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Hausgemachte Lage: Fremdenhass: Was ist los mit diesen Ostdeutschen?

Bautzen in Sachsen am vergangenen Wochenende: Ein noch nicht bezogenes Flüchtlingsheim ist in Brand gesteckt worden, der Mob applaudiert.

Bautzen in Sachsen am vergangenen Wochenende: Ein noch nicht bezogenes Flüchtlingsheim ist in Brand gesteckt worden, der Mob applaudiert.

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dpa

Halle (Saale) -

MZ-Kulturchef Andreas Montag glaubt, dass die Politiker nach der deutschen Einheit die  Chance für  einen demokratischen Neustart verpasst  haben - aus Arroganz.

Was ist los mit diesen Ostdeutschen? Und woher rühren ihre Ängste vor allem Fremden, ihr Hass auf die Flüchtlinge, die doch Schutz suchen in Deutschland, weil sie gehört haben, dort gälten Recht und Kultur etwas? Zumal auf dem Gebiet der früheren DDR ist es vielerorts anders. Zu diesem Schluss kommt man nicht erst jetzt, aber dieser Tage besonders. Und es gibt leider manifeste Gründe dafür. Dass Unterkünfte, in denen Asylbewerber einziehen sollen, abbrennen, gehört seit Monaten zum ostdeutschen Alltag, die Fälle werden über die engere Region hinaus schon gar nicht mehr wahrgenommen.

Normen fallen bodenlos

Dass aber der Mob wie jüngst in Bautzen vor dem brennenden Haus feiert, das zeigt, wie bodenlos tief bei Teilen auch der bodenständigen Bevölkerung die Normen zu fallen scheinen. Falls sie denn je gelebt und nicht nur behauptet worden sind - aus Angst vor staatlicher Verfolgung in der von Amts wegen für antifaschistisch erklärten Republik der Ulbrichts und Honeckers.

Freilich, vor einem Vierteljahrhundert, als die DDR gerade in die Geschichte verabschiedet worden war und das eben noch geteilte Deutschland eine gemeinsame Chance von den Alliierten und dem Rest der teils nicht unbesorgten Welt bekam, hat es schon schlimme Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gegeben. Auch diese richteten sich gegen Fremde. Der junge, aus Afghanistan stammende Regisseur Burhan Qurbani hat mit „Wir sind jung. Wir sind stark.“ einen ebenso klugen wie emotionalen Film darüber gedreht.

Aber nun reibt man sich die Augen: Immerhin sind 25 Jahre an erfahrener Demokratie ins Land gegangen – oder etwa nicht? Da muss doch, zum Teufel, etwas hängen geblieben sein? Offenbar nicht, und die Schuld liegt zum übergroßen Teil bei der Politik, was freilich den Einzelnen nicht von der Verantwortung für sein Denken und Handeln befreit. Erinnern wir uns: Da kamen nach Jahrzehnten nicht nur administrativer Teilung, sondern auch konträrer Werte-Entwicklung Menschen in einem Staat zusammen, der nach dem Willen Helmut Kohls und anderer Protagonisten der alten Bundesrepublik genau so bleiben sollte, wie der erfolgreiche Westen eben war: Es sollte die Fortsetzung des Wirtschaftswunders mit anderen Mitteln praktiziert werden, und schon würden sich die stinkenden Industriebrachen des Ostens in blühende Landschaften verwandeln.

Andere Stimmen, wie jene des ostdeutschen Bündnisgrünen Wolfgang Ullmann zum Beispiel, der einen auch in der Verfassung definierten Neuanfang für beide Teile des neu zu bauenden, offenen Deutschland forderte, sind nicht gehört oder mit aller Arroganz der Macht überstimmt worden. Dabei hatten damals, 1990, alle Deutschen die großartige Gelegenheit und historische Pflicht, über ihre Geschichte, ihr Gewordensein und ihr künftiges Wollen ein Gespräch in Freiheit zu beginnen.

Streitpunkt Solidaritätszuschlag

Doch nichts dergleichen geschah. Der Osten wurde angehängt und gepäppelt, aber auch in weitgehender wirtschaftlicher Unmündigkeit gehalten. Das macht auch böses Blut: Während viele Westler darüber stöhnten, den zurückgebliebenen Osten nun noch mit dem Solidaritätszuschlag mästen zu müssen, fühlten sich viele Ostler (und viele zu Recht) schlecht behandelt von der freien Welt, nach der sie sich doch so gesehnt hatten.

Der Osten hatte sich gefälligst über die Demokratie zu freuen, wie sich das greinende Kind über einen Schokoladenkeks freut: Und jetzt aber bitte die Klappe halten, wir haben auch noch Wichtigeres zu tun! Dann hielten die Ossis eben die Klappe. Saßen ratlos und bockig auf dem Dreck zweier Diktaturen, hielten Demokratie für etwas, das man nur braucht, wenn es einem nützt und suchten Schuldige vor allem für selbstverschuldete Unmündigkeit, für Frust, Arbeitslosigkeit und fehlende Chancen.

Viele der Jungen, Klugen, Neugierigen sind beizeiten „rübergemacht“, das hat der Struktur nicht zum Besseren gereicht. Die Kinder der verbitterten, wenn auch nicht hungernden Daheimgebliebenen zogen los und riefen als Ortsnazis vom Dienst „national befreite Zonen“ aus – mit stillschweigender Duldung ihrer wohlanständigen Verwandtschaft.

Das haben die etablierten Parteien alles gewusst. Oder sie hätten es doch wissen können, wenn sie gewollt hätten. Nun ringt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich die Hände, als sei ein Tornado durch sein nettes Ländchen gefegt. Da muss Herr Tillich wohl die letzten 20 Jahre glatt verpennt haben. Stetig sinkende Wahlbeteiligung, Fremdenhass als Ausdruck von Selbsthass, pöbelnde, grölende Massenaufmärsche, immer dreister werdende Neonazis und die Begeisterung breiter Schichten für die populistische Partei AfD, die außer Parolen aus dem völkischen Softporno-Regal nicht viel anzubieten hat – das ist die Lage. Und sie ist hausgemacht. (mz)



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