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Mitteldeutsche Zeitung | Kampf gegen Tuberkulose: Forscher der Uni Halle sind dem Killer auf der Spur
05. January 2016
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Kampf gegen Tuberkulose: Forscher der Uni Halle sind dem Killer auf der Spur

Die Röntgenaufnahme zeigt deutliche Verschattungen in der Lunge - ein Zeichen für Tuberkulose.

Die Röntgenaufnahme zeigt deutliche Verschattungen in der Lunge - ein Zeichen für Tuberkulose.

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dpa

Halle (Saale) -

Am Ende war es das Glück der Tüchtigen. Seit etwa fünf Jahren ist eine Arbeitsgruppe des Institutes für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle unter Leitung von Prof. Dr. Peter Imming neuen Wirkstoffen gegen Tuberkulose (TB) auf der Spur. Und zwar solchen, die multiresistente Erreger der Krankheit besiegen können. Jetzt haben die Wissenschaftler Stoffe entdeckt, die das Wachstum der Mykobakterien, so heißen die Erreger, hemmen und die Keime abtöten. Erste Laborversuche, sagt Imming, hätten außerdem gezeigt, dass die untersuchten Stoffe menschliche Zellen nicht schädigen. Jetzt gelte es, die Substanzen weiterzuentwickeln und ihren genauen Wirkmechanismus zu entschlüsseln.

Für ihre Forschungen erhalten die Pharmazeuten 210 000 Euro von der Tres Cantos Open Lab Foundation, einer Stiftung, die 2010 vom Pharmakonzern Glaxo-Smith-Kline gegründet wurde. Dadurch haben zwei hallesche Wissenschaftler - einer davon ist ein Doktorand aus Äthiopien - die Möglichkeit, 15 Monate lang in den Laboren von Glaxo-Smith-Kline in der spanischen Stadt Tres Cantos zu arbeiten. Denn die entsprechenden Substanzen können zwar in Halle hergestellt werden. Für die Tests brauchen die Forscher aber multiresistente Tuberkulose-Erreger. Die stehen ihnen dort in einem Hochsicherheitslabor zur Verfügung. Auch alle anderen Forschungseinrichtungen können sie dort auf Kosten der Stiftung nutzen.

Größter bakterieller Killer

„Tuberkulose“, so sagt Imming, „ist weltweit der größte bakterielle Killer.“ Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass allein 2013 neun Millionen Menschen daran erkrankt und 1,5 Millionen gestorben sind. „In den Zeitungen könnte also jeden Tag die Meldung stehen: Gestern 4 000 Menschen an Tuberkulose gestorben“, unterstreicht der Wissenschaftler.

Die Krankheit tritt vor allem in afrikanischen Ländern südlich der Sahara auf - oft kombiniert mit Aids. Zahlreiche Fälle gibt es zudem in Osteuropa. Aber auch in den westlichen Industrieländern spielt Tuberkulose nach wie vor eine Rolle. In den letzten Jahren sogar wieder eine zunehmende.

Prof. Dr. Wolfgang Schütte, Ärztlicher Direktor des Martha-Maria Krankenhauses in Halle-Dölau und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II, behandelt pro Jahr etwa 60 Patienten, die an Tuberkulose erkrankt sind. Die meisten von ihnen sind Deutsche, zehn bis 15 davon Ausländer. „Bei einer normalen TB erhalten die Patienten zwei Monate lang Medikamente mit vier Wirkstoffen, danach weitere vier Monate zwei davon“, erklärt der Lungenspezialist. In aller Regel sei die Krankheit dann besiegt. „Die Medikamente, die uns für eine normale Tuberkulose zur Verfügung stehen, sind sehr gut und ausreichend“, sagt Schütte. Auch die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen.

