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Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt: „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin“

Chirurgen im Operatiossaal

Chirurgen bei der Arbeit während einer Operation

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dpa

Halle -

Professor Wolfgang Schütte, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Martha-Maria in Halle und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II wurde zum neuen Vorstandsvorsitzenden der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalts gewählt. Mit ihm sprach Bärbel Böttcher.

Herr Professor Schütte, Sie haben Ihr Amt in einer Zeit übernommen, in der heftig über die Kliniklandschaft Sachsen-Anhalts diskutiert wird. Kritiker halten diese für überdimensioniert. Wie sehen Sie das?

Schütte: Es ist einfach falsch zu sagen, dass wir in Sachsen-Anhalt zu viele Krankenhäuser haben. Verglichen mit anderen Bundesländern liegen wir im Mittelfeld. Gleichwohl gibt es regionale Unterschiede. Halle und Magdeburg sind dicht versorgt. Hier ist eine Straffung der Strukturen denkbar. In ländlichen Regionen sieht das anders aus. Dort wird auch angesichts des demografischen Wandels die Bedeutung der Krankenhausstandorte eher wachsen. Eine andere Frage ist, welche Fachbereiche in Zukunft von Bedeutung sind.

Das heißt?

Schütte: Fast alle Krankenhäuser haben Stationen für Innere Medizin und Chirurgie. Die sind für ältere Menschen relevant. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es aber weniger Fachabteilungen für Kinderheilkunde oder Geburtshilfe geben. Die zu zentralisieren hat übrigens nicht nur wirtschaftliche Gründe. Dabei geht es auch um Qualität, die erst erbracht werden kann, wenn eine bestimmte Anzahl von Patienten behandelt wird. Ich halte es in einer mobilen Gesellschaft wie der unseren aber durchaus für zumutbar, etwa 20 oder 30 Kilometer weit zur nächsten Kinderklinik zu fahren.

Würden Sie für die 48 Kliniken im Land eine Bestandsgarantie unterschreiben?

Schütte: Nein, 100-prozentig garantieren kann das keiner. Aber ich bin mir sicher, dass es keine relevanten Standortverluste geben wird. Die Debatte im Land wird momentan sehr von den finanziellen Problemen der Universitätskliniken überlagert. Da wird manches schlechter geredet als es ist.

Im Zusammenhang mit eben dieser Diskussion ist die Forderung nach größerer Spezialisierung von Kliniken laut geworden. Das klingt vernünftig. Warum aber ist das so schwer umzusetzen?

Schütte: Absprachen speziell zwischen den Universitätskliniken in Halle und Magdeburg sind ein hochproblematisches Feld. Die Hochschulen sind per Gesetz frei in ihren Entscheidungen. Jetzt endlich gibt es aber erste Ansätze auf dem Gebiet der hochspezialisierten Medizin. Die Universitätsklinik Halle, die ein exzellentes Renommee auf dem Gebiet der Nierentransplantation hat, wird das ausbauen. Die Universitätsklinik Magdeburg, die ebenfalls ein solches Transplantationszentrum geplant hatte, wird darauf verzichten und sich weiterhin auf Lebertransplantationen konzentrieren. Hier hat der gesunde Menschenverstand gesiegt. Alles andere wäre auch Irrsinn gewesen. Auf einem anderen Blatt stehen die Absprachen zwischen den Universitätskliniken und den Kliniken in ihrer Region.

Das ist offensichtlich genauso schwierig.

Schütte: Die Universitätsklinik Halle und das Krankenhaus Martha-Maria in Halle-Dölau wollen da jetzt einen neuen Weg gehen. Die Universität will einen Professor für Thoraxchirurgie berufen. Er wäre ordentliches Mitglied der medizinischen Fakultät und würde gleichzeitig in unserer Klinik Chefarzt. Das wäre eine Möglichkeit für die Universität, sich regional stärker als bisher zu verzahnen. Universität und regionale Klinik bündeln ihre Kräfte, um Spitzenmedizin zu entwickeln. Gespräche mit weiteren Kliniken gibt es leider noch viel zu selten.

