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Jahreswechsel: Ein fiktiver Blick zurück auf das Jahr 2013

Uhr | Aktualisiert 31.12.2012 15:20 Uhr
(MZ-ZEICHNUNG: SKOTT) 
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2013, das waren die zwölf Monate, die auf den so lange erwarteten Weltuntergang folgten. Was das dann aber wieder für ein Jahr gewesen sein wird!
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Halle (Saale)/MZ. 

Die Jahre, die mit den beiden Zahlen enden, die jeder Hotelchef bei den Zimmernummern überspringt, haben es in sich. 1713 etwa besetzten russische Truppen die Insel Rügen! 1813 mussten Blüchers Preußen Halle von der französischen Besatzung freikämpfen. Und 1913 gründete der Bäcker Karl Albrecht in Essen einen Tante-Emma-Laden mit dem Namen Aldi.

JANUAR

Immer was los, immer liegt Spannung in der Luft. Doch so weitsichtig wie Hotelchefs waren sie eben nicht, die Erfinder der Zeitrechnung. Und so steht er am ersten Januar da, der bislang jüngste 1.1.13. Das Jahr beginnt mit Inkrafttreten des Euro-Rettungsschirmes und der Übernahme der EU-Präsidentschaft durch Irland. Die meisten Menschen bemerken beides nicht. Die USA feiern den Sprung von der Fiskal-Klippe. In Deutschland wird die GEZ-Pflicht von Leuten, die keine Rundfunkgeräte besitzen, auf die ausgeweitet, die keine Geräte besitzen, zudem aber noch blind und taub sind.

Alle müssen mitmachen, denn schon am 20. Januar steht der erste Urnengang des Superwahljahres an. In Niedersachsen entscheidet sich nicht nur das Schicksal von CDU und FDP, sondern auch das von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eng ist es bis zuletzt in Hannover, aber das Wahlergebnis ist dann eindeutig: Alle Parteien bedanken sich bei ihren Wählern und lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Votum der Niedersachsen als Auftrag begreifen. In Berlin kommt es dennoch zum Streit um die Themen, um die bis zur Bundestagswahl gestritten werden soll.

FEBRUAR

Bei der Oscar-Verleihung triumphiert der Film zum Musical "Les Misérables", der Preis der Tourismusindustrie geht an den Knüller "Der kleine Hobbit". Der deutsche Beitrag "Barbara", in Sachsen-Anhalt gedreht, geht leer aus. Neue Daten aus der Wirtschaft machen im Februar Mut, dass das Schlimmste überstanden ist: Die San Francisco 49ers gewinnen den Football-Super Bowl. Einer alten Regel nach ist das ein gutes Omen.

MÄRZ

Im März übernimmt Xi Jinping das Amt des chinesischen Staatspräsidenten. Xi kündigt in seiner Geheimrede an, Europa mit Chinas Dollarreserven retten zu wollen. Dazu werde ein Staatsfonds gehebelte binäre Optionen erwerben, die die EZB zurückleast. Im EZB-Rat geht der Plan glatt durch. Griechenland ist über Nacht schuldenfrei, Spanien wehrt sich noch, Hilfen zu beantragen. Bayern München jubelt nach einem 2:0 gegen den HSV vorzeitig über die 22. Meisterschaft. Nachrichtenagenturen schreiben von der "Gähnliga", der Papst twittert: "Wahre Freude kommt aus der Vereinigung mit Gott." Man werde sich nun auf das Champions-League-Finale vorbereiten, sagt ein auch im Triumph bescheidener Manager Matthias Sammer.

APRIL

Es geht aufwärts, nicht nur in Bayern. Zu Ostern sind die Benzinpreise wie immer auf ein Rekordhoch gestiegen, es wird erste Kritik an der neuen Markttransparenzstelle laut. Angeblich lohne es sich bei Preisen um 1,75 Euro gar nicht, 50 Kilometer zu fahren, um dort für drei Cent weniger zu tanken. Nicht mehr als ein gut gemeinter Versuch bleibt auch eine Mondfinsternis am 25. April: Wohl aus Kostengründen treten nicht einmal zwei Prozent der Mondscheibe in den Kernschatten der Erde. Umso mehr Begeisterung herrscht auf der Hamburger Reeperbahn, wo der evangelische Kirchentag feiert. Udo Lindenberg bringt seinen Klassiker "Reeperbahn" zum Event noch einmal heraus. Statt "Du geile Meile, auf die ich kann" heißt es jetzt "Du heil'je Meile, ich bet' Dich an". In der Champions League unterliegt München wie üblich gegen Mailand. Nach dem Spiel poltert Bayern-Präsident Uli Hoeneß, Kapitän Lahm und Mannschaftskopf Schweinsteiger hätten "wie beim Löw" gespielt. Für den glücklosen Jupp Heynckes wird Matthias Sammer Trainer.

