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Mitteldeutsche Zeitung | QR-Codes am Grab: Ascherslebener baut digitalen Friedhof
23. April 2014
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QR-Codes am Grab: Ascherslebener baut digitalen Friedhof

Im Mai will Silvio Merkwitz mit seiner Erinnerungsseite online gehen. 21 bedeutende Ascherslebener haben darauf schon einen festen Platz.

Im Mai will Silvio Merkwitz mit seiner Erinnerungsseite online gehen. 21 bedeutende Ascherslebener haben darauf schon einen festen Platz.

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Frank Gehrmann

Aschersleben/MZ -

Name. Geboren. Gestorben. Eine normale Grabinschrift. Ohne Schnörkel. Wer mehr über Erich Bertram und Gustav Reinhardt erfahren will, die sich seit mehr als 60 Jahren eine Grabstelle auf dem Friedhof in Aschersleben (Salzlandkreis) teilen, muss tief in den Archiven wühlen und vergilbte Akten durchforsten. Noch. Denn die Technik macht auch vor dem Tod nicht Halt. So hat die Friedhofsverwaltung beschlossen, demnächst die ersten 21 QR-Codes an Gräbern verdienstvoller Ascherslebener anbringen zu lassen. Dann braucht es nicht mehr als Smartphone oder Tablet, um an Informationen über die Verstorbenen zu kommen.

Mit den für die Stadtgeschichte bedeutsamen Persönlichkeiten geht Silvio Merkwitz, Chef der Ascherslebener Werbeagentur Layoutzone, den ersten Schritt auf dem Weg zum digitalen Friedhof. Einmal eingelesen führen die gepixelten Quadrate künftig geradewegs auf eine Erinnerungsseite im Internet und geben den Toten ein Gesicht. Seine Seite richtet sich an jedermann. Auch Privatpersonen können darauf mit einem Text, mehreren Fotos und einem Video an ihre Vorfahren erinnern.

„Gedenken ist was Positives“, erklärt Merkwitz. Er bezeichnet seine Website als Trauerführer, als Album für Verstorbene. Und der QR-Code ist für ihn die Verbindung zwischen realem und virtuellem Trauerort. Über ihn will er mit dem Tabu-Thema Tod brechen.

Hierzulande salonfähig

Andere versuchen das auch. Trauerportale gibt es viele im Netz. Und QR-Codes auf Grabsteinen gelten seit dem Vorstoß eines Kölner Steinmetzes vor ein paar Jahren hierzulande als salonfähig. Der Deutsche Städtetag, dem 3 400 Städte und Gemeinden angehören, gab im Herbst sogar eine „Handlungsempfehlung zum Umgang mit dem QR-Code“ heraus. Darin wird dieser mit der Grabinschrift bereits gleichgesetzt. Dass sich der Städtetag überhaupt mit dem Thema befasst hat, lag begründet in der „zunehmenden Verwendung“ dieser Codes.

Wohl auch, weil der Trend wieder weg vom Anonymen geht, wie Michael Albrecht, Sprecher der Friedhofsverwalter Deutschlands sagt: „Das ist wie in der Mode.“ Entwicklungen kommen und gehen. „Vor 20 Jahren war es die Grüne Wiese“, schaut er zurück. Inzwischen steige der Wunsch nach individueller Gestaltung. Ob sich allerdings QR-Codes durchsetzen, zweifelt Albrecht an. Seine Bedenken sind technischer Art. Er spielt auf die Schnelllebigkeit an. „Wer weiß, ob wir in fünf Jahren noch von QR-Codes sprechen?“ Problematisch wäre das deshalb, weil die durchschnittliche Laufzeit von Grabstellen das Vierfache betrage.

