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Halle: Neonazi-Aufmarsch wird ausgebremst

Uhr | Aktualisiert 01.05.2011 20:06 Uhr
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2 000 Demonstranten bieten in Halle 750 Rechtsextremisten den ganzen Tag über die Stirn. Die Polizei duldet Blockaden und akzeptiert sie als Kundgebung.
Halle (Saale)/MZ. 

Arthur Müller hat sich fein gemacht: Er hat sein dunkelblaues Nadelstreifen-Sakko angezogen und die Armbinde angelegt: schwarzer Apfel auf weißem Kreis auf rotem Grund. Zusammen mit einem Dutzend Freunde ist der 22-Jährige dann auf den halleschen Marktplatz geradelt: Dem verblüfften Publikum der DGB-Maifeier stellen sie sich vor als "Front deutsche Äpfel", "die am besten gekleidete nationale Bewegung im Deutschen Reich". Sie skandieren: "Was gibt der Deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft, Apfelsaft!"

Die "Apfelfront", ein loser Zusammenschluss von Schülern und Studenten, nimmt auf satirische Art und Weise Nazi-Symbolik auf - und macht sich so über Neonazis lustig. Müller und seine Freunde sind nur ein Farbtupfer in dem bunten Protest, mit dem Halle am Sonntag einem Aufmarsch von mehr als 750 Rechtsextremen die Stirn geboten hat. Rund 2 000 Menschen, so die Angaben der Polizei, demonstrieren weitgehend friedlich dagegen. Und nicht nur das: Es gelingt ihnen auch, die Rechten zu behindern und zeitweise zu stoppen. Es ist gegen 13 Uhr, die Neonazis sind noch nicht losgelaufen vom halleschen Hauptbahnhof, da gibt es auf der vorgesehenen Strecke bereits die erste Blockade: Auf eine Kreuzung unweit des Bahnhofes setzen sich rund 500 Teilnehmer einer Demonstration des Bündnisses "Halle gegen Rechts". Die Polizei riegelt die Straße daraufhin ab und leitet die Rechtsextremisten gen Norden um.

Weit kommen sie nicht: Eineinhalb Stunden später, wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt an der zentralen Steintor-Kreuzung - Blockade Nummer zwei. Mehrere hundert Gegendemonstranten, zumeist Jugendliche, sitzen auf der Straße. Die Polizei lässt sie gewähren, nachdem das Bündnis gegen Rechts den Protest kurzerhand als zusätzliche Demonstration angemeldet hat. Die Nazis müssen eine Abkürzung nehmen und werden von der Polizei viel schneller wieder zum Hauptbahnhof geleitet als ihnen lieb ist.

Nicht nur an der Steintor-Kreuzung, auch auf dem Weg dorthin werden die rechtsextremen Demonstranten von "Nazis raus!"- und "Haut ab!"-Rufen der Gegendemonstranten begleitet. So auch am Maritim-Hotel gegenüber des Hauptbahnhofes, wo die Stadt am Mittag eine eigene Kundgebung abhält. Mehrere hundert Menschen haben sich dort versammelt. Einer davon ist Klaus Herrforth. Als Siebenjähriger, erzählt der alte Herr, Jahrgang 1938, habe er am Kriegsende 1945 in Großkayna (heute Saalekreis) den Einmarsch der amerikanischen Truppen miterlebt - und die ersten Bilder aus den Konzentrationslagern zu Gesicht bekommen. "Das hat sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt", sagt er mit fester Stimme. Deshalb habe er "kein Jota Verständnis für die braunen Menschenfänger".

Herrforth ist für diese Worte extra ans Mikrofon getreten, er erntet donnernden Applaus. Auch von mehreren Landesministern. Das halbe Kabinett ist zum Demonstrieren nach Halle gekommen, neben Innnenminister Holger Stahlknecht (CDU) Justizministerin Angela Kolb, Sozialminister Norbert Bischoff und Kultusminister Stephan Dorgerloh (alle SPD). Halle sende ein friedliches Zeichen ins Land, ruft Stahlknecht der Menge zu: "Wir sind demokratisch und weltoffen!" Der Innenminister bekennt: "Das war meine erste Demo." Er komme aber gerne wieder, wenn es gegen Extremismus und Neonazis gehe.

Neben der Stadt hat auch das Bündnis "Halle gegen Rechts" eine eigene Demonstration angemeldet - rund 1 000 Teilnehmer ziehen am Vormittag im Süden der Stadt Richtung Bahnhof. Am Abend ist Christof Starke vom Bündnis zufrieden: "Wichtig war, dass wir unseren Protest zeigen konnten, dass die Nazis in ihrem Bewegungsspielraum eingeschränkt waren, und dass sich viele Hallenser unserer Demonstration angeschlossen haben", sagt er.

So friedlich der Protest überwiegend verläuft, als die Neonazis schon fast wieder am Hauptbahnhof sind, wird es für wenige Minuten brenzlig: Aus dem rechten wie aus dem linken Lager fliegen Steine und Flaschen. Schon zuvor haben an der blockierten Steintor-Kreuzung einige Mülltonnen gebrannt. Die Polizei meldet mehrere Leichtverletzte auf allen Seiten, auch in den eigenen Reihen. Genaue Zahlen lagen bis Redaktionsschluss nicht vor. 20 Menschen, überwiegend linke Gegendemonstranten, seien vorübergehend in Gewahrsam genommen worden.

Trotz der positiven Bilanz des Bündnisses gibt es auch Kritik: "Die Polizei war streckenweise überfordert", sagt Sebastian Striegel, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Landtag: Man habe die Situation unterschätzt, obwohl vorher klar gewesen sei, dass viele Neonazis nach Halle kommen würden. Zudem seien einige Beamte rüde gegen Gegendemonstranten vorgegangen. So seien einem am Boden liegenden Demonstranten von Polizisten Haarbüschel ausgerissen worden. An der blockierten Steintor-Kreuzung hätten Beamte Pfefferspray über die friedlich sitzende Menge gesprüht. Die Polizei weist die Vorwürfe zurück: "Unsere Strategie ist aufgegangen", sagt Sprecherin Ulrike Diener. Die knapp 1 000 im Einsatz befindlichen Beamten hätten ausgereicht. Und es komme eben vor, dass Polizisten durchgreifen müssten.