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Harz-Tourismus: Sachsen-Anhalts Turbo-Wanderkaiser ist nicht zu stoppen

Macht dem legendären Brocken-Benno durchaus Konkurrenz. Helmut Engelmann wandert beinahe täglich im Harz.

Macht dem legendären Brocken-Benno durchaus Konkurrenz. Helmut Engelmann wandert beinahe täglich im Harz.

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Andreas Stedtler

Blankenburg -

Schneller, weiter, höher - auch wenn am Ende die Schuhsohlen brennen. Die Uhr zeigt gerade 7 Uhr, höchste Zeit für Helmut Engelmann. Sachsen-Anhalts Turbo-Wanderkaiser, das ist sein offizieller Titel unter den Harzer Wanderfreunden, will heute wieder auf Tour. Dieses Mal geht es das Bode-Tal hinauf. Sein Markenzeichen: Niemand im Land wandert schneller und mehr als der gebürtige Blankenburger. Das belegen stapelweise Hefte mit gestempelten Nachweisen, ausgestellt und bestätigt vom Verein „Gesund älter werden“ mit Sitz in Blankenburg. Er stiftet die „Harzer Wandernadel“ in mehreren Stufen.

Nachfrage steigt jedes Jahr

Diese Auszeichnungen gibt es - gegen ein Entgelt - nach einem klaren Reglement. Nur derjenige erhält sie, der beim Wandern im Harz auch genügend Stempel im Wanderpass sammelt. Das Heft kann man fast in allen Touristinformationen der Region für zwei Euro kaufen. Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr. Gegenüber 2006 ist die Zahl von 1 000 auf über 15 000 im Jahr 2015 geklettert. Für 2016, dann wird das zehnjährige Jubiläum gefeiert, peilt der Verein einen neuen Rekord an. Von 20 000 Harzer Wandernadeln ist die Rede.

Krone mit 222 Stempeln

Im Harz gibt es mittlerweile 222 ausgewählte Stempelstellen mit Geschichte und Geschichten, meistens mitten in der Natur oder an Sehenswürdigkeiten. Die Nadel in Bronze setzt acht Stempel voraus, Silber 16, Gold 24. Ab 50 Stempel avanciert man zum Harzer Wanderkönig, auch eine Anstecknadel. Für die Hälfte, also 111 Belege darf man sich Harzer Steiger nennen – und bekommt einen Stein aus Eisenerz. Die Krone trägt der Wanderkaiser mit 222 Stempeln.

Einmalig jedoch ist die Kategorie, in der Helmut Engelmann als Turbo-Wanderkaiser startet. Tempo, Tempo ist dort die Devise, etwas für ganz Leute mit besonderer Fitness und großem Ehrgeiz. Dass der 73-Jährige mit seinem roten Kaiser-Shirt an der Spitze der Harzer Wanderbewegung mitmischt, ist für ihn selbst die größte Überraschung. Denn nicht immer sind die Zeiten für ihn so glorreich gewesen wie jetzt. Ganz im Gegenteil.

Noch vor zehn Jahren eilte Engelmann überhaupt nicht von Wandererfolg zu Wandererfolg. Er war vielmehr fast ein Pflegefall. Seine Frau Elke, gleichfalls eine passionierte Wanderin, erinnert sich: „Helmut schleppte sich von Arzt zu Arzt, ein Trauerspiel.“

Jahreslang Schmerzen

Extreme Knochen- und Muskel-Beschwerden quälten Engelmann damals, sorgten für viele schlaflose Nächte. Mediziner sahen in den starken Schmerzen vor allem die Folge einer Jahrzehnte langen einseitigen Belastung beim Sitzen - hauptsächlich als Kraftfahrer. Engelmann über die Folgen: „Es war schrecklich. Manchmal konnte ich mich kaum noch bewegen.“

Chirurgen empfahlen ihm in dieser Notlage eine komplizierte, aber auch nicht ganz ungefährliche Operation an den Bandscheiben. Das Problem: Geht so etwas schief, sagt er noch heute, droht unter Umständen ein Leben im Rollstuhl. Bevor es aber soweit kommt, entschloss sich der Patient, wollte er wenigstens noch etwas anderes versuchen. Offenbar die richtige Entscheidung. In seinem Fall bedeutete das: Laufen, laufen und nochmals laufen. Der erste Test endete zwar schon nach 500 Metern, nur einen Katzensprung von seinem kleinen Häuschen in Dahlenwahrsleben (Bördekreis) entfernt. Dabei blieb es aber nicht. „Bald kräftigten sich meine Muskeln “, erinnert er sich an jene Zeit. Als Folge wohldosierter Beanspruchung stellten Orthopäden eine spürbare Entlastung von Knochengerüst und Gelenke fest. „Das war die Rettung.“

Ganz besonderes Archiv

Längst schafft Engelmann ganz andere, teils wirklich rekordverdächtige Distanzen. Wanderungen von 50 Kilometer und mehr sind für ihn längst kein Ding der Unmöglichkeit. Mit seinem Wandel vom bemitleidenswerten Kranken zum erfolgreichen Ultra-Wanderer schreibt Engelmann ein neues Kapitel in der Harzer Tourismus-Geschichte: Zunächst ging es ihm dabei „nur“ um 21 selbst geplante Etappen a 35 Kilometer pro Tag. Unterwegs am Wegesrand sammelte er an sämtlichen 222 Stempelstellen die Belege, die seinen Aufenthalt an diesen Orten bestätigten. Darüber hinaus dokumentiert Engelmann vieles mit Fotos und entsprechenden Notizen. Zwei prall gefüllte Schränke nehmen dieses besondere Archiv auf.

