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Modelleisenbahnen: «Piko» ist international unterwegs

Uhr | Aktualisiert 29.12.2012 13:07 Uhr

René Wilfer hat Sinn für das Verspielte. Er kaufte Piko 1992 von der Treuhand. Seitdem wächst der Umsatz jährlich zweistellig. (FOTO: ARCHIV/DPA)

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Der ostdeutsche Modelleisenbahnhersteller Piko hatte nach der Wende zunächst zu kämpfen. Mittlerweile ist die Firma in voller Fahrt unterwegs und setzt auch auf die Spielfreude der Chinesen und Amerikaner.
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Sonneberg/MZ. 

Das Hotel California liegt vis-à-vis vom Baustoffhandel Ackermann, der Black Hill Saloon gleich neben dem Werk Franken-Zucker. René Wilfer kann sich aussuchen, ob er seine Reise durch das Wunderland im ICE-3 oder mit einer alten Dampflok zurücklegt - er hat es schließlich selbst erschaffen. Der 63-Jährige ist Chef des ostdeutschen Modelleisenbahnherstellers Piko. Was unschwer zu erkennen ist, wenn man Wilfer gegenüber sitzt. Er trägt sein Firmenlogo quasi immer bei sich - in Form einer schrillen Brille: Die runden Gläser sind in einen grünen Rahmen eingefasst, die golden schimmernden Bügel haben die Form geschwungener Gleise. Das Unikat wird schließlich durch ein knallblaues Piko-Logo komplettiert.

"Ich hatte anfangs einfach Spaß an solchen Brillen, doch inzwischen ist ein Markenzeichen draus geworden", sagt Wilfer. Jedes Jahr im Februar liefern ihm sein Goldschmied in Halle / Westfalen und der Optiker aus Nürnberg pünktlich zur weltgrößten Spielwarenmesse in Nürnberg ein nagelneues Exemplar. 20 Brillen besitzt Wilfer inzwischen. Die Zahl steht für seine Zeit als Chef der Piko Spielwaren GmbH. 1992 hatte Wilfer seinen Job als Gebäudemodellbauer in Schweinfurt hingeschmissen und Piko in Sonneberg (Thüringen) gekauft.

Risiko hat sich gelohnt

Die Stadt ist seit dem 16. Jahrhundert Spielzeughochburg. Was damals mit Schnitzereien, Holzpuppen und Holzpferden begann, gipfelte 1913 in dem Titel Weltspielwarenstadt. Noch zu DDR-Zeiten arbeiteten von den 27 000 Beschäftigten in der Branche allein in und um Sonneberg 10 000 Menschen. 1 800 waren beim VEB (Volkseigener Betrieb) Piko angestellt, der neben Modelleisenbahnen für Jungen auch Spielzeug-Staubsauger und -Waschmaschinen für Mädchen herstellte.

Nach der Wende suchte die damalige Treuhandanstalt einen Käufer für das Werk. Für eine einstellige Millionensumme bekam Wilfer den Zuschlag. Schließlich musste er eine zweistellige Millionensumme in die höchst sanierungsbedürftige Fabrik und in wettbewerbsfähige Modelle investieren. Mit 90 Mitarbeitern stellte der Franke das Thüringer Werk aufs neue Gleis. "Es war schon ein Risiko, aber ich war mir sicher, mit guten Mitarbeitern das hinzubekommen", sagt Wilfer.

Gespielt wird immer. Auch viele Prominente haben ihre Schwäche zur Miniatureisenbahn eingestanden: Rod Stewart, Michael Gorbatschow, Horst Seehofer, Kurt Biedenkopf. Phil Collins hat seine Modelleisenbahn gegen sein erstes Schlagzeug eingetauscht, Neil Young baute gar eine ganze Scheune aus, um sich als Lokführer auszutoben.

Doch Wilfer hatte trotz aller Euphorie auch seine Bedenken: "Es gab ja alles, was in der DDR produziert wurde, zur Genüge schon im Westen." Die Konkurrenten für Piko waren keine geringeren als der uneingeschränkte Marktführer Märklin aus Schwaben und Fleischmann aus Heilsbronn bei Nürnberg. Dazu kam anfangs ein anderes, unerwartetes Problem: Niemand wollte Piko kaufen. Im Osten verschmähte man die alten DDR-Produkte, im Westen kannte niemand Piko.

Der Boykott hielt drei, vier Jahre. So plötzlich wie er kam, ging er. Wilfers Investitionen begannen sich zu rentieren. Nach zehn Jahren war Piko über den Berg. Und fährt und fährt und fährt.

Der Chef streicht mit dem Finger über einen goldenen Ring mit grünem Stein, der auffallend zur schrillen Brille passt. Er sieht zufrieden aus. "Wir haben in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt zweistellige Umsatzzuwächse erzielt. Und wir wachsen schneller als die Konkurrenz", erzählt er.

