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Private Aufrüstung in Sachsen-Anhalt: Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt sprunghaft an

Schreckschusspistole

Schreckschusspistole

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PHOTOCASE/jHELDEN

Halle (Saale) -

Die private Aufrüstung in Sachsen-Anhalt hat seit dem Jahreswechsel einen weiteren Schub bekommen. Das belegen die jüngsten Zahlen aus dem Innenministerium: Im Januar stieg die Zahl der ausgestellten Kleinen Waffenscheine um 241 auf insgesamt 5.019 an. Das Dokument berechtigt zum Führen von Gas-, Schreckschuss- und Signalpistolen in der Öffentlichkeit. Uwe Petermann, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sagte: „Offenbar sehen Teile der Bevölkerung die Gefahr, dass der Staat die innere Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann.“ Er warnte vor einer weiteren Privataufrüstung. Sie könne zu einer Eskalation beitragen.

Die Januarzahlen verdeutlichen die Zuspitzung eines anhaltenden Landestrends: Seit 2013 war die Zahl der registrierten Kleinen Waffenscheine konstant geklettert - kräftige Schübe hatten die Pariser Attentate im November und die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht ausgelöst. „Den Betroffenen geht es um ihr subjektives Sicherheitsgefühl“, sagte Petermann. Die Kriminalitätslage im Land sei prinzipiell unverändert. Dennoch hatten Waffenhändler im Land zuletzt einen Käuferansturm auf Pfeffersprays und andere Selbstverteidigungsmittel verzeichnet.

Gas-, Schreckschuss- und Signalpistolen sind frei verkäuflich, abgesehen von Altersbeschränkungen. Auch für den Kleinen Waffenschein liegen die Voraussetzungen niedrig. Die Behörden prüfen die körperliche und geistige Eignung sowie die Volljährig- und die Zuverlässigkeit - also die Vorstrafen.

Vertreter der Waffenlobby bemühen sich, Befürchtungen der Polizei zu zerstreuen: „Die Zahlen bedeuten nicht, dass nun Tausende Menschen mit Pistolenholstern auf der Straße unterwegs sind“, sagte Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler. Dennoch: Das Schutzbedürfnis sei gestiegen, der Verkauf von Pfefferspray und Schreckschusswaffen habe sich vervielfacht, so Meinhard. Dagegen blieb die Zahl der umgangssprachlich „Großen Waffenscheine“ für scharfe Schusswaffen und die dazugehörigen Besitzkarten seit Oktober konstant. Dabei handelt es sich um Standard-Waffenbesitzkarten etwa für Jäger sowie die Sportschützenkarten.

Laut Petermann gibt es einen Zusammenhang zwischen der Privat-Aufrüstung und dem Aufleben der Bürgerwehr-Idee in Teilen des Landes. Zuletzt hatten sich vereinzelte Bewohner von Querfurt (Saalekreis) und Eisleben (Mansfeld-Südharz) für die Bildung von Wehren ausgesprochen. Auch in Halle und Weißandt-Gölzau (Anhalt-Bitterfeld) waren Bestrebungen bekannt geworden. Die Motivation sei ebenfalls fehlendes Vertrauen in den Staat, so Petermann.

Bundesweit stieg die Zahl der Kleinen Waffenscheine seit November um etwa 21 000 auf rund 301 000. Das teilte das Innenministerium auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Irene Mihalic (Grüne) mit. Sie regt an, „dass auch Kauf und Besitz von Schreckschusswaffen, Pfefferspray und Co. zukünftig erlaubnispflichtig werden“. Petermann unterstützt diesen Vorschlag. (mz)