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Oschersleben: Rechtsrock am Schloss

Das Schloss in Groß Germersleben

Das Schloss in Groß Germersleben wurde bei einem Brand im November 1999 stark beschädigt.

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dpa

Oschersleben/MZ. -

Gewusst haben sie in der Stadt nichts. Gar nichts, sagt Oscherslebens Bürgermeister Dieter Klenke (parteilos). Als Ende März das baufällige Barockschloss im Ortsteil Groß Germersleben samt Grundstück bei einer Zwangsversteigerung unter den Hammer kam, sei man allgemein davon ausgegangen, dass zwei Landwirte sich für die Wiesen interessieren würden. „Zu so einem Termin kann aber jedermann kommen“, sagt Klenke. Den Zuschlag erhielt für angeblich 12000 Euro dann auch ein völlig anderer: Ein in der Szene bundesweit bekannter Veranstalter von Neonazi-Konzerten, der zuletzt in Nienhagen (Harz) aktiv war.

„Wir sind fast vom Hocker gefallen, als wir den Grund erfahren haben“, so Klenke. Das war fünf Tage später, als der Mann bei der Stadt das erste Rechtsrock-Konzert für Ende Mai angemeldet hat. Nicht nur in Oschersleben reift seitdem die Erkenntnis: Groß Germersleben wird offenbar das neue Nienhagen. Jahrelang hatten zuvor in dem 380-Seelen-Ort im Vorharz die Rechtsrock-Konzerte stattgefunden - zu Pfingsten 2012 kamen 1800 Neonazis. Nienhagen aber hat sich schließlich erfolgreich gewehrt: Nach einer Bürgerbefragung, bei der sich 80 Prozent der Teilnehmer gegen die Konzerte aussprachen, sicherte der Eigentümer des dortigen Geländes zu, es nicht mehr an die Veranstalter zu verpachten.

Im gut 20 Kilometer entfernten Groß Germersleben stehen die Vorzeichen anders: Das Objekt gehört nun dem aus Niedersachsen stammenden Rechtsextremen. Um das 1999 abgebrannte Schloss, sagt David Begrich, Rechtsextremismus-Experte beim Verein „Miteinander“, wird es ihm kaum gehen. Viel mehr um knapp 48000 Quadratmeter Grundstück, die dazu gehören. „Das ist ein idealer Ort für Neonazi-Konzerte.“ Zuletzt gehörte das Objekt einem Privatmann.

„Miteinander“ wirft nun dem Land Defizite vor: Nach der Vertreibung aus Nienhagen hätte es die Aktivitäten des Veranstalters im Blick haben müssen. „Es war davon auszugehen, dass er nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten würde. Warum ist der Verfassungsschutz nicht in Aktion getreten?“

Nach Angaben des Innenministeriums hat der von den Plänen in Groß Germersleben erst erfahren, als es zu spät war: Einen Tag nach der Versteigerung habe es einen Bürgerhinweis auf den Käufer gegeben, so Sprecherin Pia Leson auf Anfrage der MZ. „Für mich stellt sich da die Frage nach dem Nutzen des Frühwarnsystems Verfassungsschutz“, kritisierte Linken-Politikerin Henriette Quade am Dienstag. Eine kleine Anfrage von ihr im Landtag zu einer Neonazi-Organisation, in der der Käufer des Schlosses führend sein soll, sei nach gut vier Monaten noch unbeantwortet.

Für das erste Konzert am 25./26. Mai, eine Skinhead-Party mit rechtsextremen Bands aus Europa und den USA, hat Oscherslebens Bürgermeister Klenke strenge Auflagen angekündigt. Er werde sich nun mit der Polizei zusammensetzen - „das muss ja alles auch gerichtsfest sein“. Nach den Erfahrungen von Nienhagen rechne er mit 1500 Neonazis - aber auch mit Protesten der linken Szene und mit einem enormen Polizeiaufwand. Groß Germersleben, ein 530-Einwohner-Ort, ist bereits jetzt in Aufruhr. Die Einwohner seien besorgt, sagt Klenke.