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Kürzungen bei Theater und Orchester: Das Ende vom Lied

Das Gebäude der Oper in Halle.

Oper in Halle: In Halle soll der Landeszuschuss für Oper und Theater von 11,9 auf 9,05 Millionen Euro sinken.

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ARCHIV/DPA

Halle/mz -

Zumindest an goldenen Worten wird nicht gespart. Dass ihm alle Theater und Orchester „gleich lieb“ seien, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) vor zwei Wochen im Anschluss an die Sparklausur der Landesregierung. Und weil das so sei mit der Zuneigung, sagte Haseloff, „haben wir entschieden, dass wir alle gleich behandeln“.

Aber wie? „Kulturstandard für Theater ist Magdeburg“, schob Haseloff eine zweite Bonmot-taugliche Formel nach. Was nur heißen konnte: Alle Bühnen und Orchester würden künftig nach ein und demselben Schlüssel finanziert. Und zwar nach dem Verhältnis von Einwohner und Bühnenförderung, das in Magdeburg gegeben ist.

Die Stadt zählt - wie Halle - rund 230 000 Einwohner und erhält für Theater und Puppentheater vom Land 9,05 Millionen Euro. Halle hingegen 11,9 Millionen Euro. Ein Magdeburger Modell neuer Art also. Was sollte das bedeuten? Denn mehr sagte der Ministerpräsident nicht. Vom Kultusminister war gar nichts zu hören. An den Bühnen begann man zu rechnen.

Landrat Schatz verlässt Runde nach Bekanntgabe der Kürzung für Eisleben

Bis Mittwoch. Zu um neun Uhr morgens wurden die Rechtsträger der Theater und Orchester, also die Bürgermeister und Landräte, ins Kultusministerium nach Magdeburg gerufen, um ihnen die Tatsachen mitzuteilen. Hier wurde etwas Überfälliges nachgeholt: Denn bereits Mitte Mai sollte das Treffen stattfinden, wurde aber kurzerhand ohne Begründung abgesagt. Man wolle lieber die Sparklausur abwarten, hieß es. Wahrscheinlicher ist das: Nach den Demonstrationen gegen die Hochschulpläne wollte man nicht noch eine zweite Wutbürgerwelle auslösen. Zu spät. Im Land wurde schon gegen den Kulturabbau protestiert. Längst war durchgesickert, was in Magdeburg „gleich lieb“ haben heißt.

Das wurde drei Stunden nach den Rechtsträgern Mittwoch auch der Presse mitgeteilt. Die Journalisten bekamen die ausgedruckte Version der Power Point-Präsentation in die Hände, die um neun vorgeführt worden war. Das Treffen hatte der Landrat von Mansfeld-Südharz, Dirk Schatz (CDU), sofort verlassen, als der Runde von Kultusminister Stephan Dorgerloh erklärt wurde: „bei einer Kürzung von sieben Millionen Euro wird die Landesbühne Eisleben nicht zu halten sein“. Eine Lakonie, die „von wenig Feingefühl“ zeuge, wie Schatz in zwei noch Mittwochnachmittag verfassten Offenen Briefen erklärte, adressiert an den Ministerpräsidenten und den Kultusminister.

Denn rund sieben Millionen Euro sind es, um die der noch gültige Landeszuschuss von 36 Millionen Euro für die Theater und Orchester bereits 2014 gesenkt werden soll. Eine Maßnahme, die Stephan Dorgerloh (SPD) als alternativlos darstellt: „Wir werden uns diese Theaterlandschaft nicht mehr leisten können.“ Das sei auch für ihn persönlich schmerzlich. Aber es hätte sich keine politische Mehrheit für eine Erhöhung des - erst um 5,2 Millionen Euro gekürzten! - Kulturetats gefunden, wie es der Kulturkonvent vorgeschlagen hatte. Die Kürzung sei auch der Wille der an der Regierung beteiligten Fraktionen, räumte Dorgerloh auf Nachfrage ein. Also von CDU und SPD. Und aus diesem Willen leitet sich der Plan ab, den das Ministeri am Mittwoch präsentierte.

