Nachrichten aus Sachsen-Anhalt, Mitteldeutschland und der Welt

Interview mit neuer UBA-Präsidentin: „Klimaschutz steht ganz oben“

Uba-Präsidentin Maria Krautzberger

Uba-Präsidentin Maria Krautzberger

Foto:

Alexander Schierholz

#Holzvertäfelung und schwere Möbel lassen den Raum düster erscheinen, am Schreibtisch hat schon Wilhelm Pieck gesessen: Aus Termingründen muss das Gespräch mit Maria Krautzberger in Berlin stattfinden - dabei hat die neue Präsidentin des Umweltbundesamtes in Dessau ein Büro, das viel heller und freundlicher ist. Alexander Schierholz und Joachim Wille sprachen mit Krautzberger über Dessau, den Klimaschutz und Deponien für Handys.

Frau Krautzberger, als das Umweltbundesamt 2005 von Berlin nach Dessau zog, wollten viele Mitarbeiter zunächst nicht mit. Ist das Uba mittlerweile in Dessau angekommen?

Krautzberger: Aber sicher. Schließlich bauen wir jetzt sogar an. Nach dem Umzug haben viele Mitarbeiter in Dessau neu angefangen, die aus der Region kommen. Einige sind auch aus Berlin nach Dessau gezogen. Mittlerweile hat jeder zweite der in Dessau Beschäftigten seinen Wohnsitz in Sachsen-Anhalt, einige auch in Sachsen. Nur jeder vierte pendelt noch aus Berlin ein.

Wann ziehen Sie nach Dessau?

Krautzberger: Sehen Sie es mir nach, ich werde in Berlin wohnen bleiben. Mein Mann ist mir zuliebe vor sechs Jahren von Lübeck mit nach Berlin gekommen. Jetzt wollen wir nicht noch einmal umziehen. Aber ich will Dessau auch privat noch besser kennenlernen.

Wenn in Dessau neue Stellen zu besetzen sind, wie schwierig ist es, dafür Leute zu bekommen?

Krautzberger: Das ist nicht immer einfach. Allerdings liegt das weniger an der Stadt Dessau, sondern daran, dass wir  mit anderen Institutionen um die besten Köpfe konkurrieren. Nehmen Sie das Beispiel Klimaschutz: Es gibt inzwischen im Großraum Berlin eine Reihe von Einrichtungen, die ähnliche Experten suchen. Jemand, der die Nähe zu Hochschulen sucht, wird sich im Zweifelsfall eher dorthin orientieren. Da kann das Uba in Dessau ein noch so schönes, und auch energieeffizientes Gebäude haben.

Haben Sie Dessau schon entdeckt?

Krautzberger: Ich bin dabei. Dessau hat ein reichhaltiges Kulturangebot und eine wunderschöne Umgebung.  Die Stadt bietet viel mehr als vergleichbare Städte dieser Größenordnung. Aber Dessau sollte noch mehr daraus machen. Das Gartenreich, das Bauhaus, die Fachhochschule, das Uba - daraus kann Dessau ein Profil entwickeln, mit dem es sich national und international noch besser punkten lässt.

Wie kann das Uba noch besser in die Stadt hineinwirken?

Krautzberger: Wir sind für alle Ideen und Ansätze offen. Es gibt schon heute viele Netzwerke, in denen sich das Uba engagiert. Mit der Fachhochschule gibt es eine Kooperationsvereinbarung, da geht es etwa um ökologisches Design. Viele Vereine oder Initiativen organisieren Veranstaltungen bei uns. Der Vizepräsident Thomas Holzmann ist mit vielen wichtigen Kultureinrichtungen verbunden.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr von Maria Krautzberger.

Das Uba-Gebäude gilt als ökologisches und besonders energieeffizientes  Vorzeigemodell. Haben sich die hohen Erwartungen erfüllt?

Krautzberger: Unterm Strich ja. Man darf nicht vergessen: Das ist ein Demonstrationsobjekt, das es in dieser Größe vorher nicht gegeben hat. Wie bei jedem Demonstrationsprojekt gab es Kinderkrankheiten, die wir aber in den Griff bekommen haben. Die Ökologie funktioniert. Wir sind mit dem Gebäude sehr zufrieden, auch ästhetisch.

Sie sind seit Mai Präsidentin des Umweltbundesamtes. Welche Prioritäten setzen Sie?

