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Freizeittrend: Segelfliegen im Aufwind

Ein imposanter Ausblick auf das Harzvorland. Der 19-jährige Sören Cleve steuert das Segelflugzeug so, dass es den Aufwind nutzt und damit in eine Höhe von knapp 1 000 Meter steigt.

Ein imposanter Ausblick auf das Harzvorland. Der 19-jährige Sören Cleve steuert das Segelflugzeug so, dass es den Aufwind nutzt und damit in eine Höhe von knapp 1 000 Meter steigt.

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Wohlfeld

Greifvögel kreisen über einer weit entfernten, sonnigen Bergkuppe - ohne einen Flügelschlag, minutenlang. „Dort steigt warme Luft auf, die trägt - da ist gute Thermik“, sagt Sören Cleve. Der 18-Jährige will es heute den Milanen und Bussarden wieder gleich tun. Dazu steigt der Gernröder in ein Segelflugzeug. Fliegen ohne Motor, das ist seine Leidenschaft. Start ist am Flugplatz Ballenstedt (Landkreis Harz).

Wie der künftige Student der Luft- und Raumfahrttechnik entdecken immer mehr junge Leute in Sachsen-Anhalt dieses Hobby, allein in Ballenstadt ist es ein Dutzend. Nach einem Sinkflug, vor allem in den 1990er Jahren, befindet sich der Segelflug seit einiger Zeit wieder im Aufwind. Mittlerweile ist nahezu jedes zweite Mitglied der landesweit 15 Segelflugvereine unter 25 Jahre.

Bevor Sören Cleve abhebt, bespricht er sich mit einem der erfahrensten Fluglehrer der Region. Karl-Heinz Rau, der schon auf mehrere tausend Flüge verweisen kann, breitet dazu die Flugkarte aus. Der 56-Jährige macht auf markante Punkte in der Landschaft aufmerksam. Auch einige sich auftürmende Wolken sind ein Thema. Aber nach einem Gewitter, das Segelflieger in Gefahr bringt, sieht es nicht aus.

Startvorbereitungen

Die Startvorbereitungen beginnen. Ein Traktor zieht eines der fünf Segelflugzeuge aus dem Hangar. Sören Cleve legt derweil den Notfallschirm an. An Bord folgt die vorgeschriebene Überprüfung diverser Mechanismen - Höhenruder, Leitwerk, Bremsklappen. Dabei erzählt der Abiturient von seinem ersten Flug mit 14 Jahren, einem verwirklichten Kindheitstraum. Unvergesslich bleibe ihm das Bild seiner Heimatstadt Gernrode, aus über 1 000 Meter Höhe. „Da wusste ich endgültig, Segelfliegen - das ist mein Ding.“

Ganz billig ist die Leidenschaft freilich nicht, auch wenn der Ballenstedter Verein nicht auf Gewinn aus ist. Die Ausbildung kostet so viel wie der Erwerb eines Pkw-Führerscheins. Der Gegenwert, den ein Segelflieger erhält, erscheint Sören Cleve jedoch unbezahlbar: lautlos und auf sich allein gestellt mit den Vögeln zu ziehen. Das sei für ihn Faszination pur. Selbst seine Mutter, die anfangs besorgt-skeptisch gewesen ist, teilt seine Begeisterung, seitdem sie einmal mit ihm mitgeflogen ist.

Auf der nächsten Seite geht es unter anderem um Prüfungen, Hebeldruck und "Tage der offenen Tür".

Inzwischen liegen hinter ihm nicht nur die drei Prüfungen bis zur Pilotenlizenz, sondern auch lange Distanzflüge. Dabei vergeht die Zeit im wörtlichen Sinne wie im Fluge. So legt der Segelflieger beispielsweise an einem halben Tag eine Route von Ballenstedt über Eisleben, Nordhausen, Goslar und Blankenburg zurück - gut 200 Kilometer, von Thermik zu Thermik. Ohne die Ausnutzung dieses physikalischen Aufwind-Effektes würde des Flugzeug sinken - ungefähr eineinhalb Meter pro Sekunde.

Aber jetzt geht es endlich los. Über Funk ist die Startfreigabe erfolgt. Einen Kilometer entfernt beginnt sich rasend schnell die Maschinenwinde zu drehen. Das dicke Drahtseil, an dem das Flugzeug hängt, spannt sich. Ein Ruck, dann saust der Segler polternd über das Gras - immer schneller. Rasch ist Tempo 80 erreicht, nun hebt Sören Cleve ab. Im 45-Grad-Winkel erreicht die Maschine eine Höhe von 450 Metern. Ein metallischer Schlag ist zu hören. Das Seil sinkt an einem Fallschirm hinab. Plötzlich herrscht völlige Ruhe, nur die Luft rauscht kaum merklich an der Kanzel vorbei.

Aufwindzone

Auf einen Hebeldruck hin legt sich das Flugzeug zur Seite, um Kurs auf die anvisierte Bergkuppe zu nehmen. Fast scheint es, als würden die dort kreisenden Vögel auf das Segelflugzeug warten. Doch sie drehen ab, als es sich nähert. Sören Cleve findet die Aufwindzone. Unter günstigen Bedingungen kann ein Segelflugzeug auf diese Weise mehrere tausend Meter steigen. Das sind Höhen, erklärt der junge Pilot, in denen die Luft spürbar dünner, eine Sauerstoffgerät überlebenswichtig werde. Das sei aber auch ein Punkt, der ihn vielleicht in seiner beruflichen Laufbahn als Luft- und Raumfahrttechniker beschäftigen werde.

Mit solchen Ambitionen ist Sören Cleve keine Ausnahme. Ob in Ballenstedt oder in einem der anderen Vereine, fast überall wollen Flugsportler ihr Hobby zum Beruf machen. Der 17-jährige Hannes Guth, einer von gegenwärtig zwölf Flugschülern am Flugplatz Oppin (Saalekreis) strebt zum Beispiel eine Ausbildung zum Lufthansa-Piloten an. Das Segelfliegen vermittelt ihm den ersten Einblick in die Luftfahrt. Andere Jugendliche, so in Schönebeck und Gardelegen, wollen zur Bundesluftwaffe. Um neue Interessenten für den Spaß am Fliegen zu gewinnen, veranstalten die Vereine „Tage der offenen Tür“. Die nächste Veranstaltung findet am 11. Oktober in Oppin statt - inklusive günstiger Mitfluggelegenheiten. Das Motto des Tages: „Das Glück hat Flügel“. (mz)

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