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Sachsen-Anhalt: Herzinfarkt-Patienten schildern ihre Erfahrungen

Uhr | Aktualisiert 27.01.2013 21:15 Uhr

Gerade beim Herzinfarkt ist schnelle Hilfe für die Patienten von entscheidener Bedeutung. (ARCHIVFOTO: DPA)

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In Sachsen-Anhalt sterben bundesweit am häufigsten Menschen an einem Herzinfarkt. Erkrankte, die überlebt haben, schildern ihre Erfahrungen.
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BAD DÜRRENBERG/Halle (Saale)/MZ. 

Es war keine besonders stressige Zeit in jenem Sommer vergangenen Jahres, als plötzlich alles anders wurde. Ihre kleine Pension in Bad Dürrenberg (Saalekreis) war zwar voll belegt, aber das war Alltag, sagt Birgit Paff. Nur schwach hat sie sich am 30. Juli irgendwie gefühlt, "als hätte ich vorher mit Grippe im Bett gelegen". Was das war, das ahnte die 59-Jährige erst Stunden später, mitten in der Nacht.

"Ich musste mich aufsetzen, weil ich so einen Druck auf dem Brustkorb hatte", erzählt sie heute. Erst dachte sie noch: Du stehst früh auf und gehst zum Arzt. Doch es wurde immer schlimmer. Brennen in der Brust, Atemnot, das Gefühl, eine enge Spange um den Brustkorb zu haben. Die Abstände, in denen sie sich aufsetzen musste, wurden kürzer. Und Paff wurde klar: Das muss ein Herzinfarkt sein.

Sachsen-Anhalt ist nach dem jüngsten Herzbericht der Deutschen Herzstiftung das Land, in dem im Vergleich zur Einwohnerzahl die meisten Menschen an einem Herzinfarkt sterben. Experten rätseln seit Jahren, woran das liegt. Nun soll ein Herzregister aufgebaut werden, in dem zunächst in Halle und der Altmark alle Fälle analysiert werden, um den genauen Ursachen auf die Spur zu kommen (die MZ berichtete).

Verwiesen auf Bereitschaftsdienst

Birgit Paff selbst sagt inzwischen: Ansetzen darf die Ursachensuche nicht erst auf dem OP-Tisch. Am frühen Morgen des 31. Juli habe sie den Notruf 112 gewählt, genau die Symptome geschildert, die sie für klassische Herzinfarkt-Symptome hielt. Sie sei nach ihrem Alter gefragt, dann aber lediglich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen worden, so die 59-Jährige. Einmal habe sie dort angerufen, einmal ihr Sohn - und jeweils nur die Mailbox des Handys erreicht. Kurz nachdem der Arzt zurückgerufen hatte, stand plötzlich ein Rettungswagen vor der Tür.

Ab da ging alles schnell. Sie sei im Merseburger Krankenhaus sofort auf den OP-Tisch gekommen, wo ein Blutgerinnsel entfernt und ein Stent gesetzt wurde, so Paff. "Diesen Ärzten und Schwestern verdanke ich mein Leben", sagt sie heute, die Klinikversorgung sei grandios gewesen. Und der Chefarzt habe zu ihr gesagt: "Frau Paff, Sie haben alles richtig gemacht."

Wie viel Zeit tatsächlich vergangen war, bis der Rettungswagen vor der Tür stand, kann Paff nicht mehr sagen. "Man sitzt da und kriegt immer weniger Luft." Da scheinen Minuten wie Stunden. Dass die Rettungsleitstelle nicht sofort einen Notarzt losgeschickt hat, kann sie allerdings bis heute nicht verstehen. Dabei sitzen dort, wie der Landkreis auf MZ-Nachfrage erklärt, mindestens ausgebildete Rettungssanitäter, wenn nicht höher qualifizierte Mitarbeiter. Sie würden ständig weitergebildet, um typische Herzinfarktsymptome zu erkennen, so dass sofort ein Rettungseinsatz veranlasst werde.

Die Deutsche Herzstiftung vermutet unter anderem medizinische Unterversorgung von Patienten oder ineffektive Notarztsysteme als Ursache für die hohe Zahl tödlicher Herzinfarkte in mehreren Ost-Bundesländern. Kardiologen sagen, es fehle an ambulanten Kollegen, so dass Patienten Monate auf Termine warten müssen. Auch sozialer Stress und die hohe Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern könnten Gründe für häufigere Herzinfarkte sein, heißt es.

In bürokratischen Mühlen

So wie bei der Ehefrau von Klaus Zimmermann aus Halle? Sie hat vor wenigen Tagen einen Herzinfarkt erlitten - und überlebt. Die Hausärztin habe schnell reagiert, so Zimmermann. Es ist all das davor, was ihm zu denken gibt. Seine Frau ist Schmerzpatientin. Nach zwölf Jahren Behandlung beantragte sie mit Unterstützung ihrer Ärztin eine Erwerbsminderungsrente. In Deutschland wird fast jeder zweite Anträge abgelehnt - auch bei Zimmermanns Frau war es nicht anders. Sie sei sechs Stunden am Tag arbeitsfähig, wenn auch mit Einschränkungen, hieß es. Ein Widerspruch brachte nichts.

Für die 60-Jährige hieß das nach mehr als 40 Arbeitsjahren, Geburt und Erziehung von drei Kindern: der Weg zur Agentur für Arbeit, ab in die Bewerbungsmühle. Zermürbung und Hoffnungslosigkeit würden die Menschen krank machen, sagt Zimmermann. "Wichtig ist, wenn man sich auf die Suche nach Ursachen von Herztod begibt, auch die unsäglichen Vorgeschichten zu untersuchen."

Birgit Paff aus Bad Dürrenberg lernt inzwischen, mit dem Herzinfarkt zu leben. Sie hatte Risikofaktoren - den hohen Blutdruck etwa, der aber längst behandelt wurde und im Griff zu sein schien. "Ich hätte nie gedacht, dass es mich trifft", sagt sie. Und nie geglaubt, wie sehr der Eingriff in der Klinik sie körperlich zurückwirft. Allein die Treppen in ihrem Haus überforderten sie anfangs, in den anderthalb Wochen vor der Reha-Kur, komplett: "Ich habe sowas von gekeucht." Noch heute ist sie schnell außer Atem, schweres Heben oder Schneeschieben sind Gift für sie. In ihrer Pension, die sie vor 16 Jahren aus der Mühle von Umschulungen und ABM holte, ist Paff etwas kürzer getreten. "Jetzt, nach einem halben Jahr, merke ich, dass es mir tagsüber besser geht."

Doch auch wenn Paff sagt, dass sie nicht so ängstlich sei, sich nun nichts mehr zuzutrauen: Die Furcht vor einem zweiten Infarkt ist da, sie horcht mehr in sich hinein. "Aber meine größte Sorge ist, dass keiner kommt, wenn es passiert. Habe ich beim zweiten Mal wieder so viel Zeit?"

Der Landkreis hat inzwischen immerhin angekündigt, ihren Fall noch einmal genau zu prüfen.

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