Krautzberger: Die wichtigste muss man gar nicht setzen,  die ist gesetzt. Der Klimaschutz steht ganz oben. Egal, ob das Thema in der Öffentlichkeit gerade besondere Aufmerksamkeit erfährt, weil es eine Jahrhundert-Flut gibt. Die Welt muss es schaffen, unter dem Zwei-Grad-Limit der globalen Erwärmung zu bleiben, sonst wird es ungemütlich. Und Deutschland muss seine Rolle als Vorreiter und Modell für andere Staaten behalten, auch wenn es ein schwieriger Weg ist. Es wird noch viel zu wenig beachtet, dass unsere Ressourcen immer knapper und teurer werden. Und mit dem Abbau von Rohstoffen erhebliche Umweltbelastungen einher gehen. Der Ressourcenschutz ist daher auch ein zentrales Thema im 21. Jahrhundert. Nehmen Sie zum Beispiel die Seltenen Erden, ohne die unsere Handys und Computer nicht funktionieren – oder  auch die Windkraftanlagen. Zugespitzt: Ohne Ressourcenschutz kein Klimaschutz. Die Ressourcennutzung ist außerdem mit vielen Umweltbelastungen über die gesamte Wertschöpfungskette verbunden – von der Entnahme über die Produktion, den Konsum bis zum Recycling. Auch soziale Probleme wie Kinderarbeit in Minen, kriegerische Auseinandersetzungen um Ressourcen muss man im Auge haben.

Mit dem Vorreiter Deutschland ist das so eine Sache. Er droht, sein selbst gesetztes Klimaziel zu verpassen. Der CO2-Ausstoß steigt seit zwei Jahren wieder, es werden Rekordmengen Kohle verbrannt...

Krautzberger: Das Ziel, den CO2-Ausstoß um 40 Prozent bis 2020 gegenüber dem Basisjahr 1990 zu senken, kann noch erreicht werden. Allerdings ist es nur mit einer „Stromwende“ nicht zu schaffen. Es muss viel mehr passieren: vor allem bei der Wärmesanierung der Gebäude! Und auch der Verkehrsbereich muss endlich liefern.

Aber selbst die Stromwende wird gebremst. Der Ausbau der Solarenergie ist in diesem Jahr stark eingebrochen, und auch der Windkraft-Ausbau könnte abstürzen, weil das neue EEG die Vergütungssätze rückwirkend kappt.

Krautzberger: Da sehe ich nicht so schwarz. Der Solarstrom ist, weil er so billig geworden ist, ein Selbstläufer, und auch bei der Windkraft gibt es noch große Potenziale. Sollte der von Bundeswirtschaftsminister Gabriel geplante Ausbau wider Erwarten nicht erreicht werden, müsste die Förderung wieder verbessert werden, das ist klar. Denn ohne einen massiven weiteren Ausbau des Ökostroms sind unsere Klimaziele nicht zu erreichen. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Energiewende.

Die USA wollen den CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke senken, in dem sie alte, ineffiziente Anlagen schließen - durch schärfere Grenzwerte. Ein Modell für Deutschland? SPD-Umweltpolitiker sind dafür, ebenso die Grünen. 

Krautzberger: Auf den ersten Blick ist das bestechend. Ein CO2-Grenzwert, und die alten CO2-Schleudern sind weg. Das funktioniert in der EU aber nicht. Wenn Deutschland das macht, werden die  Emissionen zwar nicht mehr bei uns, dafür aber in einem anderen EU-Land ausgestoßen. Der Grund: Die für das Kraftwerk zugeteilten CO2-Emissionsrechte können von anderen Energieversorgern in der EU an der Börse gekauft werden. Das wäre nur anders, wenn  Finanzminister Schäuble die CO2-Rechte kaufen und dann stilllegen würde. Das würde aber Milliarden kosten...

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr von Maria Krautzberger.

Also, was tun?

Krautzberger: Für den Kraftwerkspark insgesamt muss die Klimaschutz-Schraube fester gezogen werden. Das heißt: Die EU muss gemeinsam beschließen, die überschüssigen CO2-Zertifikate vom Markt zu nehmen. Derzeit sind Zertifikate für rund 1,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid  zu viel vorhanden. Die müssen dauerhaft raus, dann funktioniert das System wieder. Für dieses Ziel muss die Bundesregierung in der EU mit Priorität kämpfen.

Die Landesregierung von Brandenburg hat gerade beschlossen, neue Braunkohle-Tagebaue zu eröffnen, die noch bis 2050 ausgebeutet werden sollen...

Krautzberger: Das ist der völlig falsche Weg.

