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Hochwasser in Sachsen-Anhalt: Deich bei Bitterfeld geschlossen - Evakuierung in Magdeburg und Aken

Uhr | Aktualisiert 09.06.2013 09:40 Uhr

Feuerwehrleute arbeiten in Magdeburg in der Zollstraße an Schutzdeichen gegen das steigende Hochwasser der Elbe.

(BILD: dpa)
Die 8.000-Einwohner-Stadt Aken (Kreis Anhalt-Bitterfeld) nebst Ortsteilen sowie vier Gemeinden im Salzlandkreis nahe der Saale-Mündung in die Elbe werden evakuiert. Anlass ist ein drohender Deich-Bruch nördlich von Klein Rosenburg (Salzlandkreis). Die Stadt Magdeburg hat die Bürger des Stadtteils Rothensee aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.
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Aken/Magdeburg/Bitterfeld/Halle/MZ/wschl/dpa

Mehr als 10.000 Menschen im Großraum Aken (Kreis Anhalt-Bitterfeld) müssen nach einem Riss in einem Deich bei Groß Rosenburg (Salzlandkreis) ihre Wohnungen verlassen. „Der Deich ist akut  gefährdet, aber es gibt bisher keinen Bruch“, stellte Pia Leson vom Krisenstab der Landesregierung auf MZ-Nachfrage am Samstagnachmittag klar. Für den Fall, dass der Deich brechen sollte, würden alle Orte in der Umgebung vorsorglich evakuiert.

Dabei handelt es sich um vier Gemeinden im Salzlandkreis: Groß und Klein Rosenburg, Lödderitz und Breitenhagen (zusammen rund 2.400 Einwohner), sowie neun Orte im Kreis Anhalt-Bitterfeld: Neben der Stadt Aken sind das die Ortsteile Susigke, Trebbichau, Diebzig, Kühren, Mennewitz, Obselau, die Bungalowsiedlung Akazienteich und Löbitzsee (zusammen rund 8100 Einwohner). Die Einsatzleitung im Akener Rathaus hatte sich gegen 11.45 Uhr „für den geordneten Rückzug an allen Deichen“ entschieden. Die Lage ist offenbar dramatisch: Das Landesverwaltungsamt teilte am Mittag mit, dass dafür nur noch maximal eine Stunde Zeit bliebe.

Update: Die ersten rund  200  Akener, die wegen der Überschwemmungsgefahr ihre Häuser verlassen mussten, sind inzwischen in Köthen eingetroffen. Die meisten von ihnen sind in der Sporthalle des Handballclubs HG 85 untergebracht, die auch die zentrale Anlaufstelle für die Hochwasseropfer ist. Eine Gruppe von rund 60 Personen hat ihre Unterkunft in den Berufsbildenden Schulen. Schwerbehinderte werden in der Hahnemannschule untergebracht. Zur Betreuung der Akener wird aus Halle ein Betreuungszug des DRK erwartet, da die örtlichen Kräfte nicht ausreichen. Das wichtigste Problem, mit dem der Krisenstab der Stadt Köthen konfrontiert ist, ist die Versorgung mit Decken und Betten für die kommende Nacht. Der Bedarf ist hier nicht im mindesten gedeckt. Deshalb appelliert der Krisenstab dringend an die Bevölkerung  und bittet um Spenden von Decken, Feldbetten und Luftmatratzen. Das alles kann in der HG-85-Halle in Köthen abgegeben werden.

Der Katastrophenschutzstab in Bernburg hatte einen Bruch des Deiches auf einer Länge von 150 Metern befürchtet und als erstes angeordnet, dass die Bewohner von Groß Rosenburg und Klein Rosenburg sofort höher gelegene Orte in Richtung Zuchau, Latdorf und Gerbitz (alle Salzlandkreis) erreichen sollen. Im Nienburg im Salzlandkreis bereitet man sich darauf vor, Hochwasser-Flüchtlinge aus Groß Rosenburg aufzunehmen.

Für die Menschen aus dem Raum Aken wurden Notunterkünfte eingerichtet in Schulen in der Kreisstadt Köthen. Soldaten der Bundeswehr unterstützen die Evakuierung der Stadt.  Update: Falls das Wasser die Stadt erreicht, halten sich im Akener Rathaus Wasserretter vom DLRG bereit, um die Evakuierung mit Booten zu unterstützen. Spezialisten vom DRK-Kreisverband aus Dessau wollen beim Transport von Gehbehinderten und Bettlägerigen helfen.  Die Polizei teilte mit,  dass der Verkehr auf der B187a zwischen Aken und Köthen wegen der laufenden Evakuierung von Aken und umliegenden Orten eingeschränkt werde.