JUNI

Anfang Juni meldet sich das Enthüllungsportal Wikileaks zurück. Diesmal veröffentlicht die Plattform verschlüsselte Dokumente der Piratenpartei. Ein Parteisprecher nimmt bei "Anne Will" barfuß Stellung, wird aber von FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki übertönt. "Ich würde in Berlin zum Trinker werden", sagt der mit Blick auf die Bundestagswahl. "Trinkerhauptstadt Berlin" titelt ein Nachrichtenmagazin daraufhin. Weil keine Fußball-WM ansteht, ist das Sommerloch dieses Jahr früh dran.

JULI

Zum 1. Juli hat Europa Grund zum feiern: Kroatien tritt der Union als 28. Nation bei. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite, die von Irland den EU-Vorsitz übernommen hat, begrüßt die Kroaten während einer Zeremonie in Brüssel. Später wird bekannt, dass Kommissionspräsident Barroso, Ratspräsident van Rompuy und Parlamentschef Schulz zuvor wie die Kesselflicker darum gestritten hatten, wer den Festakt leiten darf. Grybauskaite war nur eingesprungen, weil der Aufnahmezeitplan zu platzen drohte. Bei der Fußball-EM der Frauen in Schweden holen die deutschen Damen nach dem üblichen 2:0 gegen Norwegen den sechsten Titel in Folge. Eine Radioreporterin spricht von einem "Gähn-Championat". Im Zuge der Umsetzung der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie übernimmt Bundestrainerin Silvia Neid danach den neuen Drittligisten RB Leipzig, den sie in die Champions League führen soll.

SEPTEMBER

Wenig später kommt es wie erwartet zur Bundestagswahl. SPD-Herausforderer Peer Steinbrück kämpft bis zuletzt, unter anderem im Netz, wo sieben Mitarbeiter für ihn twittern. Amtsinhaberin Angela Merkel konzentriert sich stärker auf klassische Marktplatzreden. Das Rennen ist lange offen, das Wahlergebnis aber eindeutig: Die Spitzenkandidaten aller Parteien bedanken sich noch am Wahlabend bei den Wählern und lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Votum als Auftrag begreifen. In den Wochen danach mehren sich die Gerüchte über Inhalte der Koalitionsgespräche, überschattet allerdings von Gerüchten über das neue iPhone 6. Das Handy soll angeblich über eine spezielle App Holzschnitzereien in 3D zulassen.

NOVEMBER

Anfang November erhellt der Komet Ison den Nachthimmel. In seinem fahlen Schein hoffen viele enttäuschte Untergangsanhänger von 2012, dass ihre Vorsorgeinvestitionen sich nun doch noch auszahlen. US-Forscher widersprechen, der Komet kündige lediglich die Wiederkunft von Jesus Christus an. Der Papst twittert nachdenklich: "Jedermanns Leben hat Zeiten des Lichtes und der Dunkelheit."

In Berlin steht nun die Koalition, die sofort gebraucht wird: Die Haushaltslöcher in Griechenland sind wie erwartet größer als erwartet. Am ersten Advent beschließt der Bundestag ein erstes Rettungspaket für den Rettungsschirm. Sebastian Vettel ist da schon nicht mehr nur alter, sondern auch wieder neuer Formel-1-Weltmeister. Eine Zeitschrift in Italien schreibt von der "Gähn-Formel", ein deutsches Magazin fragt "Warum ist Sport nicht mehr spannend?"

DEZEMBER

Mitte Dezember stehen die Fussballer des FC Bayern trotzdem wie üblich mit zwölf Punkten Vorsprung auf Platz 1 der Tabelle. Verfolger Dortmund erwägt, sich der niederländischen Eredivisie anzuschließen. "Die Entfernungen sind kürzer", sagt Trainer Jürgen Klopp. Die Gesellschaft für deutsche Sprache muss nach diesen bewegten Monaten nicht lange nach dem "Wort des Jahres" suchen. "Gähn", verkündet die Jury, sei diesmal nicht nur das "Wort des Jahres". Sondern gleich auch noch das "Unwort".

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