Wandern kann süchtig machen - ein zweiter Anlauf. Da zündete der Wanderkaiser so richtig den Turbo: Nahezu 800 Kilometer in 13 Tagen. Die Kraft dafür holte sich Engelmann in einem Fitnessstudio, nebenbei bei Tischtennis und Kegeln. So konnte die tägliche Kilometer-Belastung nach und nach erhöht werden. Über seine bislang spektakulärste Harz-Tour sagt Engelmann: „Oft wanderte ich von früh bis spät, teils über 60 Kilometer.“ Bergauf, bergab, hinterher ging es zur abendlichen Entspannung in die Sauna. Trotzdem waren die Knie nach 13 Strapaze-Tagen ziemlich lädiert.

„Doch es war nicht umsonst.“

Was für Engelmann zählt: „Ich bin der einzige Turbo-Wanderkaiser.“ Eine extra gestiftete Auszeichnung des Vereins „Harzer Wandernadel“, die der Ultra-Wanderer am Hut trägt, erinnert an die außergewöhnliche Leistung. Vereinsvorsitzende Christina Grompe: „Damit ist Helmut Engelmann so etwas wie ein Aushängeschild des Harz-Tourismus.“

Mit dem 83-jährigen Brocken-Benno aus Wernigerode, der beinahe täglich auf den Gipfel stürmt, macht der gebürtige Blankenburger dabei gemeinsame Sache. Jeder sagt vom anderen: Er ist mein bester Freund. Ausgangspunkt der Gemeinsamkeit: Beide ziehen, sobald es in der Frühe dämmert, ihre die derben Wanderstiefel an. Beide sind bereits im Morgengrauen unterwegs, auch an Feiertagen und bei jedem Wetter.

Neue Socken taugen nichts

Engelmann schwört von Beginn an auf seinen unverwüstlichen Hut mit breiter Krempe, der ihn wirksam gegen Regen schütze. Ein stabiler Wanderstock begleitet ihn immer und überall hin, gibt auf felsigen Untergrund den nötigen Halt. Und sein roter Rucksack mit einem Fassungsvermögen von 30 Kilogramm enthält Essen und Wasser. Aber auch getragene Wandersocken zum Wechseln - „mit neuen kriegt man Blasen an die Füße“ - fehlen nicht.

Eigentlich ist der Kaiser bekannt wie ein bunter Hund. Das liegt daran, dass er so oft wie möglich auch als ehrenamtlicher Wanderführer fungiert. Seine typischen Alle-Wetter-Kluft macht ihn leicht erkennbar. Dennoch sucht der Kaiser lieber verschwiegene Täler, windige, abseits gelegene Höhen. Unterwegs zwischen Schierke und Clausthal-Zellerfeld, sucht und findet der agile Rentner interessante Wege, Aussichten und Rastplätze vor allem im Umfeld der früheren innerdeutschen Grenze.

Unberührte Natur, nichts erinnert hier noch an Stacheldraht, Mauer und Minen. Diese Gegend, so Engelmanns Beobachtung, besitzt eine geradezu magische Anziehungskraft für viele Menschen aus Ost und West. Unvergesslich ist dem Wanderkaiser diese Begegnung im Hoch-Harz. „Wir trafen uns zufällig an einem einsamen Rastplatz, stärkten uns und plauderten ganz locker miteinander.“ Und wie sich dabei herausstellt, schwärmen außer dem Turbo-Kaiser auch zwei der bekanntesten niedersächsischen Unternehmer fürs Wandern: Dirk Rossmann von der gleichnamigen Drogeriekette und Martin Kind, Chef eines weltweit agierende Hörgeräteherstellers und Präsident des Bundesligisten Hannover 96.

Der Kontakt zu den beiden wandernden Großunternehmern ist nicht abgerissen. Engelmann bastelt gerade an einer Einladung. Gerne würde er ihnen die von ihm gestiftete Granit-Bank am Hang unterhalb des Blankenburger Schlosses zeigen. Er liebt diesen romantischen Flecken über alles. Den seiner Meinung nach schönsten Aussichtspunkt im Harz werde er wohl immer wieder aufsuchen. „So lange meine Beine mich tragen“, sagt Helmut Engelmann und schwingt emsig seinen Wanderstock.