Bereits am Samstagmorgen hatte es eine massive Flutung der Landstraße 63 zwischen Kleinkühnau und Aken gegeben, wie ein MZ-Redakteur aus Aken berichtete. Die Katastrophenzentrale in Dessau-Roßlau meldete anschließend, zwischen dem Deich „Mutter Sturm“ westlich von Dessau-Großkühnau und Aken sei das Hochufer weggespült worden. Weil nicht klar war, wohin das Wasser fließt, wurde ein Sandsack-Wall errichtet, um den Dessauer Ortsteil Mosigkau zu schützen. Die Katastrophenzentrale vermutete, dass es in dem angrenzenden Waldgebiet einen Deichbruch gegeben hat. Mehrere Feuerwehren wurden alarmiert. Auch der nahegelegene Akener Ortsteil Susigke wurde evakuiert. Die rund 300 Bewohner wurden mit Bussen in eine Sporthalle in Osternienburg gebracht. Wenig später wurde 40 Meter von der ersten Bruchstelle im Deich eine zweite festgestellt, durch die das Hochwasser der Elbe strömt.

Update: In Magdeburg hat sich die Hochwasserlage an der Elbe am Samstag weiter zugespitzt. Die Stadt Magdeburg hat die Bürger des Stadtteils Rothensee aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Das Wasser der Elbe sei mittlerweile so hoch gestiegen, dass es über eine Hauptstraße in die tiefer gelegene Siedlung strömt. „Wir wissen nicht, wie viel Wasser kommen wird“, sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Ohne Panik, aber so schnell wie möglich sollten die Leute ihre Häuser verlassen. Sie sollten sich darauf einrichten, etwa eine Woche anderswo unterzukommen. Nach einigen Kurzschlussbränden in Verteilerkästen in den Häusern ist der Strom aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden. Nach Angaben der Stadt hat das Wasser an der Strombrücke inzwischen eine Höhe von fast 7,40 Metern erreicht. Auch in Magdeburg-Werder und anderen Ortsteilen ist die Lage kritisch. Normal ist in Magdeburg ein Pegelstand der Elbe von 2,00 Metern.

In einem offenen Brief wandte hat sich Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) an die Bürger der Stadt. Ihnen stehe ein dramatisches Wochenende bevor. Die Stadt erlebe eine Ausnahmesituation, wie es sie nur selten gegeben habe.

Beim verheerenden Hochwasser 2002 waren es 6,72 Meter.  Rund 650 Bundeswehrsoldaten trafen am Freitagabend in Magdeburg ein, um im Kampf gegen das Hochwasser zu helfen. Die Berliner Feuerwehr schickte zwölf Löschhilfefahrzeuge und 72 Feuerwehrmänner in die Landeshauptstadt.  Aktuell seien mehr als 3.000 Einsatzkräfte aus dem gesamten Bundesgebiet im Einsatz, 1.000 Bundeswehrsoldaten seien auf dem Weg.

Update: In Wörlitz (Kreis Wittenberg) wird um den Deich am Berting gekämpft, der erhöht werden soll. Auch dort wurde der Pegel von 2002 überschritten. Man habe die Lage aber im Griff. Die Bundesstraße 2 von Wittenberg nach Leipzig wurde um 11 Uhr wieder freigegeben, die Mulde-Brücke in Bad Düben ist noch einseitig gesperrt. Seit Mittag sind zahlreiche Einsatzkräfte aus Wittenberg zur Deichsicherung im Raum Pratau eingesetzt. Gegen 14.30 Uhr wurde an der Elbe in Coswig ein Rekord-Pegel von 7,66 Meter gemessen, rund zehn Zentimeter höher als beim Hochwasser im Jahr 2002.

DRK-Wasserwacht und Deutsche Lebensrettungsgesellschaft waren im Landkreis Wittenberg heute mit 22 Booten und 120 Helfern an Elbe und Schwarzer Elster im Einsatz. Auf Grund der Hochwassersituation im Landkreis Wittenberg werde es auch am Montag keinen regulären Schulbetrieb geben, so die Kreisverwaltung.  Am Sonntag will der Krisenstab genaue Informationen zur weiteren Verfahrensweise veröffentlichen.

