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Nach Entlassung im Jobcenter Halle: Geheimsache Tempel wirft Fragen auf

Dieses Foto stammt aus dem Herbst 2012 und zeigt die Terrasse von Halles bisheriger Jobcenterchefin Sylvia Tempel. Ein-Euro-Jobber hatten damals die Balustrade mit den Säulen dort aufgebaut.

Dieses Foto stammt aus dem Herbst 2012 und zeigt die Terrasse von Halles bisheriger Jobcenterchefin Sylvia Tempel. Ein-Euro-Jobber hatten damals die Balustrade mit den Säulen dort aufgebaut.

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privat

Es war eine schöne Schau in der Neuen Residenz. Der Innenhof des von Kardinal Albrecht errichteten Renaissance-Gemäuers aus dem 16. Jahrhundert in der Innenstadt von Halle wird seit einigen Jahren in jedem Sommer zum öffentlichen Garten in wechselnden Stilformen, gestaltet von sogenannten Ein-Euro-Jobbern in einem Projekt des Jobcenters Halle und eines halleschen Bildungsträgers. 2012 wollten 81?000 Besucher die damalige Schau „Italienischer Garten“ sehen und sich in einem Hain zwischen Weinstöcken, Olivenbäumen, Säulen und Balustraden vom Großstadttrubel erholen. Getränke zu kleinen Preisen, freier Eintritt - ein Konzept, das zog. Das Ambiente scheint auch der damaligen Geschäftsführerin des Jobcenters Halle Sylvia Tempel gefallen zu haben.

MZ-Recherchen haben ergeben, dass Gegenstände aus der Schau nur wenige Wochen nach deren Ende auf Tempels privatem Grundstück im Landkreis Mansfeld-Südharz aufgetaucht sind. Ein-Euro-Jobber mussten sie erst in Halle ab- und dort wieder aufbauen.

Sylvia Tempel ist am Freitag von ihren Aufgaben vorübergehend entbunden worden. Ob ein Zusammenhang mit den Vorgängen auf ihrem Privatgrundstück besteht, war am Freitag nicht bekannt.

Die Oase in der Neuen Residenz war ein Projekt des Jobcenters Halle und des Bildungsträgers Berufliches Bildungswerk Halle-Saalekreis (BBW). Die Ein-Euro-Jobber sollten durch die Tätigkeiten für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden - auch im Sommer 2012. Im Oktober und in den ersten Novembertagen des gleichen Jahres fuhr ein kleiner Bautrupp von Halle ins Mansfelder Land zu Tempels Haus. Die Empfänger von Arbeitslosengeld II absolvierten gerade beim BBW eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung, einen sogenannten Ein-Euro-Job. Schnell war unter den anderen Ein-Euro-Jobbern im BBW bekannt, wohin die Männer fuhren: Die „Geheimsache Tempel“ wurde zum geflügelten Wort im BBW.

Eigentlich sind Ein-Euro-Jobs gesetzlich streng reglementiert. Unter anderem dürfen Ein-Euro-Jobber nur für Tätigkeiten eingesetzt werden, durch die keine anderen, regulären Arbeitsplätze verdrängt werden und die im öffentlichen Interesse liegen.

Gegenüber der MZ haben zwei Teilnehmer erklärt, auf Sylvia Tempels Grundstück gearbeitet zu haben. Der Auftrag dazu sei vom BBW gekommen, ein BBW-Mitarbeiter habe die Arbeiter zu dem Grundstück gefahren und auch wieder dort abgeholt.

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„Nachdem die Ausstellung in der Neuen Residenz beendet war, habe ich mit mehreren anderen Ein-Euro-Jobbern den italienischen Garten abgebaut. Einige Stücke, die Sylvia Tempel haben wollte, sind daraufhin auf ihr Privatgrundstück gefahren und neu aufgebaut worden“, sagte einer der Arbeiter. Auf dem Grundstück sollten die Männer verschiedene Arbeiten ausführen. Ihren Schilderungen zufolge wurde ein Beet vor dem Haus hergerichtet - mit italienischem Sandsteinkies, der zuvor in der Neuen Residenz gewesen war. Eine Stelle im Hof hinter dem Haus, auf der sich vorher ein kleines Beet befunden hatte, wurde gepflastert, eine Trennwand im Hof direkt daneben angebracht. Die Arbeiter montierten auch ein Rankgitter an einer Hauswand und pflanzten einen Weinstock davor. Ein wetter- und frostfester Kübel für einen Olivenbaum wurde gebaut, ebenso wie eine Balustrade rund um die Terrasse hinter Tempels Haus. Weinstock, Olivenbaum, die Balustrade und die Säulen erkannten die Arbeiter wieder. Auch diese Gegenstände hatten zuvor in der Neuen Residenz gestanden. Einen Tisch und eine Liege, die genauso aussahen wie die Tische und Liegen aus dem Italienischen Garten, entdeckte der Bautrupp ebenfalls.

Üblicherweise werden die Gegenstände aus den Schauen in der Neuen Residenz nach deren Ende öffentlich versteigert. Ob Sylvia Tempel die Gegenstände, die die Arbeiter sahen, ersteigert oder anderweitig bezahlt hat oder ob sie ihr geschenkt wurden, wissen die Arbeiter nicht. Auf entsprechende MZ-Fragen haben weder das BBW noch Sylvia Tempel geantwortet. Tempel ließ über eine Anwaltskanzlei mitteilen, „dass - zumindest derzeit - eine Stellungnahme nicht erfolgt.“ Die BBW-Vorstandsvorsitzende Andrea von Jagemann teilte als Antwort auf einen Fragenkatalog der MZ mit, „dass wir zu den aufgeführten Sachverhalten keine Auskunft geben können.“

Die Ein-Euro-Jobber versichern, für die Arbeit keine Extra-Vergütung bekommen zu haben - „kein Trinkgeld und kein Bargeld.“ Sylvia Tempel hätten sie, als sie auf dem Grundstück gearbeitet haben, nicht gesehen. Dennoch seien ihnen gelegentlich Reklamationen Tempels ausgerichtet worden, so dass einige Arbeiten wiederholt oder nachgebessert werden mussten. Auch dazu wollten Sylvia Tempel und das BBW keine Angaben machen.

Knapp zwei Jahre lang ist die „Geheimsache Tempel“ von offizieller Seite unbeachtet geblieben. Ob den Antikorruptionsermittlern der Bundesagentur für Arbeit, die derzeit das Jobcenter durchleuchten, die Vorgänge auf Sylvia Tempels Grundstück bekannt sind, blieb am Freitag offen.

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