Auf Merkwitz’ Homepage sind es die Auftraggeber, die über die Laufzeit bestimmen. Ob ein Jahr, zehn Jahre oder was dazwischen - „das ist eine Preisfrage.“ Verlängerung möglich. Wie beim Nutzungsrecht an einem Grab. Doch über die Preise schweigt sich der Geschäftsführer aus. Wer die Gedenkseite einsehen kann, entscheiden die Hinterbliebenen. Der Zugang könne durch ein Kennwort geschützt werden. Dann sei der Inhalt nur für denjenigen abrufbar, der das Passwort habe. Den QR-Code anzubringen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Merkwitz’ Prototyp - gedruckt auf eine Metallplatte - kann etwa am Grabstein befestigt werden. Die Friedhofsverwaltung setzt auf freistehende Hinweistafeln. Grundsätzlich bestehe auch die Möglichkeit, den Code in den Stein zu meißeln oder Selbigen damit beschriften zu lassen.

Stichwort Cybermobbing

Wer glaubt, die Landeskirche habe damit ein Problem, der täuscht sich. „QR-Codes sind eine Form der Trauerbewältigung. Manchem hilft’s“, sagt Friedemann Kahl, Sprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das ist auch für Holger Holtz das entscheidende Argument. Grundsätzliche Einwände hat der Ascherslebener Pfarrer keine. „Die Trauernden stehen im Mittelpunkt“, sagt Holtz. Und lobenswert findet er es, dass die Friedhofsverwaltung QR-Codes einsetzen will, um Geschichte erlebbar zu machen. Geschichte wohlgemerkt. „Ich persönlich glaube nämlich nicht, dass ein QR-Code auf dem Trauerweg nützt oder eine Website beim Gedenken hilft“, so Holtz. Für ihn ist der Friedhof Trauerort, Ort sich nah zu fühlen - sei es in Gedanken oder im Gebet. „Ein QR-Code zieht mich von diesem Ort weg.“ Zu bedenken gibt der Pfarrer, dass die Darstellung im World Wide Web auch Gefahren birgt. Vor allem dann, wenn auf eine Seite verlinkt wird, auf der Interaktion möglich ist. Stichwort Cybermobbing. „Wird der Verstorbene verunglimpft, fügt das den Trauernden Schmerzen hinzu.“ Was auf Merkwitz’ Erinnerungsseite nicht passieren kann. Kommentieren, kondolieren: nicht möglich. Nichtsdestotrotz „sollte sich jeder Gedanken machen, ob er das selbst auch wollte - einen QR-Code am Grab“, mahnt Holtz, „ich würde es nicht so toll finden, wenn meine Predigten später gescannt werden.“ Dass seine Idee nicht bei allen gut ankommt - selbst im Bekanntenkreis -, weiß Merkwitz. „Es gibt einige, die finden, dass QR-Codes nicht auf Friedhöfe gehören.“

„Neue Möglichkeiten“

Ganz anderer Meinung ist da André Könnecke. Als Leiter des städtischen Bauwirtschaftshofes, der den Friedhof unterhält, ist er Merkwitz’ erster Kunde. „Es gibt die technischen Möglichkeiten, warum sollen wir sie nicht nutzen“, sagt er. Zumal eine Datenbank - anders als eine Broschüre - ständig erweitert werden könne. Die „neuen Möglichkeiten“ sollen aber auch zum Tragen kommen, wenn es um die individuelle Trauerbewältigung geht. „Wir sind doch froh, wenn jemand seine Note reinbringt.“ So werden per Satzung nur Eckpunkte vorgegeben, wie etwa Größe und Form der Grabsteine auf bestimmten Grabanlagen. Gestalterisch haben die Hinterbliebenen freie Hand, sofern „die Würde des Friedhofes gewahrt wird“.

Daran ist auch Merkwitz gelegen, der nach Rücksprache mit den Angehörigen die Inhalte formatiert und prüft, um „nichts Sitten- und Rechtswidriges zu veröffentlichen.“ Jetzt aber arbeitet er erstmal unter Hochdruck an der Fertigstellung seiner Seite. „Das Füllen ist am aufwendigsten“, sagt er. Im Mai will er online gehen. Er klickt sich in die Unterseite von Erich Bertram und Gustav Reinhardt und hält fest, was ihm Heimatforscher zugetragen haben: Dass die Feuerwehrmänner bei einem Großbrand ums Leben gekommen sind. Dass eine Giebelwand eingestürzt ist und beide unter sich begraben hat.