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Mitteldeutsche Zeitung | Kalter Krieg: Das waren die potentiellen Atombombenziele in Ostdeutschland
13. February 2016
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Kalter Krieg: Das waren die potentiellen Atombombenziele in Ostdeutschland

„Gadget“ nannten die Entwickler in Los Alamos die erste Plutonium-Bombe der Welt, die 1945 erfolgreich getestet wurde.

„Gadget“ nannten die Entwickler in Los Alamos die erste Plutonium-Bombe der Welt, die 1945 erfolgreich getestet wurde.

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Könau

Zwischen Erfurt und Peking zählt die geheime Liste mit der Identifikationsnummer 32006765 genau 948 Orte. Ganz vorn steht Abakan, ein Städtchen in Sibirien. Fast ganz hinten das 6.200 Kilometer entfernte Zerbst in Sachsen-Anhalt. Gemeinsam ist beiden Städten, dass es sie nicht mehr geben würde, wären die jetzt erstmals öffentlich gewordenen Pläne aus einer Atomkriegsstudie des US-Militärs jemals zum Einsatz gekommen. Dann nämlich wären nicht nur Zerbst und Abakan, sondern auch Berlin, Moskau, Merseburg, Prag und all die anderen mehr als 900 Städte geworden, was sie nach dem Dafürhalten der Chefetage des Strategic Air Command (SAC) der US-Luftwaffe in einem III. Weltkrieg hätten werden müssen: legitime Ziele für vernichtende US-Atombombenangriffe.

Ein unruhiger Sommer

Es ist der Sommer des Jahres 1956, als die obersten Militärs im Pentagon an ihrer Strategie feilen. Der Kalte Krieg mit der Sowjetunion ist seit Stalins Tod drei Jahre zuvor zwar festgefroren. Doch unter Nachfolger Chruschtschow brodelt es im Ostblock. In Polen rebellieren die Arbeiter gegen das Regime. Ungarn grummelt. In Georgien wird ein Studentenaufstand blutig niedergeschlagen, und die DDR legt sich mit der NVA ein stehendes Heer zu. Washington reagiert aus eigener Sicht weitsichtig: Für den Fall einer Eskalation der Auseinandersetzungen mit dem Warschauer Pakt will SAC-Chef General Curtis LeMay einen Plan in der Tasche haben, der es den USA erlaubt, eine mögliche nukleare Auseinandersetzung zwischen den beiden Weltmächten nicht nur zu überleben, sondern auch zu gewinnen.

Das scheint aus amerikanischer Sicht möglich. Ein knappes Jahrzehnt nach dem ersten erfolgreichen sowjetischen Nukleartest liegt die Zahl der einsatzbereiten Atombomben auf US-Seite zehnmal so hoch wie auf sowjetischer. Weil in den frühen 50er Jahren noch keine Interkontinental-Raketen oder U-Boote mit nuklearer Bewaffnung existieren, setzt der von seinen Soldaten „Eisenarsch“ genannte LeMay auf eine Erstschlagstaktik. Das passt: LeMay hatte als Kommandeur des XX. Bomber Command im Krieg gegen Japan einen Napalm-Angriff auf Tokio befohlen, der mit 100.000 Toten als schwerste jemals geflogene Luftattacke in den Geschichtsbüchern steht.

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Gegen das, was der 51-Jährige für die ersten Tage des III. Weltkrieges planen lässt, erscheint dieses Inferno aber allenfalls wie ein kleines Scharmützel. Denn ausweislich der „Air Power & Systematic Destruction List“ ist das SAC entschlossen, den gefürchteten nuklearen Schlagabtausch zu verhindern, indem die US-Atombomberflotte mit B-47-Bombern aus Großbritannien, Marokko und Spanien und B-52 aus den USA gleichzeitig und massiv gegen sämtliche Flugplätze der sowjetischen Streitkräfte zwischen Harz und Wladiwostok vorgeht.

Das Kalkül der US-Strategen ist dabei ganz einfach. Gelingt es, die sowjetische Luftwaffe zu vernichten, ehe deren mit Atombomben ausgerüstete Bomber aufsteigen können, ist der gerade begonnene Krieg so gut wie gewonnen. „Die Notwendigkeit, den Luftkampf zu gewinnen, ist von größerer Bedeutung als alles andere“, heißt es in dem 800-seitigen Papier, das nach einer Klage des Journalisten Michael Dobbs im Dezember 2015 vom Nationalarchiv freigegeben werden musste. Dazu gelte es, Ziele der sogenannten Bravo-Kategorie zuerst zu zerstören. Dazu gehören alle Einheiten der sowjetischen Atomstreitkräfte.

Zwei Flughäfen als Top-Ziele

Die beiden Top-Ziele in der Liste der „Designated Ground Zeros“ (vorgesehenen Ground Zeros) sind denn auch zwei Flughäfen: Bykhov und Orscha in Weißrussland beherbergen die Hauptmacht der sowjetischen Tupolew Tu-16, die Atombomben vom Typ 8U69 - Kosename „Tatjana“ - über Westeuropa hätten abwerfen sollen. Auf der Liste der militärischen Ziele stehen mehr als eintausend weitere Flugplätze. Gegen sie ist der Einsatz von 1,7- bis Neun-Megatonnen-Bomben geplant. Eine Megatonne entspricht der etwa 70-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Weil eine Explosion auf dem Boden vorgesehen ist, um die sowjetischen Start- und Landebahnen möglichst gründlich zu zerstören, rechnet die Air Force zudem mit einem viel höheren nuklearen Fallout als bei gleich großen Nuklearexplosionen in der Luft.