Die Braunkohleländer  Sachsen-Anhalt und Brandenburg argumentieren mit Versorgungssicherheit und Jobs, auch der Stromkonzern RWE in Nordrhein-Westfalen setzt weiter auf die Braunkohle.

Krautzberger: Nicht nur umweltpolitisch, auch volkswirtschaftlich ist das unsinnig. Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir das Angebot fossiler Energien senken, nicht stabilisieren oder sogar ausbauen, und dafür auf die Erneuerbaren setzen und die Energieeffizienz deutlich steigern. Das schafft auch Arbeitsplätze.

Im Gebäudebereich entstehen 40 Prozent des CO2-Ausstoßes. Hier wäre viel zu holen, aber die Sanierungsrate sinkt sogar, statt zu steigen...

Krautzberger: Die Förderung muss erhöht werden, keine Frage – durch aufgestockte KfW-Programme  und steuerliche Anreize. Auch den Vollzug der beschlossenen Regelungen müssen wir verbessern. Bund und Länder, die darüber mehrfach ergebnislos verhandelt haben, müssen sich hier endlich einigen. Und wir müssen die Sorgen von Mieterinnen und Mietern ernst nehmen, die befürchten, aus ihren Wohnungen heraussaniert zu werden. Damit das nicht geschieht, muss das Mietrecht entsprechend angepasst werden.

Schäuble sollte deutlich mehr Geld dafür locker machen?

Krautzberger: Ja, genau. Es kostet zwar erst etwas, bringt aber Jobs in der Bauindustrie und Steuereinnahmen, und es senkt die Rechnung für Energieimporte. Eine Win-Win-Situation.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr von Maria Krautzberger.

Das weiß Schäuble doch auch, trotzdem mauert er. Hat er Angst vor den Energiekonzernen?

Krautzberger: Davon lässt sich doch ein Herr Schäuble nicht beeindrucken.

Was ist dann der Grund?

Krautzberger: Wir wissen in vielen Bereichen sehr gut, was getan werden sollte. Wir wissen aber noch zu wenig darüber, wie wir erfolgreicher den Wandel voranbringen können.

Dann zum Verkehrssektor. Wie kann er zu den Klimazielen beitragen?

Krautzberger: Am sinnvollsten ist es, Verkehr zu vermeiden und auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umzusteigen - also in Großstädten zu Fuß zu gehen, das Fahrrad, Busse oder Bahnen zu nutzen. Im ländlichen Raum ist das schwieriger, aber auch hier gibt es innovative Ansätze: zum Beispiel Bürgerbusse oder Anruf-Sammeltaxis.

Wie kommen Sie denn zur Arbeit?

Krautzberger: Wegen der vielen Termine fahre ich natürlich oft mit dem Dienstwagen, auch weil ich so mobil arbeiten kann. Zum Berliner Uba-Amtssitz fahre ich – wenn es geht – auch mit dem Fahrrad. Aber noch viel zu wenig. Das will ich ausbauen – und mich an den Uba-Standard anpassen: Immerhin kommen rund 70 Prozent der Kolleginnen und Kollegen mit Bus, Bahn, zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit. Die Schienenverbindungen von Berlin nach Dessau sind leider alles andere als optimal, da würde ich mir für das Uba Verbesserungen wünschen.

Wie kann man die Menschen zum Umsteigen bewegen?

Krautzberger: Erstens die umweltverträglicheren Verkehrsmittel attraktiver machen und die umweltbelastenden unattraktiver machen, zum Beispiel die Umweltschäden auf den Kraftstoffpreis anrechnen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr von Maria Krautzberger.

Also eine Neuauflage der Ökosteuer?

Krautzberger: Die Ökosteuer ist ein gutes Instrument. Sie hat nach der Einführung im Jahr 2000 dazu geführt, dass das Auto weniger genutzt wurde und die Arbeitskosten entlastet wurden. Über eine Neuauflage sollte man nachdenken, auch wenn es nicht populär ist. Die Einnahmen sollten auch in bessere Schienenwege fließen, vor allem für den Güterverkehr.

Wo genau?

Krautzberger: Notwendig wäre eine stärkere Unterstützung des Ausbaus der kombinierten Verkehre. Zudem müssen wir den Seehafenhinterlandverkehr für den Gütertransport auf der Schiene attraktiver machen. Aber: Der Schienengüterverkehr muss deutlich leiser werden. Das heißt, das die lauten Grauguss-Bremsen schnellstmöglich gegen leisere Bremsen ausgetauscht müssen. Nur dann wird Güterverkehr auf der Schiene in der Bevölkerung mehr Akzeptanz finden.

