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Extrem selten in Europa: 500 Jahre alte Alchemistenwerkstatt in Wittenberg

Restauratorin Vera Keil

Restauratorin Vera Keil vom Landesmuseum für Vorgeschichte begutachtet Hinterlassenschaften einer rund 500 Jahre alten Alchemistenwerkstatt.

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dpa

Halle (Saale)/Wittenberg -

Am Anfang waren es mehrere Tausend Glasscherben, rund 500 Jahre alt. Zwei Jahre später entpuppen sich die in Wittenberg entdeckten Stücke als Sensation. „Das sind die ältesten in Mitteleuropa gefundenen Hinterlassenschaften aus einer Alchemistenwerkstatt“, sagt der Archäologe Alfred Reichenberger, Sprecher des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle.

„Derartige Stücke sind extrem selten. Alchemistische Stücke in diesem Umfang wurden nur noch in Oberstockstall in Österreich vor einigen Jahrzehnten entdeckt“, so der Experte. In Wittenberg waren die Funde in einer Abfallgrube an der nördlichen Außenmauer des ehemaligen Wittenberger Franziskanerklosters ans Licht gekommen, im Zuge eines innerstädtischen Neubaus.

Im ersten Moment sah alles nach Hausrat aus der Luther-Epoche aus. Die Stücke wurden auf 1520 bis 1540 datiert. „Allerdings passten die rötlichen und braunen Anhaftungen an den Scherben nicht zu dieser These“, sagt der Archäo-Chemiker Christian-Heinrich Wunderlich vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Auch giftiges Antimon gefunden

Eine chemische Analyse ergab, dass diese Ablagerungen Antimonverbindungen sind. „Ein untrügliches Indiz, dass es sich um die Reste von Glasgefäßen einer Alchemistenwerkstatt handelt“, sagt Wunderlich. „Das Experimentieren mit Antimon war typisch für die Goldsucher in den Alchemistenküchen.“

Beim weiteren Graben fanden die Archäologen auch ausgeschmolzene Antimonstücke. „Antimon ist wie Arsen hochgiftig“, so der Experte. „Aber mit Hilfe dieses Elementes konnten die natürlichen, im Gold vorkommenden Beimischungen gelöst und das Gold sehr rein gemacht werden.“

Die Restauratorin Vera Keil setzte in mühseliger Kleinarbeit die Glasstücke wie in einem Puzzle zusammen. „Für mich war das eine große Herausforderung“, sagt Keil. Es dauerte rund 2800 Arbeitsstunden, bis plastisch sichtbar wurde, um was es sich dabei handelte: Sieben große Destillierkolben, dazu zwölf Retortengefäße, mehrere Destillierhauben, weitere Glasgefäße.

Dazu passten auch die ausgegrabenen dreieckigen Schmelztiegel sowie Tonmaterial, das zum Ummanteln der Destilliergefäße diente. Das bewahrte die Gefäße vor zu großer Hitze und damit vor dem Zerspringen. Feuerfestes Glas gab es noch nicht. Die gefundenen Gefäße sind auf der zeitgenössischen Darstellung einer Alchemistenwerkstatt von 1532 genau zu sehen.

Zudem wurde in einem Tontopf das Skelett eines kleinen Hundes entdeckt. „Das muss ein Schoßhund gewesen sein. Es war üblich, kleine Hunde zu Versuchszwecken in Alchemistenwerkstätten zu halten“, sagt Wunderlich.

Andreas Stahl, der Historiker des Landesmuseums Halle, wertet den Fund als einmalig und herausragend. „Ob es sich bei dieser Alchemistenwerkstatt aber um die des Dr. Faustus handelt, bleibt Spekulation. Allerdings war Alchemie mehr als Golderzeugung. Die medizinische Fakultät der Universität Wittenberg war in der Luther-Zeit führend.“

Ausstellung ab Ende 2016

Die sogenannte spagyrische Medizin, ein Zweig der Alchemie, beschäftigte sich mit der chemischen Umwandlung von pflanzlichen, mineralischen und tierischen Substanzen zu Arzneimitteln. Um wirksame Präparate zu erhalten, wurden hauptsächlich die unterschiedlichsten Stoffe destilliert.

„Was auffällt, ist das vollständige Fehlen von Werkzeugen“, sagt Wunderlich. „Offenbar musste der Alchemist fliehen. Das war damals in einer derartigen Karriere nicht unüblich, denn Gold konnte nicht gewonnen werden, und die Geduld des Herrschers war irgendwann zu Ende. Das Werkzeug konnte er mitnehmen, die zerbrechlichen Gefäße nicht.“

Voraussichtlich ab Ende 2016 sollen die Funde in einer Ausstellung zu sehen sein. „Neben den Originalen wird eine komplett nachgebaute Alchemistenwerkstatt mit funktionstüchtigem Brennofen gezeigt“, sagt Reichenberger. (dpa)