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Leipziger Projekt "Hoaxmap": Digitale Karte zeigt Unwahrheiten über Asylsuchende

Ehemaliges Maritim-Hotel in Halle

Das ehemalige Maritim-Hotel in Halle (Saale): Hier soll ein Wachmann angeblich zu Tode geprügelt worden sein. Doch der Mann lebt und es geht ihm gut.

Foto:

Holger John

Halle (Saale) -

Sie sollen Gräber schänden, Männer umbringen, Frauen vergewaltigen und Exkremente in Schwimmbädern hinterlassen: Diese und andere Gerüchte über Flüchtlinge werden seit etwa Mitte 2015 im Netz verbreitet. Das ging Karolin Schwarz aus Leipzig (@NoAverageRobot) auf die Nerven. Sie hat die Behauptungen gesammelt, die über Asylsuchende in die Welt gesetzt werden und auf www.hoaxmap.org veröffentlicht – inklusive der Widerlegungen dieser Unwahrheiten. "Hoax" kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie Täuschung, Trick, Streich oder auch falscher Alarm.

Schon mehr als 230 Gerüchte deutschlandweit

Mit der Karte hofft sie, Argumentationshilfen gegen die Falschmeldungen zu liefern, die vielerorts im Netz kursieren. Außerdem sei es interessant, zu sehen, wie sich die Situation entwickle: „Nehmen die Gerüchte zu? Gibt es inhaltliche Zusammenhänge oder regionale Schwerpunkte?“, sagt Schwarz, die erst vor drei Wochen damit begonnen hat, gemeinsam mit ihrem Freund die Daten zu sammeln. Nach Feierabend sitzen die Unternehmensberaterin und ihr Freund täglich mindestens zwei Stunden vor dem Computer, um neue Meldungen zu suchen und einzupflegen. Denn die Karte wächst: Am 8. Februar ist die Hoaxmap mit etwa 170 Beiträgen online gegangen. Mittlerweile sind es deutschlandweit schon mehr als 230 Lügen, die über Flüchtlinge in die Welt gesetzt worden sind.

Die Idee für die Gerüchte-Karte kam ihr schon 2015. Von August bis Dezember hat sie sich ehrenamtlich in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Leipzig engagiert. Hinzu kommt ihr Interesse für Datenvisualisierung, das Karolin Schwarz gezielt einsetzen möchte. „Ton und Intensität der Gerüchte haben in den vergangenen Wochen noch einmal zugenommen“, sagt Schwarz. Die Masse der Gerüchte habe den Ausschlag gegeben, die Webseite zu starten.

Ein Klick in die Karte führt zum jeweiligen Ort und dem Gerücht, das kursiert. Ein weiterer Klick führt zur Widerlegung: zu einem Polizeibericht oder zur Berichterstattung regionaler Presse, die sich des Falles angenommen hat.

Die Gerüchte samt Aufklärungen hat die junge Frau über Suchmaschinen, Twitter und Google Alerts gefunden. "Inzwischen gibt es viele Einreichungen via Mail und Twitter, die auch noch in die Karte aufgenommen werden sollen."

Falsche Horrormeldungen

Bisher hat Karolin Schwarz über 180 Fälle in der Hoaxmap registriert. So zum Beispiel einen Bericht aus Leipzig: Ein Flüchtling, heißt es auf einer Webseite, soll ein Luxusauto fahren und es verkehrswidrig in der Einfahrt zu einem Flüchtlingsheim parken. Der Norddeutsche Rundfunk klärt auf:  Der Wagen gehört keinem der Flüchtlinge in diesem Wohnheim.

Ein „Fall“ aus Halle (Saale) mit einer ähnlich abstrusen Behauptung: In der Aufnahmeeinrichtung in der Saalestadt (ehemaliges Maritim-Hotel) soll im Oktober ein Wachmann Opfer einer Körperverletzung durch einen Flüchtling geworden sein. Das Ministerium für Inneres und Sport klärt auf: Der Fall ist weder Polizei noch Staatsanwaltschaft bekannt.

Gleiche Stadt, selber Schauplatz: Im November sollen, so behauptet es die Gerüchteküche, Flüchtlinge den Hausmeisters des ehemaligen Maritim-Hotels gar zu Tode geprügelt haben. Auch diese Horrormeldung erweist sich als vollkommener Fake – die MZ beweist: Der Mann lebt und es geht im gut.

Ein weiteres falsches Gerücht hat viele Gemüter erregt: Eine 19-Jährige, die im Oktober 2015 am Magdeburger Universitätsplatz überfallen worden war, soll an den Folgen des Übergriffs gestorben sein. Der Mitteldeutsche Rundfunk korrigiert: Die Frau lebt und wurde noch im November aus dem Krankenhaus entlassen.

In Berlin soll eine 13-jährige Russlanddeutsche von "Südländern" vergewaltigt worden sein. Dieses Gerücht wurde so sehr aufgeblasen, dass es sogar die deutsch-russischen Beziehungen belastete. Dann kam heraus: Das Mädchen hatte lediglich bei einem Freund übernachtet.

In Magdeburg sollen wegen angeblicher sexueller Übergriffe durch Flüchtlinge auf einer Buslinie keine Busfahrerinnen mehr eingesetzt werden können. Eine Recherche der Magdeburger Volksstimme macht deutlich: auch hier ist es eine Fälschung. Auf der Linie habe es keinen derartigen Vorfall geschweige denn eine Anweisung, kein weibliches Personal mehr einzusetzen, gegeben, so ein Sprecher der Magdeburger Verkehrsbetriebe.

Das Projekt Hoaxmap sei aus dem Wunsch entstanden, eine Ordnung in die Vielzahl gestreuter Gerüchte zu bringen und die Dekonstruktion selbiger zu erleichtern, schreibt die Verantwortliche auf ihrer Webseite. In der Sammlung tauchen nicht nur Gerüchte auf, die Asylsuchende betreffen. Ergänzungen können per Mail an mail@hoaxmap.org oder @hoaxmap auf Twitter gesendet werden.

Neben der "Hoaxmap" will noch ein anderes Projekt die Wahrheit ans Licht bringen. Die interaktive "Kaltland-Chronik" dokumentiert Straftaten mit rassistischem Hintergrund. Deutschlandweit wurden allein 2016 schon mehr als 400 Fälle registriert. (mz)