Ist in Sachen Spezialisierung das Krankenhausgesetz Sachsen-Anhalts zu unverbindlich? Hier könnten doch entsprechende Festlegungen getroffen werden.

Schütte: Da muss ich das Krankenhausgesetz in Schutz nehmen. Es kann sich nämlich nicht über das Bundesgesetz hinwegsetzen. Per Bundesgesetz wurde für die Kliniken ein Abrechnungssystem eingeführt, das das Ziel hat, mehr Wettbewerb zu schaffen. Anders ausgedrückt: Die Häuser stehen dadurch als Wirtschaftsunternehmen untereinander in verschärfter Konkurrenz. Absprachen über Spezialisierungen sind da sehr schwer hinzubekommen. Im Moment ist eher der gegenläufige Trend zu beobachten. Die Krankenhäuser bauen ihre Angebote aus. Das Landeskrankenhausgesetz hat da wenig Gestaltungsspielraum. Auf der anderen Seite hat die Landesregierung ihre Einflussmöglichkeiten selbst aus der Hand gegeben.

Inwiefern?

Schütte: Die Krankenhäuser erhalten Geld aus zwei Richtungen. Die Krankenkassen kommen für die Behandlungskosten auf, die Länder müssten für notwendige Investitionen in medizinische Großgeräte und Gebäude zahlen. Würde das Land Fördermittel ausreichend zahlen, könnte es damit direkt auf die medizinische Ausrichtung der Krankenhäuser Einfluss nehmen.

Die Rede ist von einem Investitionsstau von 120 Millionen Euro. Ist die medizinische Versorgung in Gefahr?

Schütte: Nein. Unsere Kliniken sind größtenteils gut in Schuss. Im Moment haben wir - und das ist meine feste Überzeugung - die beste medizinische Versorgung die es je in Deutschland gab. Ich bin auch felsenfest davon überzeugt, dass es keine Zwei-Klassen-Medizin gibt. Jeder Patient wird medizinisch gleich gut behandelt. Unterschiede gibt es vielleicht in der Unterbringung. Auf der anderen Seite muss jedes Krankenhaus darum kämpfen, dass das so bleibt. Für das Nötigste wird momentan Geld aus dem Topf abgezweigt, den die Krankenkassen füllen. Eigentlich ist das gesetzwidrig und auf Dauer keine Lösung. Die Krankenhäuser fahren bereits auf Verschleiß. Bei allem Verständnis für die angespannte Finanzlage Sachsen-Anhalts - wir brauchen die duale Finanzierung.

Ein anderes Feld ist die Öffnung der Krankenhäuser für den ambulanten Bereich. Was halten Sie davon?

Schütte: Ein geordneter Übergang hin zu einer integrierten Versorgung ist wünschenswert. Dabei geht es gar nicht darum, den Hausarzt oder den niedergelassenen Facharzt überflüssig zu machen. Wir haben da in Deutschland ein sehr gutes System. Ich denke vor allem wieder an hochspezialisierte Medizin. So wäre es doch beispielsweise wünschenswert, dass die Behandlung eines schwerkranken Krebspatienten, auch wenn er das Krankenhaus verlassen hat, in einer Hand bleibt.

Die Regelung dieser sogenannten ambulanten spezialärztlichen Versorgung ist von der vorigen Bundesregierung sträflich vernachlässigt worden. Jetzt gibt es wieder Ansätze. Aber noch viel zu wenige. Und die, die es gibt, sind mit einer irren Bürokratie verbunden. Ich selbst betreue Lungenkrebspatienten nach ihrer Klinikentlassung in unserem Medizinischen Versorgungszentrum weiter. Aber ich darf sie nicht mehr in der Klinik röntgen, sondern muss sie an einen niedergelassenen Radiologen überweisen. So etwas zu beseitigen, das ist unabdingbar und muss vorangetrieben werden. Mir geht das viel zu langsam. (mz)