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Erlebte Geschichte: Drei Wettiner bei Gedenkfeier in Auschwitz

Die Schülerinnen Lina, Marie und Anna (von links) vor dem Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Die Schülerinnen Lina, Marie und Anna (von links) vor dem Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Foto:

Oliver Müller-Lorey

Krakau -

Lina übt schon wieder polnisch. Im schwarzen Kleinbus, der sich durch den Feierabendverkehr von Krakau quält, sitzt sie auf der Rückbank. In der Hand ein Din-A4-Blatt mit einem polnischen Text. Sie kämpft mit den langen, für Deutsche kaum auszusprechenden Worten. Aber sie hat es sich in den Kopf gesetzt: Am Abend, wenn sie eine Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz trifft, will sie eine kurze Rede auf polnisch halten. Das gehöre sich so.

Vier Tage nach Krakau

Lina und zwei Mitschülerinnen - Marie und Anna - besuchen das Burggymnasium Wettin. Die 17-Jährigen sind für vier Tage in Krakau und nehmen an der Gedenkfeier zum 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau teil. Sie sind die ersten Schülerinnen aus Sachsen-Anhalt, die über ein neues Förderprogramm Gedenkreisen in ehemalige Vernichtungslager unternehmen können.

Anfang des Jahres hatte das Land einen Vertrag mit der Bethe-Stiftung aus Bergisch Gladbach bei Köln geschlossen. Sie stellt zwei Jahre lang jeweils 180 000 Euro zur Verfügung, die Landeszentrale für Politische Bildung gibt 75 000 Euro dazu. Künftig haben bis zu 25 Schulklassen so die Chance, eine finanziell geförderte Bildungsreise nach Polen zu unternehmen. Ihr Eigenanteil ist gering.

Engagement für Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen

Lina, Anna und Marie engagieren sich schon lange für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen. Sie haben im Saalekreis Stolpersteine verlegt, zu Opfern der Euthanasie in Bernburg recherchiert und zwei Zeitzeuginnen an der Schule empfangen. Für sie ist die Reise nach Krakau und Auschwitz auch eine Belohnung. Und natürlich geht es bei 17-jährigen Schülerinnen selbst bei einer Fahrt mit so ernstem Anlass nicht nur um Geschichte. Melancholisch, nein, das sind die Schülerinnen nicht.

Wie gebannt haben sie dem Gespräch mit der Zeitzeugin Zofia Posmysz entgegengefiebert, sich Fragen überlegt. Zwei Minuten vor dem Gespräch mit der Auschwitz-Überlebenden sitzt Lina mit dem Manuskript, das ihr eine polnischsprachige Lehrerin übersetzt hatte, in der Hotellobby und übt ein letztes Mal. Die junge Frau hat ihre roten Haare nach hinten gesteckt. Lina trägt ein grünes Oberteil und eine schwarze Jacke. Für den Abend, hieß es noch in Deutschland, sollten die drei sich schick machen.

Dann geht es los. „Welche Erinnerungen haben Sie an früher? Gerüche, Stimmen?“ fragt Marie. Es herrscht Totenstille, Anspannung liegt in der Luft. Zofia Posmysz antwortet sofort. Sie könne den Walzer von Strauß nicht mehr hören, erzählt sie. Das Lagerorchester habe den Walzer damals für die SS-Wachen gespielt. Es war das Lieblingsstück der Aufseher. An ihrem weißen Rüschen-Oberteil trägt die Überlebende ein buntes Porzelan-Amulett. Ein Bekannter habe es ihr kurz vor der schrecklichen Zeit in Auschwitz geschenkt. Wenig später sei er erschossen worden. Das Amulett trage sie jeden Tag.

Nie wieder Krieg

Dann holt Lina ihren Zettel heraus und beginnt zu lesen. Die Mundwinkel der 93-jährigen Überlebenden zucken. Ihre Hände legt sie in ihren Schoß. Ihre Augen sind weit geöffnet. Lina kämpft mit den fremden Worten, verspricht sich, macht Pausen, muss kichern. Aber das macht nichts. Am Ende steht die gerührte Zofia Posmysz auf, drückt Lina fest an sich und küsst sie auf die Wange. „Danke“ sagt sie auf polnisch. Und dann auf Deutsch: „Nie wieder Krieg“.

Eine Viertelstunde nach dem emotionalen Gespräch beginnt der offizielle und auch der steifere Teil des Abends. Es sprechen Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), der ebenfalls an der Gedenkfeier teilnehmen wird, der deutsche Botschafter und eine Vertreterin der Bethe-Stiftung.

Aber etwas stimmt nicht. Den jungen Frauen aus Wettin ist gegen Ende der Veranstaltung Enttäuschung anzusehen. Anne kneift die Lippen zusammen, Marie lässt ihren Löffel neben das Dessert fallen. Einen Tag vor der Gedenkfeier in Auschwitz erfahren sie, dass es Probleme bei der Organisation gibt. Das Stammlager - ein Teil des Doppellagers Auschwitz-Birkenau - werden sie wohl nur ein paar Minuten besuchen. „Dabei war das Lager einer der Hauptgründe, wieso wir nach Polen gefahren sind“, sagt Anna.

Wenige Plätze für Veranstaltung

Doch die Sicherheitsvorkehrungen für die Veranstaltung sind extrem hoch. Zur Gedenkfeier kommt nur, wer sich rechtzeitig angemeldet hat - und nicht einmal das ist eine Garantie für den Einlass. Selbst kurz vor Beginn der Veranstaltung wissen noch nicht alle, ob sie einen der wenigen Plätze für die Veranstaltung bekommen. Lina, Anna und Marie sind schließlich doch nicht dabei.

Am 27. Januar 2016 – dem 71. Jahrestag der Befreiung des Lagers in Auschwitz – stehen die Schülerinnen mit ihrer Lehrerin im anderen Teil des riesigen Lagers: In Birkenau. Die Veranstaltung im Stammlager Auschwitz sehen sie über eine Videoleinwand. Die meisten Redner sprechen Polnisch oder Hebräisch – eine Übersetzung gibt es für die Schülerinnen nicht.

Zweite Gedenkfeier in Birkenau

Immerhin erleben die Schülerinnen den zweiten Teil der Gedenkfeier in Birkenau mit. Vor einem riesigen Stein-Mahnmal versammeln sich Überlebende, Polens Staatspräsident Andrzej Duda, kirchliche Würdenträger und ausgewählte Besucher. Die Schülerinnen stehen hinter einem Absperrgitter und beobachten, wie zunächst die Überlebenden und dann alle anderen Gäste Kerzen auf das Mahnmal stellen. Hinter dem Mahnmal wehen blau-weiß gestreifte Fahnen, die an die Lageruniformen erinnern.

Der Himmel über Auschwitz färbt sich langsam dunkler, es riecht nach verbranntem Holz - irgendwo wird wohl jemand seinen Kamin befeuern. „Die Stille ist beeindruckend“, sagt Anna. Nur das Klicken der Fotoapparate ist zu hören, während die Menschen der Opfer der Nazi-Diktatur gedenken. „Ich kenne die Veranstaltung ja nur von Bildern.“ Es sei unglaublich, dass sie nun über die Steine gehe, über die auch schon die Gefangenen gegangen wären.

Weitere Fotos zu der Reise nach Krakau finden Sie hier. (mz)