In Ostdeutschland hat Piko rund ein Drittel Marktanteil, bundesweit sind es immerhin rund zehn Prozent. Fast 40 Prozent der Produkte werden exportiert. Nur in diesem Jahr konnte sich die Modellbahn aus Sonneberg nicht ganz von der Finanzkrise abkoppeln. Für 2012 rechnet Wilfer mit einem Umsatzplus von drei Prozent. Seine Konkurrenten schwächeln deutlich mehr. Und das seit Jahren. Märklin war zeitweise insolvent und wird vom Bobby-Car-Hersteller Simba Dickie umworben. Der fränkische Hersteller Fleischmann rettete sich 2008 als Sanierungsfall unter das Dach eines österreichischen Herstellers. Nach Umsätzen liegen beide Unternehmen an der Branchenspitze. Piko hat es auf Platz drei unter den Herstellern im deutschsprachigen Raum geschafft.

Einmal jedoch hatte Wilfer die Muskeln des Marktführers zu spüren bekommen. 2006 hatte Märklin den kleinen ostdeutschen Konkurrenten verklagt, weil der angeblich ein ICE-3-Modell kopiert habe. Prompt bekam Piko den unrühmlichen Plagiarius-Award, ein Preis der jährlich den dreistesten Produktfälschern verliehen wird. Es war Wilfers schwärzeste Stunde als Manager. Zumal er sich und seinen Mitarbeitern nichts vorzuwerfen hatte. "Wir konnten den Richtern 30 bis 40 Details zeigen, in denen sich unser Zug vom Märklin-ICE unterschied." Die Klage des Branchenprimus wurde schließlich zurückgewiesen, der Plagiarius-Verein rückte von seinem Vorwurf ab.

"Unterm Strich war es für uns eine riesige Werbekampagne", sagt Wilfer. Millionen hätten in den Zeitungen die Geschichte von Goliath gegen David verfolgt und zugleich erfahren, dass der ICE des großen Herstellers viel teurer war. Der Piko-Zug ging danach reißend weg.

In der Sonneberger Montagehalle herrscht reger Zugverkehr. Eine Westernlok fährt pfeifend über die Teststrecke. Kurz darauf verschwindet sie in einer Kiste. Gegenüber klebt Marina Gruber hauchfeine Dampfverteiler auf den schwarzen Rumpf der Lok. Filigranarbeit. "Das ist doch gar nichts", sagt die 46-Jährige. "Viel lieber montier ich die 94er, an der ist viel mehr Fummelkram dran."

Eine Lok besteht aus bis zu 250 Einzelteilen. Rund 1 500 verschiedene Produkte hat Piko im aktuellen Sortiment - von der kleinsten Spurweite N, über TT und HO bis zur G-Spur. Die steht für 15 Zentimeter hohe und 80 Zentimeter lange Gartenbahnen, ist relativ neu im Angebot und findet vor allem in den USA reißend Abnehmer. Allein in diesem Jahr hat Piko 300 Neuheiten auf den Markt gebracht. Montiert werden sie fast ausschließlich von Frauenhänden. "Wir haben zarte Hände und die bessere Feinmotorik", erläutert Marina Gruber. "Und mehr Geduld", betont sie.

Gruber hat vor gut 25 Jahren als Lehrling bei Piko begonnen und ist "heilfroh, dass ich nach der Wende übernommen wurde". Die Alternativen sind nicht so groß in Sonneberg. Außer Piko gibt es wenige größere Firmen in der Stadt. Dennoch liegt die Arbeitslosigkeit nur bei etwa vier Prozent. Die Region liegt direkt an der bayerischen Grenze. Viele Menschen haben Arbeit in Coburg, Schweinfurt, Fulda oder Nürnberg gefunden. Inzwischen gibt es aber auch Bayern und Franken, die im Thüringer Piko-Werk einen Job bekommen haben.

"Die Arbeit macht Spaß, vor allem, weil wir vielen Menschen damit Freude machen", sagt Gruber. Allein darin liegt des Piko-Erfolgsgeheimnis aber nicht. Rund 400 der 570 Beschäftigten arbeiten inzwischen in einem Werk in China. Nur mit dem Verkauf in China ist Wilfer allerdings nicht zufrieden. "Eine Modelleisenbahn kann man sich eben nicht um den Hals hängen", sagt er.

"Eisenbahn spielen ist nachhaltig"

Doch Wilfer gibt nicht auf. Gerade ist der Zehn-Jahres-Plan fertig geworden. "Wir wollen im Ausland kräftig wachsen", nennt der Chef die wichtigsten Pläne. Vor allem in den USA und China werde der Vertrieb ausgebaut. Wilfer glaubt fest an die Zukunft seines Unternehmens - dem Computerspieleboom zum Trotz. "Eisenbahn spielen ist viel nachhaltiger", sagt er. "Man spielt nicht alleine, muss kreativ sein, braucht handwerkliches Geschick und technisches Verständnis." Nur auf die große Bahn hat René Wilfer keinen Bock. "Ich würde nicht mit Bahnchef Rüdiger Grube tauschen wollen", sagt der 63-Jährige. Er sei mit seinen Zügen vollauf zufrieden: "Die fahren immer zuverlässig."

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