Teure Behandlung

Anders sieht die Sache aus, wenn multiresistente Erreger im Spiel sind, das heißt, Krankheitskeime, die auf die klassischen Medikamente nicht reagieren. „Es ist in diesen Fällen sehr schwer, Wirkstoffkombinationen zu finden“, sagt Schütte. Die Behandlung könne bis zu zwei Jahre dauern. Und sie kostet bis zu 200 000 Euro. „Außerdem treten erhebliche Nebenwirkungen auf“, ergänzt der Mediziner. Und er unterstreicht: „Hierfür brauchen wir in Zukunft dringend neue Medikamente.“

Von der Idee bis zu einem anwendungsfähigen Arzneimittel vergehen in der Regel elf Jahre. „Wenn mit voller Kraft daran gearbeitet wird“, schränkt Imming ein. An Tuberkulose-Medikamenten arbeiteten die großen Pharmafirmen aber nicht mit voller Kraft. Der Grund: „Menschen in Ländern mit viel Tuberkulose, die es am dringendsten brauchen, die können nur wenig dafür bezahlen.“ Bis zu einem gewissen Grad hat der Forscher für die Pharmakonzerne Verständnis. Die müssten ökonomisch handeln, sonst gebe es sie irgendwann nicht mehr. Und damit sei auch niemandem geholfen.

Die meisten der Tuberkulose-Medikamente sind, so erzählt er, in den 1940er, 50er und 60er Jahren entdeckt worden. Seitdem sei auf diesem Gebiet nicht viel passiert. Lediglich zwei neue Wirkstoffe hätten in den letzten Jahren die Labors verlassen. Sie seien zwar gut geeignet, um mit multiresistenten Keimen fertig zu werden. Aber es gebe schon die ersten Berichte von neuen Resistenzen. Deshalb, so Imming, wäre es ideal, wenn spätestens alle zehn Jahre ein neuer Wirkstoff gegen Mykobakterien auf den Markt käme.

„Resistenzen“, so sagt Schütte, „entstehen in erster Linie durch eine schlechte Behandlung.“ Entweder würden die Medikamente nicht lange genug oder nicht in ausreichender Dosierung eingenommen. „Wenn das Bakterium aber nicht wirkungsvoll bekämpft wird, dann mutiert es und das veränderte Bakterium reagiert nicht mehr auf das ursprünglich eingesetzte Medikament“, erklärt er.

Behandlungsdauer soll verkürzt werden

Imming ergänzt, dass gerade das in vielen Ländern ein Problem sei. Oftmals könne die Versorgung mit Arzneimitteln nicht lückenlos sichergestellt werden - logistisch oder finanziell. Die multiresistenten TB-Erreger hätten dann ein leichtes Spiel und es könne rasch zu Neuinfektionen kommen. Weswegen die hallesche Forschungsgruppe bestrebt ist, dass am Ende ein kostengünstiger Wirkstoff steht, mit dessen Hilfe zudem die Behandlungsdauer verkürzt werden kann.

Hierzulande gibt es mit der Bereitstellung von Arzneimitteln keine Probleme. Somit besteht auch kein Grund, eine TB-Behandlung vorzeitig zu beenden. Schütte räumt allerdings ein, dass es kein Spaß ist, ein halbes Jahr oder länger Medikamente einnehmen zu müssen. Um aber genau das sicherzustellen, sei es zu Zeiten der DDR Standard gewesen, TB-Patienten ihre Medikamente unter Aufsicht zu verabreichen - in einer sogenannten Palt, einer Poliklinischen Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose, erzählt er. „In den Vereinigten Staaten, wo das Problem derzeit weitaus verbreiteter ist als in Deutschland, geht man jetzt genau diesen Weg“, fügt Schütte hinzu.

In Deutschland, betont Schütte, brauche niemand Angst vor einer Tuberkulose zu haben. Es müsse schon ein sehr intensiver Kontakt zu einem Erkrankten bestehen, um sich anzustecken. Gleichwohl sieht er die weltweiten Probleme und begrüßt die Arbeit der halleschen Pharmazeuten außerordentlich. „Neue Therapiemöglichkeiten für multiresistente Tuberkulosen sind unheimlich wichtig.“

„Natürlich können wir das nicht allein schaffen“, sagt Imming. Immerhin werden für die Entwicklung eines neuen Medikaments etwa 500 Millionen Euro veranschlagt. Das könne keine Universität stemmen. „Mein Traum ist es jedoch“, so fügt er hinzu, „ein paar Zentimeter des Weges zu einem neuen Tuberkulose-Mittel mitgegangen zu sein, eine kleine Idee eingebracht zu haben.“ (mz)