt. Dresden fürchtet den Präzedenzfall. Der Unterricht sei illegal, die Kinder im Grunde Schulschwänzer. Es gebe Gerichtsentscheidungen, welche dem Ministerium Recht gäben. Um den Fall nicht explodieren zu lassen, verzichtet das Ministerium darauf, die Kinder von der Polizei abholen und auf Schulen in Nachbarorten bringen zu lassen. "Wir hoffen auf ein Einsehen der Eltern", sagt ein Ministeriumssprecher.

Pause im Rebellentrakt der Mittelschule von Seifhennersdorf. Heiko Kother unterrichtet Sport, ist von Beruf Versicherungskaufmann. Er sitzt im kleinen Lehrerzimmer, neben ihm Andrea Urban, eine Mutter, die einfach mal vorbeischaut. "In Dresden sitzt man einfach alles aus", sagt sie. Sie werden weitermachen. Mit ihrer kleinen Rebellion, mit ihrem Unterricht. 30 Stunden pro Woche, von 7.30 Uhr bis mittags 12.45, so wie seit Anfang September. Sieben Lehrer sind sie, Vorruheständler, Eltern, Freiwillige, erzählt Andreas Herbig stolz. Alles laufe genau nach Lehrplan, unbezahlt und korrekt.

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