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Kriminalität: Ein gepeinigtes Kind und viele Vorwürfe

Uhr | Aktualisiert 30.05.2012 23:07 Uhr
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Diana zeigt Kinderbilder

Diana zeigt Kinderbilder von ihrer Schwester Bettina. Gegen ihre Mutter erhebt sie Vorwürfe. (FOTO: KLAUS WINTERFELD)

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Kassiert eine Mutter Geld für Ehen ihrer Töchter? Zwei Schwestern der in Bosnien befreiten Bettina erzählen. Es ist die Geschichte der heute 19-jährigen Bettina, die über Jahre in Bosnien von ihrem Stiefvater und seiner bosnischen Frau gequält worden sein soll.
Eisleben/Sangerhausen/MZ. 

Es ist die Geschichte der heute 19-jährigen Bettina, die über Jahre in Bosnien von ihrem Stiefvater und seiner bosnischen Frau gequält worden sein soll. Die Geschichte von Bettinas leiblicher Mutter, die sie wohl selbst dorthin gebracht hat und heute alle Vorwürfe, Bettina sei als Sklavin gehalten worden, als Lüge zurückweist. Es ist die Geschichte einer Sangerhäuser Familie in schwierigsten sozialen Verhältnissen, voll von Vorwürfen. Und es ist die Geschichte von deutschen Jugendämtern, die um Erklärungen ringen.

Nadine (29) und Diana (31), zwei Schwestern von Bettina, erzählen jetzt unabhängig voneinander ihren Teil davon. Und erheben wie ihr Vater Alfred S. zuvor schwere Vorwürfe gegen ihre Mutter. Aufgewachsen sind sie in Sangerhausen (Kreis Mansfeld-Südharz). Neun Kinder, Eltern, die sich scheiden ließen. Die Mutter, sagen Nadine und Diana, habe sie oft geschlagen. Nahrung habe gefehlt. "Wir haben selbst Kartoffelschalen gebraten."

Mit 13, sagt Nadine, sei sie zum ersten Mal zu Hause abgehauen, habe Essen gestohlen. Immer wieder sei sie zur Mutter zurückgebracht worden. Dann kamen der neue Freund der Mutter, der Bosnier Milenko M., und seine Familie ins Spiel. Und heutige Vorwürfe von Nadine, die Mutter habe Töchter an Verwandte von Milenko M. verkuppelt. Für Scheinehen, für die angeblich mal 11  000, mal 30  000 Euro geboten wurden.

Als die Mutter mit einem Teil der Kinder 2001 nach Naumburg zog, verlor der Rest der Familie offenbar zunehmend den Kontakt. Bettina sei vom Vater abgeschirmt worden, sagt Diana. Mit vier Kindern soll die Mutter dann verschwunden sein. Heute erzählt sie Journalisten in Bosnien, sie sei 2004 nach Bosnien geflüchtet, um die Töchter vor ihrem Ex-Mann zu schützen. Dass der Bettina missbraucht habe, weisen Diana und Nadine entschieden zurück. Die Behauptung der Mutter sei schon damals wohl Rache dafür gewesen, dass der Vater Bettina zu sich holen wollte.

Den Jugendämtern fallen die Zustände, wie sie die Töchter heute beschreiben, offenbar nicht auf. Es gebe keine Akte Bettina S., heißt es am Mittwoch beim Landkreis Mansfeld-Südharz. Aus Meldeakten sei nur bekannt, dass es viele Umzüge gab - den letzten 2001 nach Naumburg. Die Frage, ob trotz der sozialen Verhältnisse gar kein Kontakt zur Familie bestand, kann das Amt nicht beantworten. Es will nun in Archiven recherchieren. Das dauere.

In Naumburg indes ist die Familie damals bekannt, wie ein Mitarbeiter des Jugendamtes sagt. Allerdings nicht im Zusammenhang mit Bettina, sondern wegen einer ihrer Schwestern. Die hatte mit 13 ein Kind bekommen, das Baby wurde in eine Pflegefamilie gebracht. Anlass, bei anderen Familienmitgliedern etwas zu unternehmen, habe es damals nicht gegeben. "Bettina ist zur Schule gegangen", heißt es.

Nicht regelmäßig, widerspricht Schwester Nadine heute. Dass Bettina geistig behindert ist, sei allerdings schlicht gelogen. Die Mutter, angeblich zwischenzeitlich die Zweit-Ehefrau von Milenko M., hatte das jetzt als Grund genannt, aus dem das Kind in Bosnien nicht zur Schule ging und völlig isoliert lebte. Nicht nur isoliert, sondern auch gepeinigt, wie Nachbarn im Ort Karavlasi sagen. Das Mädchen soll im Schweinestall gelebt, aus lauter Hunger Schweinefutter gegessen haben. Soll misshandelt und gedemütigt worden sein, bis die Polizei es Mitte Mai verletzt befreite.

Dass Bettina überhaupt in Bosnien lebt, will ihr Vater Alfred S. erst 2010 erfahren haben. Er ist inzwischen schwer krank, hat Asthma, Diabetes, einen ersten Herzinfarkt hinter sich und will nach einem Fernsehinterview nicht mehr selbst über den Fall reden. Diana, die in pflegt, erzählt von einem Besuch der Mutter in Eisleben, wo ein Teil der Familie heute lebt. 2010 soll das gewesen sein, damals habe es ein Telefonat zwischen Vater und Bettina gegeben. "Vati, glaub Mama kein Wort, die haben uns alle verkauft", soll Bettina S. gesagt haben. "Wir haben ihr das damals nicht geglaubt", sagt Diana. Milenko und dessen bosnische Frau Slavonjka seien mit in Eisleben gewesen. "Sie machten auf mich einen guten Eindruck", so Diana. Zur Polizei sei niemand gegangen.

Schwester Nadine glaubt heute fest, dass alles stimmt, was über Bettinas tragisches Schicksal in Bosnien in den Medien steht. Längst mache sich die Familie aber auch um andere Schwestern Sorgen. Drei insgesamt sollen in Österreich mit Bosniern verheiratet sein, sagt Diana. Nur zu einer gibt es sporadisch Kontakt. Nadine hat im Januar einen Suchaufruf im Internet nach einer der beiden anderen gestartet, die angeblich vor zwei Jahren zuletzt im Zusammenhang mit einem Frauenhaus in Klagenfurt aufgetaucht sein soll. Sie fürchtet, dass sie nicht mehr lebt.

Bettina lebt, will Berichten zufolge zurück nach Deutschland. "Sie wird von der deutschen Botschaft betreut, in ihrem Interesse", sagt eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Details nennt sie nicht. Diana hofft, dass Bettina zum Geburtstag des Vaters Ende Juni da ist.

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