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Sachsen-Anhalt: Mehr Frauen greifen zur „Pille danach“

Pille danach

Seit dem letzten Jahr ist die Pille danach auch rezeptfrei erhältlich

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dpa/Symbol

Halle (Saale) -

Frauen in Sachsen-Anhalt greifen deutlich öfter als noch vor einem Jahr zur „Pille danach“ um eine Schwangerschaft zu verhindern. So verschrieben Ärzte im ersten Quartal 2015 rund 1.800 der Pillen. Bereits im vierten Quartal verkauften die Apotheker 2.700 Stück davon. Seit dem 15. März 2015 ist das Präparat rezeptfrei erhältlich.

Frauenärzte kritisieren die Gesetzesänderung und sehen im Anstieg der Verkaufszahlen eine Bestätigung für ihr Misstrauen. Dagegen bewertet Bernd Fischer, Berater bei dem Verein ProFamilia und Professor an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg die nunmehr rezeptfreie „Pille danach“ positiv. „Ungewollte Schwangerschaft kann ein ganzes Leben verändern“, sagt er. Die Pille bewahre Frauen vor psychischer Belastung, die beispielsweise eine Abtreibung auslösen kann.

Wer älter als 14 Jahre ist, kann sich seit knapp einem Jahr das Präparat auf eigene Kosten in der Apotheke besorgen. Das persönliche Gespräch und eine Untersuchung beim Frauenarzt entfallen - Apotheker sind aber zu einem Beratungsgespräch angehalten. Im Zweifel können sie den Verkauf verweigern und an einen Gynäkologen verweisen. Die Betroffene muss genaue Angaben über ihren Zyklus und über den Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs machen. Sind seitdem mehr als 120 Stunden vergangen, erfolgt keine Abgabe des Medikamentes - ein Arztbesuch wird erforderlich. „Wir nehmen die Beratung sehr ernst und halten uns an die Richtlinien. Auch, weil Ärzte uns misstrauen“, sagt Ursula Gülte, Vorstandsmitglied des Landesapothekenverbandes Sachsen-Anhalt.

Trotz Richtlinien bleiben Ärzte skeptisch. Dörte Meisel, Frauenärztin und Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte in Sachsen-Anhalt, befürchtet, dass Betroffene sich für günstige Pillen-Produkte mit kürzerem Wirkzeitraum entscheiden, wo sie als Ärztin ein anderes Präparat verschrieben hätte. Zudem hat sie die Sorge, dass Vergewaltigungen unentdeckt bleiben könnten, weil keine ärztliche Untersuchung stattfinde. „Es bestand keine Not, die Verschreibungspflicht aufzuheben.“ Hinzu kommt, dass Frauen bis zu ihrem 20. Lebensjahr vom Arztbesuch profitieren: Bei Rezeptvorlage übernehmen die Kassen einen Großteil der Kosten der „Pille danach“.

Obwohl der Verkauf in Sachsen-Anhalt angestiegen ist, werden bundesweit hierzulande relativ wenig „Pillen danach“ verkauft. Dass Frauen in anderen Bundesländern deutlich häufiger zu der Pille greifen, erklärt sich der Landesapothekenverband damit, dass dort auch Nicht-Betroffene das Präparat erwerben, etwa Männer, die für die Frau zur Apotheke gehen oder Frauen, die auf Vorrat kaufen - obwohl beides gegen die Richtlinien verstoße. Eine alternative Erklärung dafür, dass beispielsweise in Berlin im vierten Quartal 13.100 Pillen verkauft wurden, könne sein, dass Stadtapotheken das Umland mitversorgen. (mz)