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Mitteldeutsche Zeitung | In Dessau getötete Syrerin: Das kurze und qualvolle Leben der Rokstan M.
06. October 2015
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In Dessau getötete Syrerin: Das kurze und qualvolle Leben der Rokstan M.

Rokstan M. berichtete vor ihrem Tod von Misshandlungen durch ihre Familie.

Rokstan M. berichtete vor ihrem Tod von Misshandlungen durch ihre Familie.

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Vielleicht ist es dieser Anruf, der ihr Schicksal endgültig besiegelt. Der Anruf, in dem ihre Mutter sie bittet, zurückzukommen. Der Anruf, bei dem ihr Vater weint. Also verlässt Rokstan M. das Frauenhaus, in dem sie seit einiger Zeit lebt, und geht zurück. „Ich habe doch nur eine Mutter und eine Familie!“, wird sie später sagen.

Jetzt ist Rokstan M., syrische Kurdin, tot. Am Freitag voriger Woche wurde ihre Leiche in einer Kleingartenanlage in Dessau-Roßlau entdeckt.

Die Pressemitteilung der Polizei dazu ist nüchtern überschrieben mit „Ermittlungen zum Verdacht eines Tötungsdeliktes“. Die Ermittler haben engste Angehörige im Visier, darunter ihren Vater und ihre Mutter.

Demütigungen und Gewalt

Von dem Anruf erzählt Rokstan M. in einem Interview mit dem Dessauer Autor Eike A., der ein Buch über Flüchtlinge machen will. Die Zusammenfassung des Gesprächs ist das erschütternde Dokument eines Martyriums. Rokstan M. lebte ein kurzes qualvolles Leben, geprägt von Demütigungen und Gewalt. Sie wurde nur 20 Jahre alt. Ihre Geschichte gewährt auf erschreckende Weise Einblicke in Wertvorstellungen, die unseren westlichen kaum ferner sein könnten.

Vor zwei Jahren kommt ihre Familie nach Deutschland, nach einer Flucht aus Nordsyrien über die Türkei. In Deutschland wollen sie sich ein neues Leben aufbauen, Rokstan, ihre Mutter, zwei kleinere Brüder. Der Vater, schwer krebskrank, ist schon länger hier. Als sie ihn wiedersieht, sie, die immer ein Vaterkind gewesen ist, hofft sie wohl, dass nun alles besser wird. Die Hoffnung trügt.

Rokstan M. ist durch zwei Höllen gegangen. Die des syrischen Bürgerkrieges. Und die ihrer Familie.

Junge Frauen als Freiwild

Syrien, 2011. Der Krieg hat begonnen, in der Stadt, in der Rokstan mit ihrer Familie lebt, sind junge Frauen Freiwild. „Sie haben sich einfach die Mädchen genommen, wann sie wollten“, diesen Satz von ihr hat A. notiert. Sie, das sind Soldaten der syrischen Armee und Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“.

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Auf dem Schulweg bleiben Rokstan und ihre Freundinnen nun immer zusammen. Sie tragen Messer im Ärmel, der verzweifelte Versuch sich gegen Vergewaltiger zur Wehr setzen zu können. Sie vereinbaren eine Taktik: Wenn Männer sich ihnen nähern, rennt jede von ihnen in eine andere Richtung davon. Sie schaffen es nicht.

Rokstan muss mit ansehen, wie sich ihre beste Freundin vor ihren Augen das Leben nimmt, aus Scham darüber, dass sich mehrere Männer an ihr vergangen haben. Sie muss mit ansehen, wie eine weitere Freundin stirbt, von einer Kugel in den Kopf getroffen.

„Ich war dann die nächste, die sie sich genommen haben“, sagt Rokstan.

Von drei Männern missbraucht

Es ist der Tag der Zeugnisausgabe, nach den Prüfungen am Ende der 12. Klasse. Der Staat verwehrt ihr einen Abschluss, weil sie Kurdin ist. Ihr Zeugnis wird rot markiert, ein für alle offensichtliches Stigma. Auf dem Weg zu einer Freundin lauern ihr drei Männer auf, misshandeln und vergewaltigen sie. Ihre Familie muss sie freikaufen; ein Cousin bringt das Geld dafür auf.

Für die Familie wird die Tochter damit zur personifizierten Schande. „Wenn bei uns eine Frau nicht mehr Jungfrau ist, gilt sie als schmutzig!“, berichtet Rokstan. Was folgt, ist unvorstellbare Gewalt. Sie will mehreren Mordversuchen entgangen sein. „Die gesamte Familie meiner Mutter hat versucht mich umzubringen.“ Man will sie vergiften, von Brücken werfen, erstechen. Vergiftetes Essen lässt sie irgendwann halbtot zusammenbrechen, erst jetzt kümmert sich ihre Großmutter um sie, die Mutter ihres Vaters.

Es ist eine Geschichte, die einem dem Atem stocken lässt. Ob sich alles tatsächlich so zugetragen hat, wissen allerdings nur die Beteiligten.

Stimmen Rokstans Schilderungen, dann lässt sich vom Verhältnis zu ihrer Mutter nicht viel Gutes sagen. Der ist offenbar ein Dorn im Auge, dass die Tochter schon als Kind eher Junge als Mädchen ist, tobt, auf Bäume klettert. Sechs Jahre ist es her, da verlässt der Vater das Heimatdorf in Nordsyrien, in der Hoffnung, in Deutschland vom Krebs geheilt zu werden. Das Mädchen bleibt zurück mit ihrer schwangeren Mutter und ihrem Bruder. „Für Rokstan brach eine Welt zusammen“, wird Eike A. später notieren.

Prügel und Misshandlungen

Von nun an muss sie auf dem Hof mithelfen, Ziegen, Kühe und Schafe versorgen, auf Märkten Milch, Joghurt und Käse verkaufen. Sie schmeißt den Haushalt, kümmert sich um den kleineren Bruder. Den Besuch einer Schule muss sie sich erkämpfen. Sie berichtet von Prügel und Misshandlungen zu Hause. „Ein Mädchen aus dem Dorf darf sich nicht bilden, das gehört sich nicht! Sie haben mich nicht akzeptiert“, so wird sie in der Gesprächszusammenfassung zitiert.

Als Rokstans jüngster Bruder zur Welt gekommen ist, zieht die Familie vom Dorf in die Stadt. Als der Krieg auch dort den Alltag bestimmt, geht alles ganz schnell: Flucht per Auto in die Türkei. Die Familie hat Glück: Die deutsche Botschaft stellt ihnen Visa aus.

In Deutschland: wieder Prügel

Rokstan kann ihren Vater wieder in die Arme schließen, endlich. Doch die Qualen wollen nicht enden. Wieder Prügel, wieder Demütigungen. Über ihre Mutter und ihren Bruder berichtet sie: „Sie sagten, ich bin schmutzig und wollten, dass ich zum Arzt gehe, der mich wieder zur Jungfrau macht, damit ich heiraten könnte.“ Irgendwann, als es wieder mal ganz schlimm gewesen ist, sitzt sie bei einem Arzt, berichtet von einem Sturz. Der Mediziner weiß es besser. Er stuft ihre Verletzungen als Folge von Misshandlungen ein und schickt sie ins Frauenhaus.

Im vergangenen Jahr ist das. Sechs Monate lebt sie dort. Dann kommt der Anruf. (mz)

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