Bundeswehrhubschrauber

Ein Bundeswehrhubschrauber vom Typ Sikorsky CH-53 lädt Sandsäcke in unzugänglichem Gebiet bei Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) ab.   (BILD: dpa)

Am Goitzsche-See in Bitterfeld ist die Lage nach Auskunft des Sprechers des Katastrophenstabs relativ stabil. Der Pegel der Goitzsche steige kaum, der benachbarte Seelhausener See habe „einen vernünftigen Abfluss zur Mulde“, sagte Aloys Tappel am Samstagmorgen der MZ. Die Pegel-Differenz zwischen beiden Tagebau-Seen sinke weiter von 6,40 Meter am Freitag auf 5,90 Meter am Samstagmorgen.

Update: In den frühen Abendstunden am Samstag ist es den Kräften der Bundeswehr gelungen, den Deichdurchbruch über den Lober-Leine-Kanal in den Döberner Forst vollständig zu schließen. Der Zustrom in die Goitzsche ist damit nahezu zum Erliegen gebracht. Die Verschlussstelle muss jetzt noch einige Zeit beobachtet werden, um sicher zu gehen, dass sie dauerhaft stabil bleibt. Deshalb bleiben die Evakuierungsanordnungen für die betroffenen Teile von Bitterfeld und Friedersdorf weiter bestehen. Die Evakuierung kann erst aufgehoben werden, wenn Fachleute endgültig Entwarnung geben. Möglicherweise geschieht dies im Laufe des Sonntag.

In den Nachmittagstunden hatten viele Helfer unter anderem noch den Damm vom Bitterfelder Bogen in Richtung Goitzsche erhöht. Ein Feuerwehrmann sagte dazu: "Ich bin so froh, wenn wir diese Arbeit umsonst gemacht haben" und meint damit die kilometerlange Dämme am Goitzschesee und an den anderen Stellen der Stadt Bitterfeld-Wolfen. Nach Tappels Angaben sind bis zu 1.000 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Viele Menschen seien auch bei Freunden und Bekannten untergekommen.

Die Elbebrücke der Bundesstraße 2 in Wittenberg ist am frühen Samstagmorgen für den gesamten Verkehr gesperrt worden. Das hat der Katastrophenschutzstab des Landkreises um 4.30 Uhr bekanntgegeben. Für Einsatzfahrzeuge solle die Brücke weiterhin nutzbar bleiben.

In Halle (Saale) entspannt sich dagegen die Lage allmählich.  Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) hat am Samstag den Katastrophenfall aufgehoben. Die Bewohner können jetzt in ihre Wohnungen in Halle-Neustadt zurückkehren. Wegen der Durchnässung des Gimritzer und des Passendorfer Dammes bestehe weiter eine Gefahr. Die Straße „Gimritzer Damm“ sei unterspült und bis auf weiteres gesperrt. Für Ärger sorgte in der letzten Nacht ein größeres Feuer, welches offenbar aus Sandsäcken entzündet wurde. Die Behörden entdeckten heute morgen die verkohlten Überreste. OB Wiegand kündigte Strafverfahren gegen alle an, die die Sicherheit der Deiche gefährdeten.

Hochwasser-Helfer und Anwohner, die mit Schmutz und Schlamm in Kontakt gekommen sind und ein erhöhtes Risiko für Tetanus- und Magen-Darm-Infektionen haben, können sich im Universitätsklinikum in der Magdeburger Straße impfen lassen.  Die Aufräumarbeiten in Halle  werden von der Halleschen Wasser und Stadtwirtschaft koordiniert. Die Stadt beginnt ab Montag, dem 10. Juni 2013, 8 Uhr mit der Beräumung der Sandsäcke.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU)  hat wegen der Hochwasserkatastrophe das Ladenschlussgesetz im Land aufgehoben. Ab sofort können damit zum Beispiel Baumärkte und Lebensmittelgeschäfte länger öffnen. Die Verfügung gelte so lange, bis der Katastrophenalarm in den jeweiligen Gebieten aufgehoben ist. Mit der Lockerung des Gesetzes soll Helfern die Möglichkeit gegeben werden, auch am späten Abend Lebensmittel einzukaufen.

Sämtliche Fernzüge von Berlin und Magdeburg nach Leipzig fahren wegen der Sperrung von Gleisen bei Pratau und Wittenberg über Dessau. Der Halt in Lutherstadt Wittenberg entfällt.

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