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Dübener Heide: Wölfe suchen neue Reviere

Uhr | Aktualisiert 11.02.2014 20:52 Uhr
Die Aufnahmen eines Wolfsrudels aus dem Fläming wurde mit Hilfe einer so genannten Fotofalle nahe der Ortschaft Göritz in Brandenburg gemacht.   (BILD: Archiv/dpa)
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Spuren im Fläming belegen, wie die Rudel sich in Sachsen-Anhalt ausbreiten. Eine Moorlandschaft in der Dübener Heide könnte ihr nächstes Siedlungsgebiet werden.
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GÖRitz/MZ

Wolfspirsch im Fläming. Ohne Fernglas läuft hier gar nichts. Stück für Stück, der Blick schweift den Waldrand entlang - bis zum Dorf. Ein dunkler Schatten am ersten Gehöft, groß und grau, irgendwie struppig. Doch Schlappohren und Schwanzwackeln - das passt nicht, meint Biologin Janine Meißner. Typisch für den Wolf seien kleine, dreieckige Ohren und, dass er die Rute nicht aufrichtet.

Der kleine Ort Göritz (Landkreis Wittenberg), wo jüngst eine Fotofalle ein Wolfsrudel abgelichtet hat, versinkt hinter einem Vorhang aus feinen Schneeflocken. Eine gute Zeit, um frische Spuren zu entdecken. Kräftiger Fersenballen plus vier Zehen mit Krallen - so ein Abdruck wäre jetzt wie ein Fünfer im Lotto. Wolfsexpertin Meißner dämpft indes die Hoffnung. „Das könnte auch ein Hund sein.“ Die Gangart mache den Unterschied, gleichmäßig, ohne Schlenker.

Spuren im Schnee gibt es viele, doch über eine Stunde vergeht bis zur Überraschung: Abdrücke über Abdrücke, die man als Wolfstatzen deuten könnte. Ist dieses Gelände bei Jeber-Bergfrieden womöglich ein Spielplatz für Welpen? Meißner liest aus solchen Spuren noch etwas anderes heraus: „Im Februar ist Ranzzeit.“ Paaren sich Wolf und Wölfin, gehe es auch verspielt zu - quasi der Hochzeitstanz. Was indes an diesem Tag unauffindbar ist, sind Kot und Urin. Die Untersuchung solcher Proben, sagt Meißner, helfe bei der Zuordnung der Tiere.

Dass die Region nördlich der A 9 ins Blickfeld rückt, ist kein Zufall. Seit knapp zwei Jahren schon registrieren Jäger eine auffällige Unruhe im Revier. Immer wieder und immer häufiger entdecken sie Hinweise, die auf den Wolf deuten. Schließlich lässt das Landesamt für Umweltschutz an mutmaßlichen Wildwechseln mehrere Kameras installieren. Und Mitte Februar dann der Paukenschlag: Ein ganzes Rudel, mindestens sieben Tiere, löst bei Göritz die Lichtschranke aus. Möglicherweise gehören sogar noch mehr Tiere dazu. Es gelingt eine Serie von Aufnahmen, die auch zeigen, wie die Tiere auf das ungewöhnliche „Blitzlichtgewitter“ reagieren: wachsam, nicht panisch.

Nachwuchs auf Reviersuche

Wolfsexpertin Meißner glaubt, dass sich der 2012 geborene Nachwuchs in den nächsten Monaten eigene Reviere suchen wird. Denkbar, so die 31-Jährige, sei ein Auswandern nach Norden entlang der Elbe oder die schon lange erwartete Eroberung der Dübener Heide.

Schon seit den 1980er Jahre verirrt sich immer mal wieder ein Wolf aus Polen, wo 600 seiner Artgenossen leben, in deutsche Lande. Das Wissen über den neuen Nachbarn, der über Oder und Neiße einwandert, wächst indes nur langsam. Unbestritten: Als Brückenkopf dient ihm seit dem Jahr 2 000 die Lausitz, wo inzwischen ein gutes Dutzend Rudel aus jeweils fünf bis zehn Tieren heimisch ist. Danach beginnt die Besiedlung von ehemaligen Tagebauen hinüber ins Brandenburgische.

Es dauert Jahre, bis Naturschützer im September 2008 das erste Tier in Sachsen-Anhalt ausmachen. Der Schreck im Dörfchen Neditz (Anhalt-Bitterfeld) ist damals riesig. Denn der Wolf frisst ein Schaf, seit 150 Jahren das erste Mal in Mitteldeutschland. Dann geht es Schlag auf Schlag: 2009 tauchen die Wölfe auf dem ehemaligen Armeegelände in Altengrabow (Jerichower Land) auf. Nachwuchs stellt sich ein, die ersten Welpen außerhalb der Lausitz. Woher aber kommen die zwei Exemplare, die ab 2010 meist getrennt über den Truppenübungsplatz Annaburg (Landkreis Wittenberg) streifen? Eines der Tiere ist auf alle Fälle immer noch da, versichern Augenzeugen. Wo das andere steckt, darüber streiten die Experten.

Andres Berbig von der Referenzstelle für Wolfsschutz: „Auch dieser Wolf lebt, aber er ist eben ein wildes Tier und deshalb für uns nicht berechenbar.“ Wer wisse schon, ob der Wolf in einer Nacht 30 oder 50 Kilometer zurücklegt - ein Problem seien diese Entfernungen für die Tiere jedenfalls nicht.

Insofern wäre es kein Wunder, wenn schon morgen ein Wolf durch die Dübener Heide streift. Das meint Naturparkleiter Thomas Klepel, der sich gut vorstellen kann, wie verlockend das reiche Wildangebot wirkt. „Rehe, Hirsche, Wildschweine fast im Überfluss, das ist ein Schlaraffenland für den Wolf.“

Superlage mitten im Moor

Ihn würde es nicht wundern, wenn der Wolf die A 9 auf den neuen Wildbrücken bei Coswig und Köselitz überquert. Eine 1-A-Lage für Wölfe, darin sind sich die Experten aus Sachsen-Anhalt und Sachsen einig, ist das abgelegene Naturschutzgebiet Presseler Moor zwischen Bad Schmiedeberg und Bad Düben.

Wolfsexpertin Meißner geht dagegen davon aus, dass Wolf und Mensch sich künftig häufiger begegnen werden. Sein Nest, um die Welpen aufzuziehen, suche sich das Tier sicher gerne abseits. Jedoch fürchte der Wolf sich nicht vor Veränderungen. Er gelte als umsichtig und anpassungsfähig. „Der Wolf teilt seine Kräfte klug ein. Er ist auf der Suche nach Nahrung der geborene Ökonom.“ Dabei traue er sich sogar auch bis an Siedlungen heran.

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