Ein Plan, der in Teilen einem Showdown gleichkommt. Eisleben, das bislang mit 1,3 Millionen Euro finanziert wurde, soll gar nicht mehr gefördert werden. Das kann das Ende für die 1953 gegründete Landesbühne bedeuten, die 53 Mitarbeiter zählt. Dorgerloh: „Das ist eine der bitteren Pillen, die geschluckt werden muss.“ Das Anhaltische Theater Dessau soll statt 8,13 künftig 5,2 Millionen Euro erhalten, was sehr wahrscheinlich die Schließung von ein, zwei Sparten zur Folge hat. In Halle soll der Landeszuschuss von 11,9 auf 9,05 Millionen Euro sinken - genau die Summe, die Magdeburg erhält.

Auf den Einwand, dass Halle im Gegensatz zu Magdeburg über ein tariflich höher eingestuftes, also von vornherein teureres A-Orchester samt A-Chor und A-Ballett verfügt, entgegnete der Minister, man könne immer noch „A-klassig“ sein, wenn man sich in den künftigen Strukturen bewege. Die Förderung des Theaters der Altmark (1,48 Millionen Euro), des Nordharzer Städtebundtheaters (3,38 Millionen Euro) und des Theaters in Naumburg (141 000 Euro) solle unangetastet bleiben. Das gilt auch für die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie Schönebeck und das Philharmonische Kammerorchester mit jeweils 341 000 Euro. Das Nordharzer Städtebundtheater soll möglichst mit dem Kammerorchester Wernigerode kooperieren. Das Orchester erhält seine Förderung nur noch im kommenden Jahr selbst. Danach würde sie an das Theater gehen.

Umstrukturierungen müssen folgen

Was künftig aus der Theater- und Orchesterlandschaft Sachsen-Anhalts verschwinden soll, ist offen. Nicht aber, wer darüber entscheiden muss: die Rechtsträger im Gespräch mit den Bühnenbetrieben. Sie sollen entsprechend der Zahlen nun Konzepte vorlegen. Anschließend sollen bis Ende des Jahres die neuen Theaterverträge ausgehandelt und unterschrieben werden.

Der Kultusminister begründet die geplanten Kürzungen mit der langfristigen Finanzplanung des Landes. Die Förderquote der Theater und Orchester habe zuletzt bei 43 Prozent des Kulturetats gelegen, und sich bei einer Absenkung des Etats anteilmäßig noch erhöht. „Das war nicht mehr zu halten und wäre auf Kosten anderer Kulturfelder gegangen“, sagt Dorgerloh. Und: „Es ist klar, dass es in einem Land mit künftig zwei Millionen Einwohnern keine drei Vollspartenhäuser geben kann.“

Was im Klartext heißt, dass es künftig wohl nur noch zwei Vollspartenhäuser in Sachsen-Anhalt geben wird, also Bühnen, die Schauspiel, Musiktheater, Chor und Ballett bieten. Was das für Dessau heißen soll? Dort müsse man sich gut überlegen, ob man mehr eine Sprech- oder Musikbühne sein wolle, sagt Dorgerloh, der aber ausdrücklich alle inhaltlich-gestalterischen Fragen an die Kommune und ihre Bühne delegiert. Klar sei nur das: „alle Strukturen müssen auf den Prüfstand“, Haustarife müssten verschwinden, Profile geschärft werden. Eine Million Euro stelle das Land für einen „Strukturfond“ bereit zur „Abfederung der Folgen“. Also für Abfindungen.

Die Reaktionen fielen am Mittwoch unterschiedlich aus. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) will die Kürzungen nicht prinzipiell blockieren: „Wir müssen uns reorganisieren“. Die Linke-Landtagsfraktion bezeichnet die Pläne als „kulturpolitischen Skandal“, die Schließung der Eisleber Bühne als „völlig unverständlich.“ Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker, sagte nur das: „Wenn ich Mitglied des Kulturkonvents gewesen wäre, würde ich jetzt schreiend vor der Staatskanzlei stehen, um gegen die Verschwendung meiner Lebenszeit zu protestieren.“ Noch ist für einiges Zeit. Bis September sollen die Rechtsträger ihre Umbaupläne vorlegen, im November sollen die neuen Verträge ausgearbeitet und im Dezember im Kabinett beschlossen werden. Dann gültig bis 2019.