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Medizintechnik: Herzschrittmacher aus Halle stellt einen Weltrekord auf

Uhr | Aktualisiert 22.12.2012 10:44 Uhr

Wolfgang Zobel zeigt stolz den Rekord-Herzschrittmacher aus Halle, der 25 Jahre lang problemlos seinen Dienst verrichtete. Als Forscher und Konstrukteur trieb der Absolvent der Technischen Universität Dresden nach 1980 die Fertigung der ersten serienmäßigen Herzschrittmacher des Ostblocks voran. (FOTO: THOMAS MEINICKE)

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Ein Herzschrittmacher aus Halle stellt einen Weltrekord auf: er ist ein Vierteljahrhundert ununterbrochen im Einsatz.
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Halle (Saale)/MZ. 

Sie sind einander nie begegnet und trotzdem miteinander verbunden: der 60-jährige Medizintechniker Wolfgang Zobel und die fast 90-jährige Ruth Hartung. Der Hallenser baute in den 1980er Jahren die ersten Herzschrittmacher des Ostens in Serie. Ein Exemplar davon verhalf der ehemaligen Lehrerin aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz ein Vierteljahrhundert lang zu einem guten Leben. So eine lange Dienstzeit schaffte nach Angaben von Medizinern bislang kein anderes Gerät dieser Art - Weltrekord!

Eins-zwei, eins-zwei, immer schön im Takt bleiben. Das ist Hartungs Lebensmotto bis heute. Klug planen, die Kräfte gut einteilen, durchhalten, so errang sie in ihrer Jugend viele Medaillen im Langstreckenschwimmen. So unterrichtete sie 43 Jahre in Eisleben und zog gleichzeitig zwei Kinder groß. So behilft sich die Frau, wenn sie jetzt im hohen Alter aus eigener Kraft das Haus in Ordnung hält.

Im Takt bleiben. Das trifft erst recht für den größten menschlichen Muskel zu, der so groß wie eine Faust ist. Schlägt das Herz nicht mehr so, wie es soll, hilft oft nur noch ein kleines technisches Wunder - der bis heute immer weiterentwickelte Herzschrittmacher. Nur Fachleute wissen, dass in Halle echte Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet wurde.

Großen Anteil daran hatte Wolfgang Zobel, der jetzt gerührt wieder sein damaliges Meisterstück in den Händen hält. Seine Forschungs- und Konstrukteursarbeit erfährt nun späte und ungewöhnliche Anerkennung. Demnächst soll der Rekordeinsatz des Herzschrittmachers im Guinness-Buch der Rekorde vermerkt werden.

Der ehemalige Ingenieur, der nach der Wende zu einem Weltmarktführer im Westen wechselte, leitete in den 1980er Jahren unter anderem den Musterbau im Transformatoren- und Röntgen-Werk Halle. Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich der Absolvent der TU Dresden an seinen Berufsstart. "Eigentlich wollte ich Anfang der 1980er Jahre ein künstliches Herz entwickeln." Dass sich ihm wenigstens die Chance bot, die serienmäßige Fertigung von Herzschrittmachern in Halle mit aufzubauen, sieht Zobel heute als einen Glücksfall an. Wie es zu der Herausforderung kam, erklärte sich ihm zufolge aus dem chronischen Devisenmangel der DDR. Jeder Herzschrittmacher musste importiert werden, weil es im ganzen Ostblock nicht einen einzigen Serien-Hersteller gab.

Mangelwirtschaft - ein Ärgernis

Die Aufgabe, diese Lücke zu schließen, fiel Medizinern der Berliner Charité und der Martin-Luther-Universität Halle zu. Was die heutigen Professoren Joachim Witte und Bernd Otte damals erdachten, setzte das Entwicklerteam um Wolfgang Zobel um - unter den Bedingungen einer Mangelwirtschaft. Kein einfaches Unterfangen, denn manchmal fehlten selbst einfachste Schrauben aus Edelstahl. Das Ergebnis kann sich offenbar trotzdem sehen lassen. Auch Branchenkenner und Arzt Michael Lampadius aus Bayern, der jährlich ein international anerkanntes Medizintechnik-Kompendium herausbringt, registrierte überrascht den Dauereinsatz von 003373, so die Gerätenummer der Rarität. Lampadius sieht darin eine kleine Sensation. Dass sowohl Batterie und Kabel als auch der elektronische Prozessor nach 25 Jahren noch voll funktionstüchtig sind, stelle der Qualitätsarbeit des Herstellers nachträglich ein gutes Zeugnis aus.

Auch Ruth Hartung aus Wolferode, die in dieser langen Zeit den Tod ihres Mannes und andere Schicksalsschläge zu verkraften hatte, lobt den Schrittmacher: "Ich hatte viele Probleme, aber das Herz schlug immer im richtigen Takt." Deshalb habe sie auch nur selten den Arzt aufgesucht, so die rüstige Frau, die bis vor kurzem noch selbst ihr Auto steuerte.

Als die Ärzte der Helios-Klinik in Eisleben vor einigen Wochen eine Kontrolluntersuchung durchführten, stutzten sie. Alle Parameter im grünen Bereich, aber die Eintragungen auf der Patientenkarte konnten unmöglich stimmen.

Entdeckung auf Röntgenbild

"Normalerweise muss so ein Gerät nach zehn, spätestens 15 Jahren ausgewechselt werden." Zunächst glaubte der Kardiologe Andreas Porsche, und auch Chirurg Falk Sischka, an einen Schreibfehler oder eine Verwechslung. Klarheit und Sicherheit brachten erst die Röntgenbilder, die sogar die wahrlich historische Erzeugnisgravur mit dem Schriftzug "Made in GDR" sichtbar machte. Mittlerweile ist der 89-Jährigen ein Gerät der neuesten Generation implantiert worden. Nach Klinikangaben verkraftete die Patientin auch diesen Eingriff bei örtlicher Betäubung gut und konnte schon nach einem Tag wieder nach Hause entlassen werden. Jetzt freut sie sich auf Weihnachten und das Wiedersehen mit Kindern und Enkeln.

Vielleicht hätte Wolfgang Zobel die Rekord-Nachricht gar nicht erreicht. Aber den Ärzten in Eisleben fehlte, um den auf lange Haltbarkeit getrimmten Herzschrittmacher zu entfernen, zunächst einfach das Spezial-Werkzeug.

Der passionierte Techniker konnte helfen und ihnen gute Tipps geben.

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