Die Deutsche Bahn hat dazu ein Programm, ist sie damit auf dem richtigen Weg?

Krautzberger: Im Prinzip ja, aber das steht und fällt mit den Mitteln, die die Bahn zur Verfügung hat.

Welchen Stellenwert haben aus Ihrer Sicht Elektroautos?

Krautzberger: Für den Pkw-Verkehr ist es vorstellbar, Batterien so weiterzuentwickeln, dass Elektromobilität in absehbarer Zeit nennenswert voran kommt. Für den Lkw-, den Schiffs- und den Flugverkehr sehe ich das nicht. Da brauchen wir Alternativen.

Wie könnten die aussehen?

Krautzberger: Es gibt die Optionen „power to gas“ und „power to liquid“. Dabei wird mit Ökostrom Wasserstoff erzeugt und daraus dann das Gas Methan oder flüssiger Treibstoff. Damit erhält man Kraftstoff, der sich in den vorhandenen Motoren einsetzen lässt. Und wir können das Methan im normalen Erdgasnetz speichern. Das Umweltbundesamt sieht hier erhebliche Potenziale. Der Autobauer Audi betreibt eine Pilotanlage. Das wäre ein Verfahren, mit dem wir in vielerlei Hinsicht die Klima-Probleme im Verkehr lösen könnten, aber sicher nicht bis 2020. Da stehen wir noch am Anfang der Forschung.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr von Maria Krautzberger.

Bei einer breiten Umstellung auf Elektroautos wird zum Beispiel viel mehr Kupfer gebraucht – für die E-Motoren. Auch ein Ressourcenproblem?

Krautzberger: Durchaus. Man löst vielleicht das CO2-Problem, dafür wächst das der Ressourcenknappheit. Es ist ein Beispiel dafür, dass die natürlichen Rohstoffe  zunehmend knapp werden. Man weiß das vom Erdöl, doch es gilt auch für Metalle und Stoffe wie die Seltene Erden. Das Recycling dieser Stoffe muss verbessert werden, und vor allem müssen wir  sicherstellen, dass die Stoffe überhaupt wiedergewonnen werden können. So ist es sinnvoll, alte Handys oder Flachbildschirme noch ein paar Jahre einzulagern, bis ein wirklich hochwertiges, sortenreines Recycling möglich ist.

Sollen wir unsere alten Handys weiter in der Schublade liegen lassen, statt sie zum Recycling-Hof zu bringen?

Krautzberger: Recycling-Hof ist schon okay, aber von dort sollten die Geräte in neu einzurichtende Depots für das Zukunftsrecycling gegeben werden. Außerdem müssten Hersteller verpflichtet werden, ihre Geräte so zu bauen, dass sie möglichst gut wiederverwertbar sind. Dass Apple seine IPhones und IPads immer noch ohne austauschbare Batterie baut, ist ein Skandal. Das produziert unnötig Elektroschrott. Kritisch ist auch, dass andere Hersteller neuerdings diesem schlechten Beispiel folgen. Die EU kann das mit einer neuen Vorschrift in der Ökodesign-Richtlinie stoppen. Das wäre ein großer Erfolg.

Wird die von Ihnen gewünschte Kreislaufwirtschaft nicht viel zu teuer?

Krautzberger: Im Gegenteil. Sie nicht einzuführen wird teuer. Ein Beispiel: Heute betragen die Materialkosten im verarbeitenden Gewerbe rund 45 Prozent der Gesamtkosten. Davon könnte man durch effizientere Nutzung  zehn bis 20 Prozent einsparen – also maximal neun Prozentpunkte bezogen auf die Gesamtkosten. Allein durch die Verwertung von Stahl, Kupfer, Gold sowie vieler Kunststoffe – unter anderem PVC oder PET - werden in Deutschland jährlich rund 250 Millionen Tonnen Primärrohstoffe ersetzt. Das entspricht einem Güterwert von mehr als  zehn Milliarden Euro.  Eine Steuer auf Ressourcen – etwa auf Kies - könnte Anreize zum Ressourcensparen setzen.

Und wie ist es mit der Ressource Erdöl?

Krautzberger: Erdöl ist als Rohstoff  eine wichtige Grundlage unserer Zivilisation. Erdöl ist die Basis für unzählige Produkte, auf die wir nicht mehr verzichten können und wollen. Unsere Enkel werden zu recht sagen: Wie kamt Ihr eigentlich dazu, das alles einfach zu verbrennen? (mz) 

nächste Seite Seite 1 von 6