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Sachsen-Anhalt: Botschafterin aus Fernost

Uhr | Aktualisiert 18.12.2012 13:00 Uhr
Aus China nach Köthen: Seit fünf jahren studiert Yizhen Yang Maschinenbau an der Hochschule Anhalt. (FOTO: HEIKO REBSCH) 
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Wirtschaftsministerin Wolff wünscht sich, dass ausländische Studenten für das Land Werbung machen. Dabei denkt sie an junge Leute wie die Chinesin Yizhen Yang.
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Halle (Saale)/KÖTHEN/MZ. 

Wohin es sie nach dem Abschluss ihrer Masterarbeit im nächsten Frühjahr ziehen wird, weiß Yizhen Yang noch nicht. "Das lasse ich auf mich zukommen und setze mich bestimmt nicht unter Druck", sagt die Maschinenbau-Studentin aus China. Als sie vor mehr als fünf Jahren ihre Heimat verlassen hat, stand das Ziel aber bereits lange vorher fest. "Ich wollte immer nach Deutschland, um hier zu studieren." Das Land sei in ihrem Fach "die beste Adresse". Gelandet ist sie jedoch nicht in Berlin, Hamburg oder München - sondern in Köthen (Kreis Anhalt-Bitterfeld), als Studentin an der Hochschule Anhalt. Und das ist weder Zufall, noch eine Ausnahme.

Mehr als 1 100 Chinesen studieren dieses Wintersemester an der Hochschule Anhalt. Damit kommt dort mehr als die Hälfte der Ausländer aus dem Reich der Mitte. Und mit fast 1 700 Studenten stellen Chinesen auch landesweit die mit Abstand größte Gruppe unter den insgesamt mehr als 5 200 ausländischen Studenten.

Für Dieter Orzessek, Präsident der Hochschule Anhalt, ist es keine Überraschung, dass gerade seine Einrichtung so gefragt ist. "Wir haben seit Jahren mit mehreren chinesischen Universitäten Kooperationsverträge", berichtet der Präsident, "und die rekrutieren auch immer wieder neue Studenten für uns". Hinzu komme das passende Profil. So würden in Köthen, Bernburg und Dessau-Roßlau mehrere Studiengänge angeboten, die gerade für junge Leute aus dem aufstrebenden asiatischen Land besonders attraktiv sind. "Speziell in den Wirtschafts- und den Ingenieurwissenschaften, aber auch im Fach Architektur strömen die Chinesen zu uns", berichtet Orzessek.

Guter Klang

Ein weiterer Grund: "Deutschland hat immer noch einen guten Klang in China", ist der Präsident überzeugt. So gut, dass gerade Eltern mit nur einem Kind häufig alles daransetzen, um dem Nachwuchs ein Auslandsstudium in Deutschland zu ermöglichen. "Dafür kratzen viele Familien alles zusammen, was sie haben." Die Mehrzahl der Chinesen komme dann nicht nur für ein oder zwei Jahre, sondern absolviere das komplette Studium an der Hochschule.

Wie Yizhen Yang. Die 29-Jährige, die aus einer Metropole mit zwei Millionen Einwohnern im Süden des Landes stammt ("für deutsche Verhältnisse ist das eine Stadt von der Größe Dessau-Roßlaus"), war bei ihrer Suche nach der passenden Universität im Internet auf die Hochschule Anhalt gestoßen. Die Entscheidung hat sie nicht bereut. Mit der Zeit sei Köthen für sie "zur zweiten Heimat geworden". Und das gelte für die Hochschule ebenso wie für die Stadt, betont sie. Jungen Studenten gibt Yizhen Yang inzwischen Nachhilfe in Mathe. Und dass sie in ihrer 16-köpfigen Klasse im Masterstudiengang die einzige Ausländerin und (fast) die einzige Frau ist, stört sie keineswegs - im Gegenteil. "Ich habe einen sehr gemischten Freundeskreis mit vielen Deutschen und Ausländern aus ganz verschiedenen Ländern - also genau so, wie es sein sollte."

Mit dieser Sicht rennt sie beim Präsidenten offene Türen ein. "Die Hochschule muss international sein, wir brauchen dafür den Austausch zwischen den Kulturen." Mit mehr als 2 000 ausländischen Studenten aus knapp 100 Ländern sieht Orzessek seine Einrichtung da auf einem guten Weg. "Die Ausländer sind für uns zu einem Markenzeichen der Hochschule geworden", sagt der Präsident und verschweigt nicht, dass es dabei auch um handfeste Interessen geht. "Deutschland lebt vom Export, da brauchen die Unternehmen, aber auch wir als Hochschule, Partner vor Ort, die uns bereits kennen."

Ähnlich sieht es Wissenschaftsministerin Birgitta Wolff (CDU). "Innovative Ideen sind der Rohstoff der Zukunft", betont die Ministerin. "Wir müssen deshalb alles tun, um den wissenschaftlichen Nachwuchs aus dem Ausland für unser Land zu interessieren und als Botschafter des Landes sowie als Geschäftspartner von morgen zu gewinnen."

Yizhen Yang sieht sich bislang nur als Botschafterin ihres Heimatlandes - und diese Aufgabe erfüllt sie gerne. Dass sie dabei gelegentlich auch mit kritischen Fragen konfrontiert werde, sei für sie kein Problem. Dann versucht sie zu erklären, wirbt um Verständnis - etwa beim Thema Umweltverschmutzung. "Natürlich entwickelt sich da in meiner Generation ein anderes Bewusstsein", erklärt sie, aber das brauche eben viel Zeit. "Bitterfeld und das Ruhrgebiet waren vor 50 Jahren auch nicht schön."

Ob sie sich auch vorstellen kann, wie es sich Wissenschaftsministerin Wolff von ausländischen Studenten wie ihr gerne wünscht, künftig als Botschafterin Sachsen-Anhalts unterwegs zu sein? "Das würde ich schon gerne machen", sagt die 29-Jährige nach ihren Erfahrungen.

Praktikum in Halle

Daran ändern auch Vorfälle wie die jüngste Attacke auf einen chinesischen Kommilitonen in Köthen nichts, den Ministerin Wolff noch als "Schande" für das Land bezeichnet hatte. "Das ist für den Betroffenen natürlich immer sehr schlimm." Doch hundertprozentige Sicherheit gebe es nirgendwo auf der Welt, sagt Yizhen Yang. "Und wenn ich an die brutalen U-Bahn-Schläger in Berlin und München denke, dann fühle ich mich in Köthen recht sicher", sagt die Chinesin, die derzeit im Zug nach Halle pendelt und dort ein Praktikum in der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt macht.

Um am Ende doch in Sachsen-Anhalt zu bleiben? "Würde ich gerne, wenn ich einen guten Arbeitsplatz finden sollte." Klingt fast schon wie eine Bewerbung.

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