Ein Preis, der wegen der als sehr hoch eingeschätzten Gefahr einer sowjetischen Atom-Gegenattacke gezahlt werden soll. Ziel sei eine „sichere Vernichtung von 90 Prozent der sowjetischen Luftwaffen-Kapazitäten“. Dafür müsse eine schwere Verseuchung durch radioaktive Teilchen in Kauf genommen werden.

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Auch über rein militärische Angriffsobjekte hinaus. Eine zweite Liste sogenannter Delta-Targets enthält weichere Ziele wie Verkehrsknotenpunkte, Städte und Industriezentren. Auch hier sind den Zielen Prioritäten zugeordnet. Ganz oben stehen Moskau und Leningrad, wobei Moskau mit 190 und Leningrad mit 158 Sprengköpfen ausradiert werden soll. Zur Anwendung gekommen wären hier 60 Megatonnen-Bomben, von denen sich das US-Militär „signifikante Ergebnisse“ bei der Abschreckung sowjetischer Angriffe verspricht. Genug Feuerkraft haben die US-Streitkräfte: Zwischen 1955 und 1961 wird die Zahl der Sprengköpfe in den Lagern von knapp über 2 400 auf 22 229 Stück steigen. Mit den bereits 1959 zur Verfügung stehenden 12.000 Atombomben könnte die Air Force jedes angeführte Ziel dreimal zerstören.

Industriegebiete sollten zerstört werden

Die Taktik ist allerdings etwas anders. Nach dem Vernichtungsschlag gegen die Atommacht UdSSR begänne die Phase der „systematischen Zerstörung“ des sogenannten „kriegsfähigen Potentials“ des Ostblocks. Dazu ist vorgesehen, eine große Zahl von Industriegebieten innerhalb der Warschauer Vertragsstaaten mit Atombomben zu belegen, deren Sprengkraft bei nur 0,16 Megatonnen liegt. Das ist immerhin noch acht Mal mehr als die Nagasaki-Bombe hatte. Aber schon fast chirurgisch verglichen mit den Wasserstoffbomben, die Moskau und Leningrad ausgelöscht hätten.

Vielleicht weil es sich nur um eine Studie handelte, nicht um einen konkreten Einsatzplan, ließen die Verfasser alle Grundsätze der zivilisierten Kriegsführung fahren. Als Ziel von Atombombenangriffen wird unter dem Code 275 auch „Population“ angegeben - zu deutsch Bevölkerung.

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Die hätte ein wenig darauf hoffen können, dass die Air Force entschlossen war, gegen Osteuropa kleinere Sprengköpfe einzusetzen, um einen Keil zwischen die Sowjetunion und ihre Verbündeten zu treiben. Für Orte wie Aken, Bernburg, Tröglitz, Dessau, Merseburg, Wittstock oder Zerbst hätte das aber keinen Unterschied gemacht: Sie wären wegen der dort stationierten Sowjet-Streitkräfte direkt ausradiert worden.


Mit Auswirkungen weit über die Stadtgrenzen hinaus. So hätte die Detonation einer 100-Kilotonnen-Bombe in Dessau nach den Prognosen der Internet-Seite Nukemap nicht nur fast 9.000 Tote und 50.000 Verletzte in der Stadt selbst gefordert. Darüberhinaus wäre der radioaktive Fallout von hier aus bis nach Schwedt geweht. Nach einem Abwurf über Merseburg wären dort direkt mehr als 10.000 Menschen gestorben. Am Fallout bei Westwind in den Folgetagen aber noch viel mehr im benachbarten Leipzig.

Täuschung verhindert den Krieg

Dass es nie dazu kam, verdankt sich einem sowjetischen Täuschungsmanöver, durch das eine aus damaliger US-Sicht recht gewagte Entscheidung der Regierung zustande kam. Mit ihren Mai-Paraden hatten es die Sowjets geschafft, den USA eine viel höhere Anzahl an eigenen Atomwaffen vorzuspielen, als wirklich vorhanden waren. Die USA fürchteten aufgrund ihrer - falschen - Kenntnisse, dass ein Gegenschlag der UdSSR sie härter treffen könnte als verkraftbar wäre. Die Idee, die Sowjetunion mit einem nuklearen Erstschlag ihrer Erst- und Gegenschlagskapazität zu berauben, wurde deshalb nie verwirklicht.

Doch das war knapp, wie die Ereignisse des Jahres 1961 zeigen sollten. Damals erkannte der Auslandsgeheimdienst CIA mit Hilfe neuer Spionagesatelliten, dass die Sowjets nicht wie bis dahin angenommen über 500, sondern gerade einmal über vier Interkontinentalraketen verfügten. Der damals amtierende USD-Generalstabschef Lyman Louis Lemnitzer, ein Verfechter drastischer militärischer Lösungen, schlug umgehend vor, den Feind nuklear zu enthaupten, so lange man noch die Möglichkeit habe, ohne einen Gegenschlag befürchten zu müssen. Präsident John F. Kennedy lehnte ab. (mz)

Die US-Atomkriegspläne im Netz:
www.nsarchive.gwu.edu
www.nuclearsecrecy.com/nukemap

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